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Eine «Superministerin» ohne Klimbim

Österreichs neue Umweltministerin Leonore Gewessler ist eine Pragmatikerin, in der immer noch eine Aktivistin steckt.

MeinungPeter Münch, Wien
«Wir wollen in Europa Vorreiter sein für Klimaschutz»: Umweltministerin Leonore Gewessler. Foto: Barbara Gindl (Keystone)
«Wir wollen in Europa Vorreiter sein für Klimaschutz»: Umweltministerin Leonore Gewessler. Foto: Barbara Gindl (Keystone)

Als sie beim Bundeskongress der Grünen an diesem Wochenende das Wort ergreift, wird es still im Salzburger Congress-Haus. Kein Johlen kommt vom Publikum, keine Pointe vom Podium. Wenn Leonore Gewessler spricht, dann gibt es: Fakten und Zahlen und Daten und kein Klimbim drum herum. Supersachlich tritt sie auf, und auf ihre Kompetenz und Durchsetzungskraft bauen die österreichischen Grünen nun in der Regierung mit der ÖVP, die an diesem Dienstag in Wien vereidigt wird. Als «Superministerin» für Umwelt, Verkehr, Infrastruktur, Energie, Technologie und Innovation soll Leonore Gewessler Österreich verändern.

«Wir wollen in Europa Vorreiter sein für Klimaschutz», hat die 42-Jährige den Delegierten versprochen, und ihr Hebel dafür sind ein Milliardenbudget sowie das mit 70 Seiten eindeutig umfangreichste Kapitel im Koalitionsvertrag. Sie hat es selbst federführend ausgehandelt mit Elisabeth Köstinger von der ÖVP, die in der früheren Regierung das Umweltministerium innehatte. Dass diese beiden Frauen nun gemeinsam auf einen grünen Zweig gekommen sind, darf als gutes Vorzeichen gelten für das Bündnis der ungleichen Partner.

Früher sind die Positionen stets hart aufeinandergeprallt, wenn Gewessler, damals noch für die österreichische Umweltorganisation Global 2000, auf diversen Podien mit Köstingers Politik abrechnete. Einig waren sich die beiden nicht einmal, als sie auf einer dieser politpopulistischen Veranstaltungen gemeinsam Apfelstrudel backen sollten: Gewessler wollte Rosinen, Köstinger nicht.

In Kletterkluft zum Wahlkampffinale

Bei Global 2000 hat Gewessler fünf Jahre lang als Geschäftsführerin für eine andere Umweltpolitik gekämpft. Erfolgreich war sie mit einer Kampagne, die das Ende der Kohleverstromung in Österreich einleitete. Sehr pragmatisch kann sie sein, doch wenn es nötig ist, weckt sie auch als Politikerin noch die Aktivistin in sich: Zum Wahlkampffinale der Grünen Ende September erschien sie in Kletterkluft auf der Bühne. Unmittelbar davor war sie mit ein paar Mitstreitern auf den Kran an der Wiener Parlaments-Baustelle gestiegen, um dort in der Höhe ein Transparent zum grünen Klimaschutz zu hissen.

In die Politik wechselte sie erst im Sommer. Werner Kogler, der Grünen-Chef und künftige Vizekanzler, hatte sie angerufen und ihr für die Parlamentswahl gleich den Listenplatz zwei angeboten. Hörbar gemurrt hat keiner, dem sie vorgezogen wurde. Ihre Qualifikation ist unbestritten.

«Umsteuern» will Gewessler nun zunächst in der Verkehrspolitik mit einem verbilligten Jahresticket für den gesamten Nah- und Fernverkehr.

Hipster-Allüren sind Gewessler zwar wesensfremd, aber sie verkörpert jene grüne Bürgerlichkeit, die den Brückenbau zu den jungen Konservativen in der ÖVP nicht allzu schwer macht. Aufgewachsen ist sie in Graz, wo der Vater als Arzt arbeitete. Für ihr Politikstudium zog sie nach Wien.

Gewessler, die verheiratet ist, bewegt sich in Wien am liebsten mit dem Fahrrad fort. Für längere Strecken nutzt sie Nachtzüge. «Umsteuern» will sie nun zunächst in der Verkehrspolitik mit einem verbilligten Jahresticket für den gesamten Nah- und Fernverkehr. Ihr Amt tritt sie mit ein wenig Demut und viel Tatkraft an. «Das ist eine Riesenverantwortung», hat sie beim Bundeskongress gesagt, «aber auch eine Riesenchance.»

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