Ein schwieriges Erbe

Das olympische Dorf von 1936 bei Berlin wurde erst von der Wehrmacht genutzt und dann von der Roten Armee. Seit der Wende moderte es aber nur noch vor sich in. Jetzt wird es wiederbelebt.

Die Nazis hatten die Propagandawirksamkeit der Olympischen Spiele erkannt und setzten in ihrem Dorf auf eine für die damalige Zeit luxuriöse Ausstattung. Foto: Imago Images

Die Nazis hatten die Propagandawirksamkeit der Olympischen Spiele erkannt und setzten in ihrem Dorf auf eine für die damalige Zeit luxuriöse Ausstattung. Foto: Imago Images

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Zunächst einmal mussten Eidechsen und Fledermäuse umziehen, in ein nahegelegenes Naturschutzgebiet. Aber die Umsiedlung der geschützten Tiere war noch das geringste Problem für Holger Schreiber bei seinem langen Kampf um die Wiederbelebung des historischen olympischen Dorfs von 1936 vor den Toren Berlins. Der Bürgermeister der Standortgemeinde Wustermark hat sich in den Kopf gesetzt, das 52 Hektaren grosse Gelände mit seinen über 80-jährigen denkmalgeschützten Gebäuden wieder nutzbar zu machen.

Für die Gemeinde ist die Wiederbelebung eine Herkulesaufgabe. «Das Ausmass des Projekts hat uns nicht nur einmal an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit gebracht», sagt der Bürgermeister. «Aber jetzt ist es endlich losgegangen.»

Dabei ist die Gemeinde im Speckgürtel Berlins einen forschen Aufbruch gewohnt. Während die Demografen vielen anderen Orten im Osten Deutschlands eine Fortsetzung der Abwanderung bis hin zur kompletten «Entleerung» prophezeien, muss Wustermarks Bürgermeister mit einem stetigen Zuzug fertigwerden. Fast 10'000 Bewohner hat seine Gemeinde inzwischen. Allein im Ortsteil Elstal, zu dem das olympische Dorf gehört, ist die Zahl der Einwohner seit der Wende auf 4200 gestiegen und hat sich damit mehr als verdoppelt.

Nur für Männer

Mit der Erschliessung des olympischen Dorfs soll jetzt nach und nach Wohnraum für bis zu 3000 Menschen entstehen. Ende Mai wurde der erste Bauabschnitt offiziell eingeweiht. In gut zwei Jahren sollen die ersten Wohnungen fertig sein. So lautet jedenfalls der Plan.

Pläne für das olympische Dorf und seine Nutzung hat es in den vergangenen Jahrzehnten zuhauf gegeben. Das fing schon mit dem eigentlichen Bau an. Die Nationalsozialisten, die nach ihrer Machtergreifung die Propagandawirksamkeit der Spiele erkannten, wollten der Welt etwas bieten, das sie bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen hatte. So entstand in nur zwei Jahren Bauzeit eine komfortable Kolonie für etwa 3600 ausschliesslich männliche Sportler aus 49 Nationen. Die Frauen hatten ihre Quartiere in Berlin.

Wohnten die Athleten 1932 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles noch in Holzbaracken, genossen sie vier Jahre später in Berlin einen für Sportveranstaltungen neuen Luxus: Jedes aus Steinen gebaute Haus – es gab 136 einstöckige und fünf zweistöckige Wohngebäude – hatte fliessend warmes Wasser, Zentralheizung, Telefon und eine Terrasse. Auf Wunsch der Finnen entstand die erste Sauna in Deutschland.

«Dorf des Friedens» nannten die Nazis die Anlage. Gleich nach den Spielen zog aber die Armee ein.

Das «Speisehaus der Nationen» hatte 40 Säle, das Empfangsgebäude beherbergte auch eine Post und eine Bank, das Gemeinschaftshaus, das «Hindenburg-Haus», auch einen Kinosaal für Propagandafilme. Ein architektonisches Meisterwerk für die damalige Zeit war die beheizbare Schwimmhalle mit ihrem 25-Meter-Becken. Die bis zur knapp 15 Meter hohen Decke reichenden Fenster konnten elektrisch geöffnet werden und verwandelten die Halle so bei schönem Wetter in ein überdachtes «Freibad».

Und auch sonst hatten die Architekten Werner und Walter March scheinbar an alles gedacht und dabei keinen Aufwand gescheut. Eine grosse Sporthalle für Basketballer oder Turner entstand, Laufbahnen für Trainingszwecke hatten exakt die Masse der Bahnen im Olympiastadion. Für die Freizeitanlagen wurden Hunderte Bäume verpflanzt, ein künstlicher Hügel angelegt, daneben ein Teich gegraben und ein Terrassencafé gebaut.

Als «Dorf des Friedens» gaukelte die Propaganda der Nationalsozialisten der Welt diese wundersame Athleten-Oase vor. Dabei stand schon bei Beginn der Planung fest, dass nach den sechswöchigen Spielen die Wehrmacht auf dem Gelände einziehen würde. Denn gleich daneben lag einer ihrer Truppenübungsplätze.

Die Fenster des Hallenbads im olympischen Dorf liessen sich elektrisch öffnen. (Foto: Imago

Auch nach dem Krieg behielt das olympische Dorf seine Bestimmung als Militärstützpunkt. Die Armee der Sowjetunion zog ein, liess sich von einem Ostberliner Baukombinat zwischen den historischen Gebäuden mausgraue fünfstöckige Platten- und Blockbauten als weitere Wohnunterkünfte hinstellen. Sie beherbergten auch wieder Sportler. Der sowjetische Armeesportclub Elstal war gegründet worden. Etliche seiner Mitglieder bereiteten sich im ehemaligen olympischen Dorf für künftige Spiele und andere internationale Wettkämpfe vor.

Spätestens 1992 war damit Schluss. Mit dem Abzug der Roten Armee fiel das gesamte Gelände in einen zerstörerischen Tiefschlaf. Wildschweine durchfurchten das Gelände. Der künstliche Teich, längst zur Pfütze verkommen, wurde zur Heimat von Reihern oder Kranichen. In den bröckelnden Mauern hatten Eidechsen ein neues Zuhause gefunden. Nur Devotionaliensammler störten gelegentlich die neu erwachte Fauna- und Florawelt. Frost und Feuchtigkeit taten ein Übriges, das historische Denkmal bröckelte, faulte und moderte vor sich hin. Und kein Investor weit und breit war in Sicht.

Mit der Übernahme des Areals durch die Landesentwicklungsgesellschaft Brandenburg schien Mitte der Neunzigerjahre Rettung in Sicht zu sein. Grosse Pläne und grosse Sprüche kündigten den Aufbruch an, doch es endete jämmerlich. Statt eine «Wohnstadt im Grünen» für mindestens 1,5 Milliarden Euro zu errichten, zog die Landesregierung nach einer Kette von Pleiten, Pech und Pannen 2001 die Notbremse und schickte ihre Entwicklungsgesellschaft in Liquidation. Danach gab es nur zaghafte Versuche, den weiteren Verfall des olympischen Dorfs wenigstens etwas aufzuhalten. Mehr als etwas museale Nutzung kam dabei nicht heraus.

Nichts für die Einheimischen

Das änderte sich erst, als Bürgermeister Schreiber, der hier aufgewachsen ist, 2013 aktiv wurde, um endlich seinen Traum vom neuen Leben im olympischen Dorf zu verwirklichen. 1,3 Millionen Euro brachte die Gemeinde dafür auf; weitere 2,6 Millionen für die Erschliessung und Entwicklung des Geländes bekam Schreiber aus einem nationalen Förderprogramm. Dann stieg eine private Projektentwicklungsgesellschaft ein. Im Sommer 2017 schliesslich der erste Spatenstich.

Knapp zwei Jahre später folgte nun die Einweihung des ersten, etwa 10 Hektaren grossen Bauabschnitts. Mehr als 50 Millionen Euro wurden hier investiert. Die meisten der ersten gut 200 Wohnungen, die hier entstehen sollen, sind bereits verkauft. Zu Preisen, die sich die durchschnittlichen Wustermarker jedoch kaum leisten können, wie auch der Bürgermeister eingesteht.

Darum sollen laut Schreiber künftig auch Bauten für den sozialen Wohnungsbau entstehen – ob das klappt, ist bislang offen. Unklar ist auch, wie lange sich das Projekt noch hinziehen wird. Spätestens Ende des nächsten Jahrzehnts aber soll das neue «olympische Dorf» komplett fertiggestellt sein. Schreiber glaubt fest an seinen Traum.

Erstellt: 26.07.2019, 19:15 Uhr

In Zahlen

3600

Athleten aus 49 Nationen waren 1936 für sechs Wochen im olympischen Dorf untergebracht. Auf dem Areal, das etwa16 Kilometer westlich des Berliner Olympiastadions gebaut wurde, wohnten jedoch nur die männlichen Teilnehmer.Die rund 300 Athletinnen wurden in Berlin untergebracht.

141

Wohngebäude umfasste das olympische Dorf. Während die Athleten vier Jahre zuvor bei den Spielen in Los Angeles in einfachen Holzbaracken wohnten, setzten die Nationalsozialisten bei ihren Spielen auf viel Komfort.

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