Eine Kommunikationsblamage erster Klasse

Greta und der öffentliche Verkehr: eigentlich ein Traumteam. Die Deutsche Bahn macht daraus ein Desaster.

Greta Thunberg sitzt auf dem Boden der Deutschen Bahn. Foto: Keystone

Greta Thunberg sitzt auf dem Boden der Deutschen Bahn. Foto: Keystone

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Einen besseren Werbeträger als Greta Thunberg könnte sich die Deutsche Bahn nicht wünschen. Das Mädchen, das zweimal den Atlantik nur mit Windkraft überquert hat, reist tatsächlich im Zug nach Hause – und verkündet das der Welt per Twitter.

Kein Ökolabel kann das aufwiegen, keine millionenschwere Kampagne. Den Eindruck trüben kann nicht einmal, dass der Teenager im Bahnwagen auf dem Boden sitzen musste: Überfüllte Züge sprechen doch eigentlich für die Beliebtheit der Bahn, nicht dagegen. Greta jedenfalls war happy: «Finally on my way home». Endlich auf dem Heimweg!

Mit ihrer humorfreien Zeigefinger-Reaktion schadet die Bahn ihrer natürlichen Verbündeten Thunberg. Und sich selbst.

Die Deutsche Bahn aber ist verschnupft und zahlte es der Aktivistin heim. Ebenfalls per Tweet belehrte sie Thunberg säuerlich, sie hätte besser auch davon getwittert, «wie freundlich und kompetent Du an Deinem Sitzplatz in der Ersten Klasse bedient worden bist». Die Geschichte dahinter: Ein ICE auf der Strecke Basel–Hamburg war ausgefallen. Bis Kassel musste Greta unbequem reisen. Aber dann wurde sie, wie ihre Mitreisenden, in die erste Klasse komplimentiert. Kann passieren, kein Weltuntergang.

Mit ihrer humorfreien Zeigefinger-Reaktion schadete die Bahn sowohl ihrer natürlichen Verbündeten Thunberg als auch sich selbst. Gretas Kritikern gab sie die Gelegenheit, den Teenager als Scheinheilige darzustellen. Das habe Greta «Glaubwürdigkeitspunkte» gekostet, meinte Familienministerin Franziska Giffey. «Wie echt ist Greta?», trompetete die «Bild»-Zeitung.

Der Rest der Twittergemeinde und das Kommentariat in den Leitmedien schüttelt über die Deutsche Bahn den Kopf. Sie sucht den Streit mit ihrer Greta und zahlt Millionen für eine Kampagne mit Nico Rosberg, einem Star der Formel 1. Das Werbevideo zeigt den Hauptdarsteller Rosberg übrigens in einem überfüllten Zug.

Erstellt: 17.12.2019, 13:00 Uhr

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