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So will Sebastian Kurz zurück an die Spitze

Vier Monate nach dem vorzeitigen Ende der rechtskonservativen Regierung wählen die Österreicher am Sonntag ein neues Parlament. Der ÖVP-Chef hat beste Chancen auf einen Sieg.

Jung und nahbar: Sebastian Kurz, Kanzlerkandidat von postmodern-populistischer Art an einer Wahlkampf-Veranstaltung in Baden, Österreich. Foto: Leonhard Foeger, Reuters
Jung und nahbar: Sebastian Kurz, Kanzlerkandidat von postmodern-populistischer Art an einer Wahlkampf-Veranstaltung in Baden, Österreich. Foto: Leonhard Foeger, Reuters

Vor der Halle ist alles bereit. Die Jugend steht Spalier im türkisfarbenen T-Shirt, die Älteren haben sich in die besten Kleider geworfen. «Kultstatus hat er», sagt der Wahlkreiskandidat, «rockstarmässig», sagt die Pressesprecherin. Mütter schieben die Kinder nach vorn.

Pünktlich wie immer erscheint Sebastian Kurz. Er trägt seine faltenfreie Slim-Fit-Uniform: hellblauer Sommeranzug, weisses Hemd, keine Krawatte. Wie immer ist er der Einzige, der nicht schwitzt.

Es ist die grosse Welle – und Sebastian Kurz weiss, wie er sie zu reiten hat.

Sebastian Kurz besucht die Messe Inform in Oberwart, Burgenland, eine Leistungsschau der heimischen Wirtschaft. 300 Aussteller auf 30'000 Quadratmetern, eine Herausforderung für Kurz. Sein Weg durch die Hallen ist minutiös vorgezeichnet, er weiss genau, wo er stehen bleiben und was er dort sagen muss. In Oberwart läuft alles nach Plan. Wenigstens in Oberwart.

Wer Sebastian Kurz, den Spitzenkandidaten der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und jüngsten Altkanzler der Geschichte, vor der Parlamentswahl am kommenden Sonntag auf Wahlkampftour begleitet, erlebt einen Politiker der postmodern-populistischen Art. Alles ist auf ihn zugeschnitten in diesem Wahlkampf, ein übergreifendes Thema wie 2017 mit der Migration gibt es nicht. Es geht nur um ihn.

Alle gegen Kurz

So begeistert er auf der einen Seite gefeiert wird, so heftig wird er angefeindet auf der anderen. Wenn es gegen Kurz geht, verbrüdern sich die Sozialdemokraten mit den Rechtsauslegern von der FPÖ. Alle gegen Kurz – das ist die Grundaufstellung in diesem Wahlkampf. Obendrein hat man plötzlich im Lager des Favoriten immer wieder mit Fehlern und Affären zu kämpfen, die in Wien die Schlagzeilen bestimmen.

Zunächst aber zurück nach Oberwart, weit weg von Wien, wo keiner nach den Affären fragt. «Unglaublich», sagt er, als er am Stand von John Deere vor einem monströsen Traktor steht. «Ziegenkäse?», fragt er am Ziegenkäsestand. Wenn ihm einige Meter weiter ein Glas burgenländischer Rotwein gereicht wird, stösst er an. Nur trinken tut er nicht. So viele Hände, so viele Handys.

Sebastian Kurz in seiner faltenfreien Slim-Fit-Uniform: Blauer Anzug, weisses Hemd, keine Krawatte. Foto: Leonhard Foeger, Reuters
Sebastian Kurz in seiner faltenfreien Slim-Fit-Uniform: Blauer Anzug, weisses Hemd, keine Krawatte. Foto: Leonhard Foeger, Reuters

Er lächelt immer gleich, mit einem Mund, so breit, dass er gleichzeitig auch ganz tief durchatmen kann. So lächelt er auf der Messe in Oberwart und danach in einem Altenheim in Güttenbach, später beim Volksfest in Güssing. Die Bilder sind dann sofort in all den Echokammern der türkisen «Bewegung», zu der Kurz die einst schwarze ÖVP umgefärbt hat. Tausende Kilometer, Hunderte Stopps, alles wird dokumentiert und analysiert von seinem Team. «4000 Kilometer in dieser Woche», meldet sein Sprecher, «10'000 Menschen erreicht.»

Fragt man Kurz im Wahlkampfbus nach diesem Pensum, dann lächelt er und sagt: «Ich bin ja auch müde am Abend, so wie jeder andere. Ich esse wie jeder andere, ich hab meine Pausen wie jeder andere, und wenn ich grad Leistung erbringen muss, dann gebe ich mein Bestes.»

Es ist interessant, wie Reinhold Mitterlehner Kurz als Mann mit zwei Gesichtern beschreibt: freundlich an der Oberfläche, kalt dahinter.

Sebastian Kurz betreibt Politik als Endlosschleife, und das zahlt sich aus: In den Umfragen ragt er weit heraus aus dem Feld der Mitbewerber. Mit 33 bis 35 Prozent der Stimmen liegt seine ÖVP über dem Ergebnis von 2017 und um mehr als 10 Prozentpunkte vor den Sozialdemokraten und der FPÖ. Für Koalitionen ist er nach allen Seiten offen: Mal trauert er dem gescheiterten Bündnis mit der FPÖ nach, mal liebäugelt er mit den Grünen. Ideologisch ist er elastisch. Auch mit der Bildung einer Minderheitsregierung nach der Wahl hat er schon öffentlich kokettiert. «Je mehr Optionen, desto besser» lautet sein Mantra. Vom ersten Tag an hat er ausgesehen wie der Sieger. Trotzdem hat Sebastian Kurz etwas Neues lernen müssen: dass es einfacher ist, nach oben zu kommen, als oben zu bleiben.

Mit 33 Jahren ist er immer noch der jüngste Spitzenkandidat bei dieser Wahl. Und mit Abstand der erfahrenste. Alle anderen Parteien von der SPÖ über die FPÖ bis zu den Grünen und den liberalen Neos haben in jüngerer Zeit aus unterschiedlichen Gründen ihr Führungspersonal ausgewechselt. Kurz aber steht im Rampenlicht, seit er 2011 mit 24 Jahren Staatssekretär im Innenministerium wurde, dann Aussenminister, Parteichef, Kanzler. Nichts hat er dabei je dem Zufall überlassen.

Reinhold Mitterlehner ist einer, der das beurteilen kann. Mitterlehner war bis zum Mai 2017 Vorgänger von Kurz an der Spitze der ÖVP, er war Vizekanzler in einer Koalition mit der SPÖ. Von einem Tag auf den anderen war er politischer Frührentner, weil er sich von Kurz aus dem Amt gedrängt sah. «Die Machtübernahme» heisst das Kapitel dazu in einem Buch, das Mitterlehner in diesem Frühjahr veröffentlicht hat. Es hat sich gut verkauft in Österreich, mehr als 20'000-mal bisher, es ist interessant, wie Mitterlehner Kurz als Mann mit zwei Gesichtern beschreibt: freundlich an der Oberfläche, kalt dahinter. Von einem Irrgarten an Intrigen schreibt Mitterlehner, von einem von langer Hand geplanten «Umsturz». Als Mitterlehner entnervt zurücktrat, zeigte sich Kurz ganz überrascht. Tatsächlich aber war alles bereits 2016 vom engsten Zirkel entworfen worden in geheimen Strategiepapieren, die später durch ein Leck an die Öffentlichkeit kamen.

Kein Kanzlerbonus heisst: keine Fototermine in Brüssel

Nicht die feine Art. Aber gut gemacht, das mussten selbst seine Gegner zugeben. Wo Mitterlehner, der biedere Handwerker der Macht, am Ende in den Umfragen bei 20 Prozent gelegen hatte, führte Kurz die Partei im Handstreich zurück an die Spitze – über das Geheimnis seines Erfolgs rätseln die Experten.

Kurz ist kein Visionär wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron oder weiland Bruno Kreisky in Österreich. Er ist kein polternder Populist vom Schlag Donald Trumps oder Viktor Orbans, kein nüchterner Sachpolitiker wie Angela Merkel. Kurz ist von allen etwas, und deshalb können viele vieles in ihm sehen. Er ist die perfekte Projektionsfläche für Wünsche und Sehnsüchte.

Wandelbarer Wunderknabe: Sebastian Kurz mit FPÖ-Kandidat Norbert Hofer während eines Fernsehauftritts in Wien. Foto: Leonhard Foeger, Reuters
Wandelbarer Wunderknabe: Sebastian Kurz mit FPÖ-Kandidat Norbert Hofer während eines Fernsehauftritts in Wien. Foto: Leonhard Foeger, Reuters

18 Monate nur hat er regiert, einschneidende Veränderungen sind da nicht zu schaffen. Ein paar Steuern gesenkt, keine neuen Schulden aufgenommen. Damit wirbt er jetzt. Dass seine Regierung mit den Rechtspopulisten von der FPÖ nach 18 Monaten gescheitert ist, dafür übernimmt er keine Verantwortung. So lebt Kurz vom Image des Fehler- und Faltenfreien, des Wunderknaben, an dem nichts haften bleibt. Doch dieses Bild hat Kratzer abbekommen in jüngster Zeit. Der Wahlkampf 2019, den Kurz und seine Volkspartei angegangen sind wie die logische Fortsetzung des Höhenflugs von 2017, ist dann doch immer wieder zu einer unerwarteten Herausforderung geworden.

Nach der Veröffentlichung des Ibiza-Videos am 17. Mai zeigt Sebastian Kurz sich noch als Herr des Geschehens. In seinem Amtssitz tritt er vor die Kameras, verkündet die vorgezogene Neuwahl und das Ende der Koalition mit der FPÖ. «Genug ist genug», sagt er. Das ist der Plan am Anfang des Wahlkampfs, und die Umfragewerte gehen auch gleich erfreulich in die Höhe. Doch dann passiert die erste Abweichung. Ende Mai stürzt das Parlament per Misstrauensvotum den Kanzler und seine Restregierung. Kurz muss jetzt ohne Kanzlerbonus in die Neuwahl gehen; keine Fototermine in Washington, Brüssel oder Paris.

Lob, dick aufgetragen

Die Bilder müssen anderswo produziert werden, zum Beispiel in der Wiener Stadthalle, wo in der Aufwärmphase des Wahlkampfs eine Massenveranstaltung evangelikaler Christen abgehalten wird. Er lässt sich auf die Bühne rufen, wo ihm ein bärtiger australischer Prediger ­namens Ben Fitzgerald die Hand zum Segen auf die Schulter legt und sagt: «Vater, wir danken dir so sehr für diesen Mann, für die Weisheit, die du ihm gegeben hast.»

Nun ist dieses Lob selbst für Kurz etwas zu dick aufgetragen, und auf all den davon ausgelösten Hohn und Spott kann er nur antworten, dass er wieder mal «überrascht» worden sei.

Das sagt er überhaupt gern in diesem Wahlkampf, immer dann, wenn wieder eine dieser unangenehmen Affären hochkocht. Als ein Mitarbeiter damit auffällt, dass er kurz vor dem Misstrauensvotum Datenträger aus dem Kanzleramt unter gefälschtem Namen und ohne Begleichung der Rechnung bei einer Privatfirma hat schreddern lassen, erklärt Kurz das zu einem «üblichen Vorgang». Als Listen an die Öffentlichkeit dringen, die zeigen, dass seine Partei Grossspenden verschleiert hat, wird von der ÖVP darauf verwiesen, dass man nach dem Parteifinanzierungsgesetz nichts Illegales getan habe.

Überdies wird durch diese «ÖVP-Files» auch noch enthüllt, dass die Bescheidenheit Grenzen kennt. Für einen Privatjet, der Kurz im März 2018 nach Rom fliegt, werden 7700 Euro fällig. ­Zurück fliegt er Economy – und lässt das wie gewohnt seine Anhänger per Twitter-Foto wissen.

Er hofft, dass seine Wähler sich nicht beeindrucken lassen von negativen Schlagzeilen, dass es womöglich sogar einen Solidarisierungseffekt gibt, wenn sich alle anderen auf ihn einschiessen.

Im Endspurt des Wahlkampfs muss er nun vor allem die eigenen Anhänger mobilisieren. Kurz bricht zur grossen Tour auf: in 72 Stunden durch alle neun Bundesländer. Er geht zum Fussvolk der Partei, zu denen, die die Flyer verteilen. Für sie hat Sebastian Kurz nur eine Botschaft: «Erster zu werden, reicht nicht. Es darf auch keine Mehrheit gegen die ÖVP geben.»

Es geht nach Tulln und Oberpullendorf, nach Ried und Graz, nach Kufstein und Bregenz. Es geht darum, den Geist von 2017 wieder aufleben zu lassen. Doch damals hat Sebastian Kurz den Wählern «Veränderung» versprochen.

Heute beschwört er die Kontinuität.

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