«Ein Spiel mit der Menschheit»

Experten an der Münchner Sicherheitskonferenz warnen vor einem neuen atomaren Wettrüsten. Und sind entsetzt, wie locker über den Einsatz von Waffen gesprochen wird.

«Das Misstrauen wächst»: Teilnehmer der Münchner Sicherheitskonferenz. Foto: Ralph Orlowski (Reuters)

«Das Misstrauen wächst»: Teilnehmer der Münchner Sicherheitskonferenz. Foto: Ralph Orlowski (Reuters)

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Der atomare Schrecken heisst in der Regel Nordkorea. Das dortige Regime versucht seit Jahren, sich Atomwaffen zu beschaffen, und hat etwa den USA mit deren Einsatz gedroht. Doch Experten der Münchner Sicherheitskonferenz warnen, dass auch Atommächte wie Russland oder die USA bald 30 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges wieder auf nukleare Sicherheitsstrategien setzen. Kritiker sprechen bereits von einem zweiten nuklearen Zeitalter – mit mehr Akteuren und weniger Stabilität. US-Präsident Donald Trump hat dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un unverblümt mit seinem roten Atomknopf gedroht. In München folgte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg dieser Linie im Wesentlichen: Pyongyang sei schliesslich näher an München als an Washington. «Das Ziel der Nato ist eine Welt ohne Nuklearwaffen», beteuerte Stoltenberg, doch solange andere Staaten sie hätten, müsse man sie behalten: «Wir brauchen eine sichere nukleare Abschreckung.»

Die USA hatten Anfang Monat angekündigt, neue Atomwaffen mit geringerer Sprengkraft zu bauen. Das sei nötig, weil Russland ähnliche Waffen getestet habe. Die USA rüsteten nicht auf, betonte US-Vizeaussenminister John Sullivan in München. Washington modernisiere lediglich sein Arsenal. Mit diesem Schritt solle ja gerade verhindert werden, dass die Waffen je zum Einsatz kommen; eine Anwendung sei in der neuen US-Atomwaffenstrategie strikt geregelt. Laut Sullivan ist jedoch eine atomare Vergeltung auch bei einem massiven konventionellen Angriff auf die USA denkbar. Amerikanische Abgeordnete haben zudem am Sonntag in München bestätigt, dass zumindest Diskussionen laufen, den Einsatz der neuen, kleineren Atomwaffen sogar bei einem Cyberangriff in Betracht zu ziehen.

Relikt einer alten Zeit

«Das Misstrauen wächst», sagte der ehemalige russische Botschafter in den USA, Sergei Kisljak. Er warf den USA vor, Atomwaffen als taktische Kriegswaffe anzusehen und nicht als klassisches Mittel der Abschreckung. Unabhängige Experten betonen, dass alle Grossmächte bereits daran seien, ihre Atomarsenale zu modernisieren, und sehen das Ende der Abrüstungsabkommen der 70er- und 80er-Jahre kommen: Der INF-Abrüstungsvertrag sei in Gefahr, das Start-Abkommen laufe in drei Jahren aus. Bereits ab 2021 könnte man deshalb ohne eine russisch-amerikanische Vereinbarung über das Atomarsenal dastehen. Denn ein Ersatz der Abkommen ist nicht in Sicht: Die Rüstungsverhandlungen sind als Relikt einer alten Zeit längst eingestampft worden.

Er sei entsetzt, mit welcher Leichtigkeit hier über den Einsatz von Atomwaffen geredet werde, sagte Javier Solana, der einstige Nato-Generalsekretär und spätere EU-Chefdiplomat. Andere Konferenzteilnehmer pflichteten ihm bei und kritisierten, das sei «nichts anderes als der Beginn eines nuklearen Wettrüstens». Unabhängige Sicherheitsexperten erklären, es gehe darum, diese Waffen einsatzfähiger zu machen – allen Dementis aus Moskau oder Washington zum Trotz. Die neuen Atombomben sollten nicht nur der Abschreckung dienen, sondern seien dafür gedacht, etwa in regionalen Konflikten auch eingesetzt zu werden. Und wirklich klein sind sie nicht: Die US-Modelle sollen etwa die Sprengkraft der Bomben haben, die in Hiroshima und Nagasaki zum Einsatz kamen.

Schliesslich wisse man genau, welches Leid diese Waffen verursachen. 

«Wenn wir diese Waffen haben, werden wir sie auch brauchen», warnte Beatrice Fihn in München. Die schwedische Journalistin ist seit 2014 Direktorin der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, die letztes Jahr den Friedensnobelpreis erhielt. «Die Atommächte denken, es passiert nie etwas. Sie tun so, als steckten sie die Waffen für immer in ihr Silo – als gebe es nie Fehler, keine Missverständnisse.» Doch das sei pure Fantasie. Und schliesslich wisse man genau, welches Leid diese Waffen verursachen. Doch darüber wollten die Atommächte nicht sprechen. «Einfach auf Glück zu hoffen – das ist keine Sicherheitsgarantie», so Fihn.

Waffen, die keinen Sinn machen

122 Staaten haben letztes Jahr einen Vertrag unterzeichnet, um Atomwaffen zu verbieten. Ein absolutes Verbot sei unumgänglich, ist Fihn überzeugt. Das zeige etwa der Umgang mit den geächteten chemischen oder biologischen Waffen. Heute sage kein zivilisiertes Land mehr, solche Waffen dürften im Notfall zum Einsatz kommen. «Die Atomwaffen müssen für die Staaten zu einer politischen Bürde werden.» In den Verteidigungsministerien vergesse man zu oft, wen man eigentlich schützen wollen: die Zivilisten, die Menschen. «Diese Waffen machen keinen Sinn.»

Die Argumentation, das Gleichgewicht des Schreckens habe während des Kalten Krieges vielleicht einen Schlagabtausch verhindert und neue Atomwaffen könnten dies auch in Zukunft tun, lässt Fihn nicht gelten. «Das ist ein Spiel mit der Menschheit. Und dieses Spiel werden wir alle verlieren, da gibt es keine Sieger.» Ein einziger Fehler reiche. «Und wir können nicht immer Glück haben.»

Erstellt: 18.02.2018, 21:34 Uhr

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