Was ist Terrorismus?

Diktatoren nutzen ihn, Demokraten ebenso: «Terrorismus» ist ein Begriff, für den es keine allgemeingültige Definition gibt. Eine Klärung.

Terror in Jordanien: 1970 sprengen palästinensische Terroristen drei Flugzeuge, darunter eines der Swissair. Passagiere waren keine mehr an Bord. Foto: Getty Images

Terror in Jordanien: 1970 sprengen palästinensische Terroristen drei Flugzeuge, darunter eines der Swissair. Passagiere waren keine mehr an Bord. Foto: Getty Images

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Der Islamische Staat hat es diesmal ganz langsam angehen lassen. Chérif C. war bereits ein paar Stunden tot, als die Terrormiliz ihre Botschaft an die Welt schickte: Der Attentäter von Strassburg, der mindestens drei Menschen getötet hatte, sei ein «Soldat» des IS gewesen. Davor war er, wie man weiss, zwar noch einiges andere: fragmentarisch beschulter Jugendlicher, Dieb, Einbrecher, verurteilter Krimineller. Aber jetzt: IS-Kämpfer, «Terrorist», wie Strassburgs Bürgermeister Roland Ries ihn nannte. C.s letztes grosses Ding war ein terroristischer Akt, jüngstes Kapitel im Kontinuum eines Jahrhundertverbrechens. Diese Zuordnung ist – neben vielem anderen – ein ganz anderes Kaliber als C.s Knastschlägereien. Nur – was beschreibt sie? Und was verschweigt sie?

Zunächst das Naheliegende, sie beschreibt – aus der Sicht derjenigen, die sie anwenden – in aller Regel etwas Verabscheuungswürdiges, zutiefst Unmoralisches. Das bedarf der Erwähnung, denn der Terror hatte nicht immer einen schlechten Ruf. In der Französischen Revolution war für den Wohlfahrtsausschuss um den neuerdings in Frankreich wieder sehr populären Maximilien de Robespierre «Terror» ebenjener Schrecken, den die Revolution benötigte, um Tugend und Demokratie zu ihrem Recht zu verhelfen.

Inspiriert von diesem Gedanken, bekannte sich auch Lenin früh zum Terror als politischem Instrument, das Dekret über den «Roten Terror» sollte 1918 die Bourgeoisie als Klasse vernichten und selbstverständlich alle weiteren Saboteure des Sozialismus wie Popen, Kulaken oder Konterrevolutionäre gleich mit. Die Gerichte, so schrieb Lenin 1922, sollen den Terror keineswegs beenden, sondern «begründen und legalisieren». Was sie taten.

Mädchen heissen «Terrora»

Unter den Neugeborenen der jungen Sowjetunion schlug sich diese Doktrin in einer ganzen Generation von Kindern mit aussagekräftigen und ideologisch einwandfreien Namen nieder. Russische Eltern – bedacht, ihre Loyalität zu demonstrieren – wählten nicht nur Namen nach bolschewistischen Modebegriffen – «Elektrifikazija», «Proletarskaja Rewoluzija» –, sondern man fand auch die eine oder andere kleine «Granata» oder eben «Terrora». Für die Untersuchung der europäischen Tatorte ist dies von begrenztem Aussagewert, streift aber bereits die heikle Beziehung des Staates zum Terror und zum Terrorismus.

Klärender scheinen die gängigen Terrorismusdefinitionen der Vereinten Nationen, der Europäischen Union oder mancher der inzwischen sehr zahlreichen Terrorismusexperten. Die UNO etwa spricht von Straftaten, die «mit dem Ziel begangen werden, die ganze Bevölkerung, eine Gruppe von Personen oder einzelne Personen in Angst und Schrecken zu versetzen, eine Bevölkerung einzuschüchtern oder eine Regierung oder eine internationale Organisation zu einem Tun oder Unterlassen zu nötigen».

Ohne Zweifel: Einiges lässt sich auf den Strassburger Attentäter problemlos anwenden. Wozu schiesst jemand um sich in einer Stadt in Weihnachtsstimmung, wenn er nicht «Angst und Schrecken» verbreiten möchte. Aber der zweite Teil? Die Nötigung einer Regierung?


Bildstrecke: Anschlag auf Strassburger Weihnachtsmarkt


Auch die Europäische Union benennt – neben deutlich detaillierter geschilderten Taten wie «Kapern von Luft- und Wasserfahrzeugen» oder «Herbeiführen von Bränden, Überschwemmungen oder Explosionen» – als Ziel des Terrorismus die Einschüchterung der Bevölkerung oder die Nötigung öffentlicher Stellen, etwas zu tun oder zu lassen. Eine Absicht der Terroristen könne aber auch darin bestehen, die «Grundstrukturen eines Landes oder einer internationalen Organisation ernsthaft zu destabilisieren oder zu zerstören».

Abu Musab al-Suri würde dem sicher zustimmen. Geboren im syrischen Aleppo, wurde Mustafa Setmariam Nasar, wie er richtig heisst, später spanischer Staatsbürger, lebte in Grossbritannien, wird derzeit in einem syrischen Gefängnis vermutet und gilt – nach dem Ägypter Sayyid Qutb und dem Palästinenser Abdullah Assam – als aktuell einflussreichster Ideologe des Jihadismus. Bereits 2005 – damals noch für al-Qaida – entwarf er auf 1500 Seiten den Leitfaden für die jüngste Generation von Attentätern: nicht mehr als verschworene Kampfgemeinschaft wie die arabischen Afghanistan-Kämpfer, nicht mehr die präzise planenden Zellen für Schläge gegen Amerika, sondern als Netzwerke, die auf Europa, den «weichen Bauch des Westens», zielen, um es von innen auszuhöhlen.

Der sorgfältig ausgebildete Ingenieur? Ein Auslaufmodell. Suri sprach die Verirrten und Marginalisierten an, Analphabeten, psychisch Kranke, Treibgut der europäischen Gesellschaften. C. war ein idealer Kandidat. Dem IS, seines einst eindrucksvollen Territoriums beraubt, muss diese Strategie ortloser Mobilisierung wie ein Geschenk des Himmels erscheinen. Selbstverständlich hätte C. sich nicht als Terroristen bezeichnet. Das tut – Robespierre hin, Lenin her – keiner mehr gern. Terrorismus als Beschreibung für das Motiv von Handlungen ist eine Zuschreibung, das Etikett von anderen, in aller Regel eines Staates und seiner Geheimdienste.

Vorwand und Versuchung

Die kurdische PKK, die palästinensische Hamas, die libanesische Hizbollah mögen in den Dossiers des Westens Terrorgruppen sein. Für die Mehrzahl der Kurden, Palästinenser, Libanesen sind sie Widerstandskämpfer, die einem Staat entgegentreten, der Unrecht verübt. Und wie oft dient der Vorwurf des «Terrorismus» Regierungen auch nur als Vorwand, um ihrerseits Terror zu verüben?

Wladimir Putin nutzte eine Serie von Sprengstoffanschlägen auf Wohnhäuser in Russland als Vorwand für den zweiten Tschetschenien-Feldzug – und die Festigung seiner Macht. Wenn der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi Zehntausende einkerkert, tut er dies selbstverständlich im Namen des «Kampfes gegen den Terrorismus». Für Diktaturen ist «Terrorismus» eine erprobte Rechtfertigung, für Demokratien eine ständige Versuchung. Kein Geheimdienst der Welt kann darauf verzichten, den Terrorismusbegriff möglichst weit und möglichst wolkig auszulegen. Was also taugt er noch?

Sollte man nicht besser ganz auf einen Begriff verzichten, der sich so leicht missbrauchen lässt? Vielleicht. Aber nicht, ohne ihn ganz zu begreifen. Der Nachdruck, den die Definitionen auf die mögliche Beeinflussung von Staaten legen, lässt sich nämlich auch anders begreifen: All die schreckenerregenden Videos, die Tweets und Posts, und ja, auch die Anschläge selbst sind Botschaften an ein «Zielpublikum», wie der schottische Terrorismusforscher Bruce Hoffman es nennt, mithin: Kommunikation.

Die Gewalt ist zurückgekehrt, und sie bedarf nicht der Empörung, sondern der Beschreibung.

Das ist für Europa ein Problem. Der Kontinent – beschenkt mit Jahrzehnten fast ununterbrochenen Friedens – hat nicht nur Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzung geächtet, sondern ein Verständnis für die Sprache der Gewalt gleich mit. Nach den Exzessen des vergangenen Jahrhunderts wird Gewalt nicht mehr als soziale Konstante behandelt, sondern als das schlechthin Unbegreifliche, das Kranke, kurz ganz andere.

Diese Verständnislosigkeit ist ein Mangel, um den die Welt Europa beneidet, aber auch einer, den es sich nicht mehr leisten kann. Die Gewalt ist zurückgekehrt, und sie bedarf nicht der Empörung, sondern der Beschreibung. Der Alles-und-nichts-Begriff «Terrorismus» hilft dabei nicht, denn er verspricht eine Trennung zwischen «denen» und «uns», die es längst nicht mehr gibt. Deshalb: auf den Müllhaufen der Debatte damit.

Erstellt: 16.12.2018, 21:51 Uhr

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