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Eitelkeit liess ihn in die Falle tappen

Mohamed Abdi Hassan alias Grossmaul ging belgischen Agenten ins Netz. Der Somalier war einer der weltweit berüchtigtsten Piraten.

Tappte in die Falle der Ermittler: Mohamed Abdi Hassan.
Tappte in die Falle der Ermittler: Mohamed Abdi Hassan.
AFP
«Ich habe Einfluss, ich mobilisiere die Gemeinden, die Geistlichen und die Frauen, die Männer vom Meer fernzuhalten»: Hassan verkündet im Januar 2013 vor den Medien, er habe die Seite gewechselt.
«Ich habe Einfluss, ich mobilisiere die Gemeinden, die Geistlichen und die Frauen, die Männer vom Meer fernzuhalten»: Hassan verkündet im Januar 2013 vor den Medien, er habe die Seite gewechselt.
AFP
Mohamed Abdi Hassan soll an der Kaperung des Schiffs beteiligt gewesen sein: Die belgische Pompei.
Mohamed Abdi Hassan soll an der Kaperung des Schiffs beteiligt gewesen sein: Die belgische Pompei.
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Abdulkadir Mohamed Afweyne wurde die Piraterie in die Wiege gelegt. Lange fristete er mit kleineren Raubzügen vor dem Horn von Afrika ein eher unauffälliges Dasein. Doch im November 2008 setzte der Somalier zum grossen Coup an: Die Kaperung des saudiarabischen Tankers Sirius Star sollte auf der ganzen Welt für Schlagzeilen sorgen. Die Entführung des 330 Meter langen Superschiffs mitsamt der 25-köpfigen Besatzung war der bis dato spektakulärste Fall von somalischer Piraterie.

Den Spitznamen Afweyne – was übersetzt soviel wie «Grossmaul» heisst – bekam er von seinem Vater Mohammed Abdi Hassan vererbt. Und nicht nur das: Auch das Handwerk der Piraterie sollte der Meeresschreck seinem Sohn weitergeben. Die Kaperung der Sirius Star war denn auch ihr Gemeinschaftswerk. Doch nun muss Afweyne ohne seinen Vater und Mentor auskommen: Nach langer Fahndung wurde Hassan gestern in Belgien festgenommen. Der erfahrene Pirat tappte am Flughafen von Brüssel in eine Falle, die von belgischen Geheimagenten während Monaten vorbereitet worden war.

Vorgegaukeltes Filmprojekt

Offenbar wurde Hassan Opfer seiner Eitelkeit. Ein angebliches Filmprojekt brachte ihn dazu, dass er letztlich ein Flugzeug bestieg, welches ihn vom kenianischen Nairobi nach Brüssel brachte. Die Geheimagenten gaben sich zuvor als Regisseure aus. Sie versprachen dem Piraten, seine vergangenen Grosstaten auf der Leinwand zu verewigen. «Es brauchte Monate, bis wir das Vertrauen von Hassan gewannen und ihn für dieses Projekt gewinnen konnten», sagte der belgische Staatsanwalt Johan Delmulle gestern gegenüber den Medien. Statt vor der Kamera landet der Pirat nun vermutlich im Gefängnis.

Hassan reiste nicht allein nach Brüssel. In seiner Begleitung befand sich Mohamed M. A. – ein somalischer Provinzgouverneur mit dem Spitznamen Tiiceey. Der Politiker war offenbar ausschlaggebend dafür, dass Hassan Vertrauen fasste und die Reise nach Europa unternahm. Seit der Pirat Anfang Jahr offiziell seine Abkehr vom Piratentum verkündet hatte, pflegte er gute Beziehungen zur hiesigen Politik. Im letzten Januar zeigte sich Hassan vor versammelter Presse geläutert: «Ich war zu lange Teil dieses dreckigen Geschäfts und bin mir der negativen Auswirkungen der Piraterie bewusst.» Der einstige Meeresschreck rief andere Piraten dazu auf, es ihm gleichzutun und der Piraterie den Rücken zu kehren.

Viel Lösegeld gefordert

Die internationale Gemeinschaft scheint Hassan nicht zu trauen. In einem letztjährigen Bericht bezeichnet ihn die UNO als «einen der berüchtigtsten und einflussreichsten somalischen Piraten». Seine letzten kriminellen Aktionen liegen denn auch nicht weit zurück. 2009 zeichnete Hassan für die Kaperung des belgischen Frachters Pompei verantwortlich. Die zehn Geiseln wurden nur gegen ein Lösegeld von über zwei Millionen Dollar freigelassen.

Seither versuchen die belgischen Behörden, die Piraten zur Verantwortung zu ziehen. Zwei somalische Piraten wurden bereits zu Haftstrafen von neun und zehn Jahren verurteilt. Dabei handelte es sich um kleine Fische, wie Staatsanwalt Delmulle nach der Verhaftung des Piraten mitteilte: «Allzu häufig bleiben die Hintermänner aussen vor und lassen andere die Drecksarbeit machen.» Gemäss Delmulle soll Hassan zwischen 2008 und 2013 etwa zehn Schiffsentführungen organisiert haben.

Rückläufiges Geschäft

Hassans Verhaftung geht mit dem Niedergang eines einst blühenden Geschäfts einher. Die Seeräuberei am Horn von Afrika, im Golf von Aden und im nordwestlichen Indischen Ozean war viele Jahre ein einträgliches Geschäft. 2011 nahmen die Piraten rund 160 Millionen Dollar an Lösegeld ein und verursachten einer US-Studie zufolge für die Schifffahrt Kosten in Höhe von sieben Milliarden Dollar.

Seit 2008 verstärkte die EU ihre Bemühungen im Kampf gegen die Piraterie. Die Operation Atalanta verschrieb sich der Verbrechensbekämpfung vor der Küste Somalias und im Golf von Aden. Mit Erfolg: Seit 2009 gab es ums Horn von Afrika keine aufsehenerregenden Vorfälle mehr zu verzeichnen. Das Schweizer Parlament sprach sich damals gegen eine Beteiligung an der Operation Atalanta aus.

Umstrittene Mission

Doch nicht nur in der hiesigen Politik ist die erste EU-Marinemission nicht unbestritten. So bemängelte die deutsche Sicherheitspolitikerin Claudia Hayndt, dass die Mission «nicht die gesellschaftlichen Ursachen der Piraterie» angehe.

Von diesen weiss Abdulkadir Mohamed Afweyne zu berichten. Der Sohn des verhafteten Hassan hat sich inzwischen als öffentlicher Kritiker der EU-Mission eine Stimme verschafft. Letztes Jahr erklärte er gegenüber dem Portal «Somalia Report» weshalb er und sein Vater Piraterie betreiben: «Es war unsere Antwort auf illegale Fischerei.» Ausländische Fischer hätten ihre Boote zerstört und sie damit ihrer Existenz beraubt. Afweyne hat inzwischen wie sein Vater das Lager gewechselt und versucht sich als politischer Vermittler zu positionieren. «Das Problem der Piraterie sollte über Verhandlungen gelöst werden und nicht durch militärische Bekämpfung», sagte Afweyne.

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