Emanuela, der Boss und der schillernde Banker des Papstes 

In der Nuntiatur in Rom tauchen die Gebeine zweier Personen auf. Die Italiener denken reflexartig an die 1983 verschwundene 15-jährige Emanuela Orlandi.

Menschliche Knochen gefunden: Zwei italienische Soldaten bewachen den Eingang zur Apostolischen Nuntiatur in Rom. Foto: Alberto Pizzoli (AFP)

Menschliche Knochen gefunden: Zwei italienische Soldaten bewachen den Eingang zur Apostolischen Nuntiatur in Rom. Foto: Alberto Pizzoli (AFP)

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Noch ist nichts klar, aber das ist ein Detail. In diesem Fall sorgt schon ein dürres Bulletin aus dem Vatikan für viel Aufregung. Für seitenfüllende Berichte in den italienischen Zeitungen, für Theorien und Thesen, alte und neue, unselige und unbeichtbare. Und das ist kein Wunder.

Im Wächterhäuschen der Villa Giorgina an der römischen Via Po haben vier Bauarbeiter, die dort den Boden renovieren sollten, eine ganze Menge menschlicher Knochen gefunden unter den aufgebohrten Steinfliesen. Ein Skelett ist fast ganz intakt. Die Gebeine sind von einer Frau. Gleich daneben waren Knochenfragmente einer zweiten Person. Nun liegt der ganze Fund in der gerichtsmedizinischen Abteilung der römischen Kriminalpolizei. Die analysiert das Genmaterial und wird dann Namen nennen, wahrscheinlich schon in den kommenden Tagen. Sollte einer dieser Namen Emanuela Orlandi sein, so viel lässt sich schon sagen, dann hat die skandalgeschüttelte katholische Kirche ein stattliches Problem mehr.

Die Villa Giorgina an der Via Po ist nämlich Sitz der Apostolischen Nuntiatur, der vatikanischen Botschaft in Italien. Und das Schicksal von Emanuela Orlandi, die vor 35 Jahren, als sie15 war, spurlos verschwand, ist eines der grossen, ungelösten Mysterien der römischen Kriminalgeschichte. Als der Vatikan vor einigen Tagen in seinem Bollettino an die Presse den Knochenfund in der Nuntiatur bekannt gab, da dachten die Italiener kollektiv und unweigerlich an das Mädchen mit dem Stirnband. So sieht man sie auf dem letzten Foto, das es von ihr gibt: hübsch, lächelnd, ein Stoffstreifen bändigt das Haar. Das Bild ist zur Ikone geworden.

Seit 1983 verschwunden: Emanuela Orlandi. (Foto: Keystone)

Emanuela Orlandi war die Tochter eines Kammerdieners von Papst Johannes Paul II., sie wohnte mit der Familie im Vatikan. Am 22. Juni 1983, um 19.30 Uhr, kurz nach ihrer Flötenlektion in der Basilika Sant’ Apollinare bei der Piazza Navona, verschwand sie. Für immer. Sie hatte noch zu Hause angerufen. Eine Kosmetikfirma, sagte sie am Telefon, habe ihr Geld angeboten fürs Verteilen von Werbeprospekten. «Wir sehen uns später.» Danach verliert sich die Spur. Einige Monate zuvor war schon ein anderes 15-jähriges römisches Mädchen, Mirella Gregori, verschwunden. Doch richtig gross verhandelt wurde nur der Fall von Emanuela Orlandi, eben weil ihr Vater ein Angestellter im päpstlichen Haushalt war, ein Vertrauter des polnischen Papstes.

Wurde Wojtyla erpresst?

Johannes Paul II. befeuerte die Aufmerksamkeit zusätzlich mit einem denkwürdigen Aufruf. «Ich gebe die Hoffnung nicht auf», sagte er beim Angelusgebet zehn Tage nach dem Verschwinden des Mädchens, «dass in den Leuten, die für diesen Fall verantwortlich sind, etwas Menschlichkeit wohnt.» Es hörte sich so an, als wüsste er mehr, als lebte sie noch. War Emanuela Orlandi entführt worden? Wurde der Papst erpresst? Und wenn ja: von wem und warum?

1983, das war mitten im Kalten Krieg, eine Zeit voller Spannungen und Spionagegeschichten. Der Papst der Öffnung aus dem Osten, Geheimdienste aus allen Herren Ländern – vielleicht war das eine Fährte. Dann, nach den anonymen Anrufen des Americano, der so genannt wurde, weil er mit amerikanischem Akzent sprach, bekam eine andere These Gewicht. «L’Americano» behauptete, er wisse, wo Emanuela festgehalten werde, und forderte den Vatikan auf, Verhandlungen aufzunehmen. Ziel war es angeblich, Ali Agca freizupressen, den türkischen Papstattentäter. Der sass damals seit zwei Jahren im Gefängnis, nachdem er auf Johannes Paul II. geschossen hatte.

Italiens Geheimdienste wollen in der Folge herausgefunden haben, dass es sich beim Americano um Monsignor Paul Marcinkus gehandelt hat, eine schillernde Figur, einst Chef der vatikanischen Bank IOR. So steht es in einem geheimen Rapport, der 1995 durch ein Leak publik wurde. Unter der Führung von Marcinkus operierte das IOR im Schatten, wusch Geld für die Mafia. Dann trat in einer Fernsehsendung die ehemalige Geliebte des Mafioso Enrico «Renatino» De Pedis auf, Chef der römischen Banda della Magliana. «Renatino», erzählte sie, habe Emanuela im Auftrag von Marcinkus entführt, weil der dem Papst im Gerangel um Macht und Geld ein Signal senden wollte. Das Mädchen sei nach acht Monaten Geiselhaft ermordet und in einen Betonmischer geworfen worden.

Als der Boss 1990 starb, wurde er unter der Basilika Sant’Apollinare bestattet – ein posthumes Privileg, das sonst hohen Prälaten vorbehalten sein sollte. Denn er hatte einen einflussreichen Fürsprecher: Don Pietro Vergari, der langjährige Rektor der Basilika, war auch sein Kaplan im Knast, sein Freund. Vergari behauptete, der Boss habe zeit seines Lebens den Armen geholfen. Als De Pedis 2012 exhumiert wurde, fanden die Ermittler unter der Kirche auch andere Gebeine. Schon damals war die Aufregung gross, weil man dachte, es könnten auch jene von Emanuela Orlandi dabei sein, der verschollenen Musikschülerin.

Der Boden aller Rätsel

Nun, sechs Jahre danach, wiederholt sich die Geschichte. Die Medien zeigen wieder das Foto mit dem Haarband, diese Ikone der Unschuld, sie lastet schwer auf dem Gewissen der Stadt. Emanuela Orlandi wäre heute 50. Ihr Bruder Pietro sagt: «Wenn es ihre Knochen sind, wäre das, als sei sie heute gestorben.» Der Steinboden im Wächterhäuschen der Villa Giorgina übrigens war in den 1980er-Jahren frisch gelegt worden, offenbar zum letzten Mal. Wann genau, ist noch nicht bekannt. Vielleicht 1983?

Die Polizei bat den Vatikan, ihr die Daten der Renovationsarbeiten auszuhändigen. Denn, nun ja, wenn es auch nicht Emanuela Orlandi oder Mirella Gregori waren, die da begraben lagen: Unter der Apostolischen Nuntiatur fand man Leichen.

Erstellt: 03.11.2018, 07:19 Uhr

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