Eine Bewährungsprobe mit offenem Ende

Der türkische Präsident Erdogan kann den versprochenen Wohlstand nicht mehr garantieren.

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Die Türkei ist ein Land mit extremen sozialen Unterschieden. Die aktuelle Währungskrise macht die Armen noch ärmer. Aber sie wird auch die Reichen nicht lange verschonen, weil viele ihr Leben oder ihre Firma seit langem auf Pump finanziert haben mit günstigen Krediten in Euro und Dollar, die jetzt sehr teuer werden.

Die Türkei ist auch ein krisenerfahrenes Land, und in der Not ist meist die Solidarität gross. Doch diese Krise wird das Land nicht einigen, sondern noch tiefer spalten. Sie wird zur politischen Bewährungsprobe für das neue Präsidialsystem, das sich Recep Tayyip Erdogan auf den Leib geschneidert hat.

Bildstrecke: Türkische Währung stürzt auf historischen Tiefpunkt

Erdogans grosses Versprechen war es, die Türken könnten in Wohlstand leben, solange sie nur fleissig seien und ihm das Regieren über­liessen. Lange löste er dieses Gelöbnis ein, die Einkommen stiegen ständig. Nun aber führt die Rolltreppe nicht mehr aufwärts, es geht auch nach unten. Erinnerungen an 2001 werden wach. Damals explodierte die Inflationsrate bis auf fast 70 Prozent. So weit ist es noch lange nicht. Aber die Krise 2001 hatte ebenfalls nicht nur wirtschaftliche Ursachen, sie zeigte das Versagen des politischen Systems. Das brachte schliesslich Erdogan an die Macht. Deshalb wird er diese Erinnerung nicht mögen.

Pech der Türkei ist es nun, dass sie sich mit Donald Trump angelegt hat. Das macht Vorhersagen über den Ausgang des Dramas völlig unmöglich. Gegenseitiges Misstrauen belastet die Beziehungen schon länger, der Syrienkrieg hat es vertieft. Und der Putschversuch vom Juli 2016. Erdogan unterstellt den USA eine Mitschuld, weil sie den Prediger Fethullah Gülen ­beherbergen. Deshalb wurde ein US-Priester in der Türkei ins Gefängnis gesteckt, dessen Freilassung Trump mit allen Mitteln erzwingen will. Der Putschversuch ist bis heute ein Dunkelfeld, das lässt die Verschwörungstheorien blühen. Das ändert aber nichts daran, dass sich hier zwei Nato-Partner gegenseitig praktisch jede Gemeinheit zutrauen. Ende offen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2018, 20:36 Uhr

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