Impact Journalism

Einen Olivenbaum adoptieren, ein Dorf retten

Tausende Olivenbäume und Dutzende Häuser werden in Spanien verlassen, weil die Menschen in die Städte abwandern. Wer aber einen Baum adoptiert, kann ihn retten – und das Dorf auch.

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von Patricia Peiro, «El Pais», Spanien

Es gibt kaum Schlimmeres, als bis zum völligen Verschwinden vernachlässigt zu werden. Aus genau diesem Grund verschwanden die Olivenbäume von Oliete, einem Dorf in der Provinz Teruel im Osten Spaniens. Olietes 300 Einwohner sind umgeben von Olivenbäumen, die meisten Familien besitzen etwas Land mit mindestens einer Handvoll. Aber Oliete liegt in einer der verlassensten Regionen Europas, und je mehr das Gebiet sich entvölkerte, desto schneller wurden seine 100'000 Olivenbäume dazu verdammt, auszutrocknen und einzugehen. Und dann, vor vier Jahren, kamen ihnen Hunderte von Paten zu Hilfe.

Alberto Alfonso (41) ist einer der vielen Einheimischen von Oliete, die auf der Suche nach Arbeit in die grosse Stadt abwanderten (in seinem Fall Barcelona). Jedes Jahr kehrte er zur Olivenernte zur Farm seiner Familie zurück. 2013 fielen ihm die leeren, vernachlässigten Felder seiner Nachbarn auf. Es gab niemanden mehr, der sie bestellte und 70 Prozent der Bäume waren aufgegeben worden. «Er sagte zu mir: ‹Unser Dorf stirbt, wir müssen etwas tun›», erzählt Sira Plana. Ihr Grossvater war in den 1950er-Jahren der Tierarzt des Dorfes, ihre Eltern waren nach Madrid abgewandert.

Alfonso und Plana gründeten Apadrina un Olivo (Adoptiere einen Olivenbaum), eine Hilfsorganisation, die im Dorf Arbeitsplätze schaffen, das 100 Jahre alte Ökosystem retten und wieder Leben in eine sterbende Region bringen sollte.

Sie hatten zwar eine Idee, aber es fehlte das Geld zur Umsetzung. Zudem gehörten die meisten der Bäume, die sie retten wollten, niemandem mehr. Viele waren Menschen überlassen worden, die das Dorf verlassen und keine Zeit und Absicht hatten, jemals zurückzukehren. «Wir sind dann auf das Modell einer Landpartnerschaft gekommen», sagt Plana. «Es kümmert sich jemand um das Land, das einem anderen gehört.»

Dieser Artikel ist Teil unserer Berichterstattung zum Impact Journalism Day 2018. Hier gehts zur Collection.

Zwei junge IT-Ingenieure, die Alfonso 2013 auf einer Party in London getroffen hatte, kümmerten sich um die Finanzierung. Das Internet war der einzige Weg, um die Geschichte von den Bäumen, die gerettet werden mussten, zu verbreiten. Pablo Garcia, Adrian Martin und dessen Bruder Jose Alfredo fotografierten alle bedrohten Bäume, gaben jedem einen Code und boten der Welt die Möglichkeit an, einen Baum für 50 Euro pro Monat zu adoptieren. Im Tausch würden die Geber zwei Liter Olivenöl von jeder Ernte erhalten.

Mehr als 2000 Paten

Die IT-Fachleute setzten eine Website auf mitsamt einer Strategie für soziale Medien und gelegentlichen Medienangeboten. Oliete wurde für die Welt zugänglich. Im ersten Jahr kamen 500 Geber zusammen, bis 2017 waren es 2450, darunter viele aus Frankreich und Deutschland.

Nicole Escolier, eine 68-jährige Französin, hat einige Bäume adoptiert. «Ich bin eine echte Mittelmeer-Anwohnerin, Oliven erinnern mich an meine französischen und algerischen Wurzeln», sagt sie. «Als mein Mann auf dieses Projekt stiess, hat er als Geschenk für mich einen Baum adoptiert. Inzwischen haben wir vier.» Mindestens zweimal im Jahr besucht das Paar das Dorf.

Seit ihrer Gründung hat die Organisation mehr als 7000 Olivenbäume gerettet und 14 Arbeitsplätze geschaffen. Zwei Familien zogen sogar aus anderen spanischen Regionen hierher, sodass acht Kinder neu zur Dorfbevölkerung hinzukamen. Dank ihnen bleibt auch die Schule geöffnet. 2016 legte sich Oliete eine eigene Ölmühle zu. Zwar hatte es in der Vergangenheit drei Mühlen gegeben, aber sie wurden alle vor mehr als zehn Jahren stillgelegt.

Laut Ramiro Alfonso, dem sozialistischen Bürgermeister von Oliete, hat die Initiative dem Stadtrat entscheidend geholfen bei seinen Versuchen, die Abwanderung zu stoppen. «Sie haben wieder Leben in das Dorf gebracht, haben Familien mit Kindern hierher gelockt, fördern kulturelle Aktivitäten», sagt er. «Der Rückgang der Bevölkerung ist eines der grössten Probleme für das Landleben, und sie haben sich zusammengetan, um ihn zu verhindern.»

Eine harte Region

Raul Garcia (34) ist mit seiner Familie aus Malaga nach Oliete gezogen, dank der Initiative von Apadrina un Olivo. Garcia wurde vor Ort ausgebildet und betreibt nun die Ölmühle. «Wir sind glücklich, die Kinder sind glücklich – unser Ältester besteht zum ersten Mal die Englisch-Prüfungen», lacht er. «Aber hier zu leben brauchte auch einige Anpassung. Der Winter ist hart, man sehnt sich nach Sonne oder wenigstens etwas Gesellschaft und das gibt es hier nicht.»

Jetzt, da die Organisation läuft, will sie sich darauf konzentrieren, langfristig bestehen zu können. Eine neue Gruppe von Produkten aus Olivenöl wird als Hochzeitsgeschenk angeboten, hinzu kommen Ringe aus Olivenholz. Firmen können Geschenkkörbe für ihre Angestellten bestellen und die Produkte werden in örtlichen Restaurants und auf Märkten angeboten.

Jeden Monat gibt es organisierte Besuche der Baumpaten. So hat das Dorf in vier Jahren mehr als 3000 Besucher gehabt. «Da geht es um weit mehr als eine Geldspende», sagt Plana. «Es entsteht eine echte Bindung und die Geber lernen etwas über die Probleme dieser Region.»

Langsam, aber sicher zeigen sich die positiven Effekte der Initiative. Es gibt mehr Kinder als vor ein paar Jahren, eine kleine Fabrik für Olivenprodukte wurde eröffnet, Hinweisschilder zu den Farmen aufgestellt und auf dem Land sind die Felder sauberer und grüner. Olietes uralte Olivenbäume sind noch längst nicht vergessen.

apadrinaunolivo.org

Aus dem Englischen übersetzt von Hans Brandt

(Patricia Peiro/«El Pais», Spanien)

Erstellt: 15.06.2018, 16:44 Uhr

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