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Das Elend auf den Ferieninseln

Die griechischen Aufnahmelager sind hoffnungslos überfüllt, die Verhältnisse prekär. Die Gewalt unter den Flüchtlingen fordert Tote.

Leben in prekärsten Verhältnissen: Ein Junge vor dem Massenlager von Moria auf Lesbos. Foto: Angelos Tzortzinis (dpa)
Leben in prekärsten Verhältnissen: Ein Junge vor dem Massenlager von Moria auf Lesbos. Foto: Angelos Tzortzinis (dpa)

Für die meisten Menschen auf den griechischen Ägäis-Inseln geht eine Woche der Wut zu Ende. Es ist die Wut der Machtlosen gegen das Flüchtlingselend. Sie fühlen sich alleingelassen – von der Zentralregierung in Athen und von den Europäern. Allein seit Sommer 2019 zählte die EU-Grenzschutzagentur Frontex über 80'000 illegale Einreisen nach Griechenland. Auf Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos vor der türkischen Küste halten sich derzeit mehr als 40'000 Migranten auf – neben etwa 210'000 Einwohnern.

Am Mittwoch gingen dort Einheimische auf die Barrikaden, sie skandierten: «Wir wollen unsere Inseln zurück, wir wollen unser Leben zurück!» Tags darauf reisten Lokalpolitiker nach Athen, um eine rasche Lösung des Problems zu fordern. Es gab mehrere Treffen mit Regierungsvertretern, darunter auch mit dem kürzlich ernannten Migrationsminister Panagiotis Mitarakis. Das Kabinett plant, neue geschlossene Aufnahmelager auf den Inseln einzurichten. Die jetzigen Lager sollen bis Sommer geschlossen werden, versprach Mitarakis.

Die Bewohner sind skeptisch, schliesslich hatte die Regierung auch im vergangenen Herbst angekündigt, die Flüchtlingslager dichtzumachen. Man wolle sich nun intensiver über die Zu­stände austauschen, hiess es etwas ratlos nach den Gesprächen. Es reiche nicht, wenn die Regierung den Menschen auf den Inseln sage, dass ihr Zorn gerechtfertigt sei, kritisierte die Athener Zeitung «Kathimerini». Auf diesen Ärger gebe es nur eine richtige Antwort: Die betroffenen Inseln entlasten, das Asylverfahren beschleunigen und nationale Solidarität zeigen. Davon scheint Griechenland weit entfernt zu sein. Zahlreiche Gemeinden auf dem Festland lehnen die Unterbringung der Geflüchteten ab.

Stundenlang in der Schlange

Um eine Eskalation der Lage zu verhindern, braucht es dringende Massnahmen. Vor allem im Massenlager von Moria auf Lesbos leben die Ankömmlinge in prekärsten Verhältnissen. Auf 100 Flüchtlinge kommt eine Toi­lette, das Gelände ist vermüllt,an manchen Tagen müssen die Menschen stundenlang in einer Schlange stehen, bis sie ihre Mahlzeit bekommen, es fehlt an Schlafplätzen und Duschen. Gedacht war das Flüchtlingscamp für 3000 Menschen, heute vegetieren hier etwa 20000 Flüchtlinge dahin – in Containern, Zelten und auf einem angrenzenden Olivenhain.

«Können Sie sich vorstellen, an einem Platz zu leben, an dem Sie ihr Zelt nach 21 Uhr nicht verlassen können, weil Diebe alles stehlen und Sie verletzen werden, wenn Sie nicht alles herausgeben?», schreibt Parwana in ihrem «Letter to the World from Moria». Die Afghanin ist dort Lehrerin und Bloggerin. Mitte Januar machte sie auf das Schicksal einer Mutter von zwei kranken Babys aufmerksam. «Ist dies wirklich Europa? Ist dies der Kontinent der Hoffnung? Wo ist das helle Licht, das wir hier für unsere Kinder finden wollen? (...) Wir sind in der Dunkelheit gefangen.»

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen warf der Regierung in Athen vor, sie verwehre mindestens 140 Kindern mit chronischen und lebensbedrohlichen Krankheiten im Lager Moria die medizinische Versorgung. Die Kinder sollten umgehend auf das griechische Festland oder in andere EU-Mitgliedsstaaten gebracht werden, um medizinisch behandelt zu werden, so die weltgrösste Nothilfeorganisation.

In Moria haben in den letzten Tagen die gewaltsamen Auseinandersetzungen zugenommen. Es kommt immer wieder zu Messerstechereien vor allem zwischen afrikanischen und afghanischen Männern. Letzte Woche erlagen ein Jemenit und ein Afghane ihren Stichverletzungen. Die Mehrheit der Geflüchteten auf den Ägäis-Inseln kommt aus Syrien, an zweiter Stelle stehen Menschen aus Afghanistan.

Die Zahl der afghanischen Staatsbürger, die mit Schlauchbooten griechische Inseln erreichen, nimmt aus mehreren Gründen zu. Im vergangenen Jahr hat die Türkei damit gedroht, 100'000 Afghanen in ihre Heimat zurückzuschicken. Viele von ihnen brachen daraufhin in Richtung Griechenland auf. Die unsichere politische Lage und die grosse Wirtschaftskrise im Iran, wo viele Afghanen schwarz arbeiten, hat zudem Tausende gezwungen, das Land zu verlassen.

Nicht alle wollen oder können nach Westeuropa. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration sind 2019 knapp 500'000 Afghanen aus dem Iran in ihre Heimat zurückgekehrt. Doch gleichzeitig flüchten Menschen aus dem Hindukusch, weil die afghanische Tragödie kein Ende nimmt.

Laut dem Migrationsforscher Gerald Knaus werden derzeit in Griechenland pro Kopf mehr Asylgesuche gestellt als in allen anderen EU-Staaten zusammen. Dass die griechische Bürokratie die etwa 80'000 Anträge allein bearbeiten kann, gilt als unrealistisch. Ein Syrer kann gemäss dem Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der türkischen Regierung erst in die Türkei zurückgeschickt werden, wenn das Asylverfahren mit einem negativen Entscheid abgeschlossen ist.

Fehler eingestanden

Die neue konservative Regierung von Kyriakos Mitsotakis hatte im vergangenen Jahr einen härteren Kurs gegen Migranten und Flüchtlinge angekündigt. Eine der ersten Massnahmen war die Abschaffung des Migrations­ministeriums. Griechische Juristen sprachen damals von einem anachronistischen Schritt.

Nun musste Mitsotakis öffentlich eingestehen, dass die Abschaffung ein Fehler war. Das Migrationsministerium soll wieder gegründet werden. An der Spitze des wohl schwierigsten Ressorts steht Panagiotis Mitarakis. Er war bisher Staatssekretär im Arbeitsministerium.

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