Einfach mal «KZ» sagen

Dem Autor Akif Pirinçci wird Volksverhetzung vorgeworfen.

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Nein, bei seiner Rede vor der rechtspopulistischen Pegida-Bewegung in Dresden hatte Akif Pirinçci eben gerade nicht gefordert, Flüchtlinge seien in Konzentrationslager zu stecken. Akkurate Exegeten des deutsch-türkischen Autors sagen, der Satz «Es gäbe andere Alternativen, aber die KZ sind ja leider derzeit ausser Betrieb» habe sich auf ganz andere bezogen: Es seien die Gegner von Flüchtlingsheimen, die im aktuellen politischen Klima in Gefahr geraten könnten, von den Behörden in KZ gesteckt zu werden. Das habe Pirinçci gesagt und tatsächlich gemeint.

Der Gastarbeitersohn stand für die gelungene Integration.

Das ändert natürlich nichts an der Ungeheuerlichkeit, die so ein Wort, so ein Satz darstellt – nicht allein in diesem Umfeld, nicht nur in dieser aufgeladenen Situation. Gerade weil Pirinçci es so locker provokativ hingeworfen hatte. Zu ungeheuerlich war es auch für die «Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes».

Am Montag, noch während der Veranstaltung, stoppte Pegida-Chef Lutz Bachmann seinen Redner, der schon von Buhrufern unterbrochen worden war. Tags darauf erklärte er, er hätte «in diesem Moment das einzig Richtige tun sollen und sofort das Mikro abschalten». Andere erstatten Anzeige. Sachsens Oberstaatsanwalt ermittelt wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Pirinçcis Verlag erklärte, dessen Bücher würden «umgehend gesperrt und nicht mehr angeboten».

Katzenversteher und Grossverdiener

Bis vor drei Jahren kannte man den 1959 in Istanbul geborenen Pirinçci als Katzenversteher. Den Durchbruch als Schriftsteller schaffte er 1989 mit «Felidae», einem Krimi, in dem der Kater Francis die Hauptrolle spielt. Der «begnadete Erzähler» wurde dafür gerühmt, wie einfühlsam er das feline Verhalten schildern könne. Es folgten Fortsetzungen, Daueraufenthalte auf den Bestsellerlisten, eine Adaption als Trickfilm. Als «türkischer Wunderknabe» und Grossverdiener stand der Gastarbeitersohn bald für die gelungene Integration von Zuwanderern.

Und dann das. 2012 begann Pirinçci auf Blogs und an Veranstaltungen mit konservativen bis rechtspopulistischen Provokationen aufzufallen. Vor einem Jahr schmähte er in der Kampfschrift «Deutschland von Sinnen» Homosexuelle, Migranten und Frauen. Dann folgte «Die grosse Verschwulung». Der Titel, heisst es, gibt ziemlich genau den Geist, die Tonlage und die Absicht dieses Buches wieder. Anfang Jahr wurde Pirinçci dafür verurteilt, dass er einen Wissenschaftler als «geisteskranken, durchgeknallten Schwulen mit Dachschaden» bezeichnet hatte.

Menschen sind «Büchsenöffner»

War die Entwicklung Pirinçcis zum enthemmten Provokateur am äussersten rechten Rand vorauszusehen? Im Nachhinein ist man immer klüger. Aber in seinen Katzenkrimis fällt doch die exquisite Brutalität auf, die seine vierpfotigen Protagonisten bei ihren Morden und Vergewaltigungen an den Tag legen. Und die Menschen, sie heissen bei Akif Pirinçci in diesen Romanen einfach «Büchsenöffner».

Erstellt: 21.10.2015, 23:19 Uhr

«Die KZ sind ja leider derzeit ausser Betrieb»: 2012 begann der deutsch-türkische Pirinçci mit Provokationen aufzufallen. Foto: Ursula Düren (Keystone)

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