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Eine Provokation zu viel

Thilo Sarrazin gibt auf. Seine Sprüche haben den Volkswirt das Amt gekostet – trotz eines bemerkenswerten Leistungsausweises.

Der deutsche Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin hat um seine Entlassung gebeten. Mit Blick auf die öffentliche Diskussion werde er seine Zusammenarbeit mit der Bundesbank zum Monatsende beenden, teilte die Bundesbank am Donnerstagabend mit.

Sarrazin selber sagte bei einer Lesung am Abend in Potsdam, der Bundesbankvorstand habe seine Anwürfe gegen ihn zurückgezogen. «Danach habe ich den Bundespräsidenten gebeten, mich mit Ablauf des 30. September von dem Amt zu entbinden.»

«Ich war nie illoyal, aber zu jeder Zeit unabhängig»

Der Wirtschaftsexperte hat sich mit seinem Buch «Deutschland schafft sich ab» und vorbereitenden Interviews immer mehr ins politische Abseits manövriert. Der 65 Jahre alte SPD-Politiker unterstellt Migranten, insbesondere Muslimen, mangelnde Integrationsfähigkeit. Er verbreitet unter anderem die These, «muslimische Migranten» würden wegen höherer Geburtenraten auf Dauer Staat und Gesellschaft in Deutschland übernehmen. Sarrazin hatte in der hitzigen Debatte über sein Buch zudem davon gesprochen, alle Juden teilten ein bestimmtes Gen.

Das war eine Provokation zu viel. Thilo Sarrazin sorgt in Deutschland seit Jahren für Aufregung und Empörung. Dabei wies er stets von sich, um der Aufmerksamkeit willen zu provozieren: «Ich war nie illoyal, aber zu jeder Zeit unabhängig», beschrieb Sarrazin einst sein Selbstverständnis. Bei einer Buchpräsentation letzte Woche sagt er, er wolle «verstehen und gestalten».

Die Finanzen Berlins saniert

In Gera kurz vor Ende des Kriegs in grossbürgerlichem Elternhaus geboren, studierte Sarrazin Volkswirtschaftslehre. Sein «Interesse für Politik und Geschichte» habe ihn dazu motiviert, sagte er einmal. 1975 trat er ins deutsche Finanzministerium ein, wo er 16 Jahre lang blieb. 1991 wurde Sarrazin Staatssekretär für Finanzen in Rheinland-Pfalz, später Vorstandsmitglied bei der Deutschen Bahn.

2002 nahm Sarrazin in der hoch verschuldeten Hauptstadt den Posten des Finanzsenators an und wurde zu einer schillernden Figur im Kabinett des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD). Dazu trugen nicht nur seine Erfolge im Amt bei. Dank eines eisernen Sparkurses schaffte es Sarrazin, den Landeshaushalt aus der Neuschuldenspirale zu hieven. 2007 und 2008 konnte das Land sogar Überschüsse verzeichnen.

Ein Interview, das für Wirbel sorgte

Gleichzeitig machte er mit markigen Sprüchen auf sich aufmerksam. Beliebtestes Ziel seiner Attacken waren Hartz-IV-Empfänger und Arbeitslose. Um zu untermauern, dass der Hartz-IV-Satz ausreiche, liess Sarrazin einen Speiseplan entwickeln, mit dem er beweisen wollte, dass man auch mit weniger als vier Euro am Tag «ausgewogen, auskömmlich essen» kann. Als ein Moderator ihm daraufhin vorrechnete, dass seine Speisepläne eher Diätkost entsprächen, sagte der Senator: «Wenn man sich das anschaut, so ist das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht.»

Auch nach seinem Wechsel zur Bundesbank im Mai vergangenen Jahres äusserte Sarrazin munter weiter seine Sicht auf den Zustand der Republik. Im Mauerfall-Jubiläumsheft der Zeitschrift «Lettre International» äusserte er sich provokanter als zuvor und kritisierte grosse Teile der arabischen und türkischen Einwanderer als «weder integrationswillig noch integrationsfähig». Sie hätten für die Gesellschaft «keine produktive Funktion, ausser für den Obst- und Gemüsehandel». Schon damals sorgt er für Wirbel und Proteste.

Eine Sprache, die verstanden wird

Sein jüngstes Buch, in dem er erneut Thesen über die Integrationsprobleme insbesondere von Muslimen äusserte, löste schon vor Erscheinen heftige Kontroversen aus. Sarrazin räumte ein, dass das Buch durchaus auch «wertende Zuspitzungen» enthalte. Ein Buch, das den Menschen erreichen wolle, müsse auch eine Sprache sprechen, die verstanden werde, sagte er.

Die Bundesbank mochte einer solchen Argumentation nun nicht länger folgen. «Einvernehmlich» trennte sie sich von ihrem umstrittenen Vorstandsmitglied. Sollte Wulff dem Antrag Sarrazins auf Entbindung von seinem Posten zustimmen, wäre dies in der mehr als 50-jährigen Geschichte der Bundesbank ein Novum. Auf der Kippe steht auch Sarrazins Mitgliedschaft in der SPD, nachdem der Parteivorstand ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn eingeleitet hat.

Ungeachtet der Kritik hat sich Sarrazins Buch zu einem Bestseller entwickelt. Vergangene Woche sagte ein Sprecher der Deutschen Verlags-Anstalt, derzeit werde die sechste Auflage gedruckt. Die Gesamtauflage liege nun bei 250'000.

AFP/oku

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