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Ein risikoreicher Weg

Die Gründung einer eigenständigen orthodoxen Kirche in der Ukraine war fällig – ist aber gefährlich.

Die Kirche als nationale Identitätsstifterin: Metropolit Epiphanius, das neue Oberhaupt der orthodoxen Kirche der Ukraine. Foto: Getty Images
Die Kirche als nationale Identitätsstifterin: Metropolit Epiphanius, das neue Oberhaupt der orthodoxen Kirche der Ukraine. Foto: Getty Images

Hätte ein politischer Vordenker vor einigen Jahren vorschlagen sollen, wie die politisch und kulturell so disparate Ukraine sich als Nation festigen könne, er hätte keinen effektiveren Plan entwickeln können als das Vorgehen Moskaus seit 2014. Mit der Annexion der Krim, dem Krieg in der Ostukraine und der Neuauflage der von der russisch-orthodoxen Kirche massgeblich mitgetragenen Ansprüche auf ein mindestens kulturell dominiertes Imperium unter Moskauer Führung hat Russland die Stärkung ukrainischer Nationalität massiv befördert.

Die längst fällige Gründung und Anerkennung einer eigenständigen orthodoxen Kirche der Ukraine ist der nächste Schritt auf diesem Weg. Präsident Petro Poroschenko, der um sein politisches Überleben ringt, hat bei der Vorbereitung der kirchlichen Unabhängigkeit eine dominierende Rolle gespielt. Doch viele Ukrainer lehnen Politiker allgemein ab, erst recht aber Poroschenko. Die neue Kirche muss erst noch beweisen, dass sie mehr sein will als eine bedingungslos mit den Mächtigen verbundene Staatskirche.

Die Stärkung ihrer kulturellen Identität auch im kirchlichen Bereich dürfte für die Ukrainer hohe Kosten nach sich ziehen. Andrei Illarionow, früher Berater von Präsident Wladimir Putin, sagt unter Berufung auf seine alten Kontakte, dass Putin den Verlust der ukrainischen Unterordnung unter die russisch-orthodoxe Kirche als ebenso grosse Katastrophe ansehe wie etwa das Ende des Zarenreiches oder der Sowjetunion.

Dies ist plausibel: Der Führungsanspruch Russlands in der slawischen Welt beruht ja ausschliesslich auf der angeblichen kulturellen und spirituellen Überlegenheit gegenüber dem angeblich dekadenten Westen.

Kommt die Annexion der Ostukraine?

Bricht mit der Ukraine für Moskau das wichtigste religiöse Kronjuwel weg, so ist dies eine Kampfansage, die der stark in Kategorien von Ehre und Rache denkende und handelnde Putin kaum ohne Antwort lassen wird. Schon bisher war ein Moskauer Entgegenkommen in der Ostukraine oder bei anderen Fragen unwahrscheinlich – jetzt ist es in noch weitere Ferne gerückt.

Die Putin zuarbeitenden Ideologen, denen die jetzt existierenden Marionettenregime in Donezk oder Luhansk nicht reichen, dürften ihre Vorschläge wiederholen, die von Moskau kontrollierten Teile der Ostukraine schlicht zu annektieren. Putin – oder gegebenenfalls ein noch radikalerer Nachfolger – könnte in der Ukraine bei Bedarf auch Kirchenkonflikte an passender Stelle schüren, bis hin zu blutiger Gewalt.

Unter dem Vorwand des «Schutzes russisch sprechender Orthodoxer» könnte Moskau auch in anderen Teilen der Ukraine eingreifen und versuchen, in der Region Cherson Teile des ukrainischen Wassersystems unter Kontrolle zu bekommen, um die Krim dauerhaft mit Wasser versorgen zu können – das drängendste strategische Problem des Kreml auf dem annektierten Territorium. Poroschenko und die Kirche haben einen risikoreichen Weg eingeschlagen.

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