Er predigt weder Verzicht noch Untergang

Werner Kogler, der Chef der Grünen in Österreich, bereitet sich ganz gelassen auf Koalitionsgespräche mit Sebastian Kurz vor.

Den jüngsten Erfolg haben die Grünen dem Klima und Werner Kogler, dem Parteichef zu verdanken. Foto: Alamy Stock

Den jüngsten Erfolg haben die Grünen dem Klima und Werner Kogler, dem Parteichef zu verdanken. Foto: Alamy Stock

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Plötzlich schauen alle auf ihn: Wird Werner Kogler die Grünen in eine Koalition mit der ÖVP führen? Will er Vizekanzler von Sebastian Kurz werden? Drängende Fragen sind das, die seit der Wahl vom vorigen Sonntag die österreichische Politik dominieren. Doch Kogler ist keiner, der sich drängen lässt, das wäre nun wirklich gegen sein Naturell. Er warte nun erst einmal auf einen Anruf von Kurz, lässt er wissen. «Und wenn er nicht anruft, rufe ich ihn an.»

Gelassen reagiert der 57-Jährige auf den Wahlerfolg der Grünen, der nüchtern betrachtet sensationell ist: Mit 14 Prozent haben sie den Wiedereinzug ins Parlament geschafft, nachdem sie 2017 an der Vier-Prozent-Hürde gescheitert waren. Aus der ausserparlamentarischen Opposition könnte sie das direkt in die Regierung katapultieren. Doch statt sich in Träumereien zu verlieren, lenkt Kogler den Blick lieber gleich wieder auf die Sachthemen: auf ein grosses Klimaschutzpaket, auf eine saubere Politik, auf Massnahmen gegen Kinderarmut.

Wer in der Steiermark in einem 2200-Seelen-Ort namens St. Johann in der Haide als Sohn eines Getreidehändlers aufwächst und in Graz Volkswirtschaft studiert, neigt nicht zur Euphorie. Selbst in der Stunde des Sieges, als das Parteivolk ihn mit «Werner, Werner»-Rufen feierte, sah Kogler eher aus wie Bill Murray in «Lost in Translation»: zerknautscht und überrascht vom Trubel um ihn herum. Die Heldenrolle taugt ihm nicht, er selbst hat sich früher immer als «klassischen Zweiten» bezeichnet. Dass er sich in die erste Reihe stellte, war der puren Not geschuldet.

Mit dem bodenständigen und stets hemdsärmelig auftretenden Frontmann wurde die Öko-Partei plötzlich auch Bierzelt-tauglich.

Nach dem Rauswurf aus dem Parlament im Herbst 2017 waren die Grünen personell und inhaltlich ausgezehrt. Niemand drängte nach vorn, Kogler übernahm klaglos die Rolle des Trümmermannes. Für ihn sprach die Erfahrung: Seit den Achtzigerjahren schon ist er in der Grünen-Bewegung aktiv. In fast zwei Jahrzehnten im Nationalrat hat er sich einen Namen als Finanzexperte gemacht.

Den jüngsten Erfolg haben die Grünen einem K.-u.-K.-Wahlkampf zu verdanken: Klima und Kogler. Mit dem bodenständigen und stets hemdsärmelig auftretenden Frontmann wurde die Öko-Partei plötzlich auch Bierzelt-tauglich. Kogler kennt keine Berührungsängste, er predigt nicht ständig den Verzicht oder den Untergang. Er redet dabei gern und viel. In den Annalen des österreichischen Parlaments steht er als Filibuster-Rekordhalter: Zwölf Stunden und 42 Minuten dauerte anno 2010 seine legendäre Dauerrede im Budgetausschuss, die er um Punkt zwei Uhr nachts mit den Worten beendete: «Das ist eigentlich schon alles, was ich sagen wollte.»

Ausdauer wird er nun auch bei den Gesprächen über eine Regierungsbildung brauchen, und sein Gegenüber Sebastian Kurz sollte sich schon mal aufs Zuhören einstellen. Inhaltlich trennt die beiden viel, persönlich könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Dass es schwer wird, weiss Kogler aus eigener Erfahrung. Er sass schon Anfang 2003 mit am Verhandlungstisch, als die ersten schwarz-grünen Koalitionsgespräche mit der ÖVP von Wolfgang Schüssel scheiterten. Kogler dämpft deshalb alle Erwartungen. «Die Koalition ist weit weg», sagt er. Weite Wege bis zum Ziel haben ihn allerdings auch noch nie gestört.

Erstellt: 04.10.2019, 09:55 Uhr

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