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Er will vom Wanderer zum britischen Premier werden

Der Aussenseiter Rory Stewart stellt beim Kampf um die May-Nachfolge die «grossen Tiere» in den Schatten.

Peter Nonnenmacher, London
«Der kleine Mann» des Wettstreits: Rory Stewart. Foto: PD
«Der kleine Mann» des Wettstreits: Rory Stewart. Foto: PD

Zu den Favoriten zählt er nicht. Die britischen Medien geben ihm nur «eine hauchdünne Chance», neuer Premierminister zu werden. Und doch ist im Augenblick von kaum jemandem so viel die Rede wie von ihm. Rory Stewart ist es gelungen, die «grossen Tiere» der Konservativen Partei PR-mässig zu überrumpeln. Der erst kürzlich zum Entwicklungshilfe-Minister ernannte Tory-Politiker hat sich in der Startphase der Schlacht um den Parteivorsitz unerwartet Profil und persönliche Sympathien verschafft.

Geschafft hat der Mann mit dem breiten, bubenhaften Grinsen das, indem er sich schlicht auf den Weg zu «den Leuten» machte. Am letzten Wochenende bummelte er durch London, tauchte auf Märkten, in Cafés, auch im Botanischen Garten von Kew auf – und teilte auf seinem Twitter-Account in kleinen Texten und Videos jeweils seinen Standort mit.

Auch diverse Begegnungen auf seinen Gängen dokumentierte er auf diese Weise. Man konnte seine Tour mitverfolgen. Mit Vergnügen bemächtigten sich die Fernsehanstalten der Geschichte. Gestern Mittwoch spazierte er durchs nordwestenglische Wigan. Am Freitag will er in Schottland sein.

Privatlehrer für die Prinzen

«Kommt und redet mit mir!» war Stewarts beharrliche Botschaft. Während die meisten seiner zehn Rivalen mit Parolen aufeinander eindroschen, präsentierte sich «der kleine Mann» des Wettstreits im Bild – und dialogbereit. Wer es hören wollte, dem erklärte er, warum er einen «No Deal»-Brexit ablehnt, den fast alle anderen Kandidaten billigen. Und Warum er einen rundum versöhnlichen Brexit, der auch auf Brexit-Gegner Rücksicht nimmt, für den einzig richtigen Weg hält.

Selbst sein Entwicklungshilfe-Budget verteidigte der unkonventionelle Minister gestern mit grosser Leidenschaft. Entwicklungshilfe könne sich als nützlich erweisen im Kampf gegen den Klimawandel, sagte er. Beide Prioritäten gehen vielen Konservativen gegen den Strich.

Vielleicht, vermerkten böse Zungen bereits, klinge da ja etwas an von den Jugendjahren Stewarts, in denen der Diplomatensohn noch Mitglied der Labour Party war – obwohl er als ehemaliger Eton-Schüler, als Oxford-Absolvent, Privatlehrer für die Prinzen William und Harry und Staatsbeamter in Auswärtigen Dienst eigentlich voll im Establishment hätte verankert sein sollen, jedenfalls nach Ansicht seiner Partei.

Auf der Bestsellerliste der «New York Times» gelandet

Statt auf vorgezeichneten Pfaden hat sich Stewart freilich immer gern «abseitig» bewegt. Im Jahr 2002 wanderte er, im Rahmen einer Asientour, solo durch Afghanistan. Sein Bericht von dieser Reise («The Places in Between») schaffte es auf die Bestsellerliste der «New York Times».

Nach der Irak-Invasion von 2003 wurde er bei der Administration des besetzten Territoriums eingesetzt – wiewohl er die Invasion rückblickend verurteilte, weil er zum Schluss kam, dass die westliche Intervention dem Irak nicht weiterhalf.

Die Rivalen wundern sich

Später übernahm er US-Gastprofessuren für Menschenrechte und wurde Leiter einer karitativen Stiftung für den Wiederaufbau Afghanistans, mit Sitz in Kabul. 2010, zurück in England, gelang ihm auf Anhieb der Einzug ins Parlament.

Seither hat er sich als Staatssekretär in Gefängnisreform, internationalen Beziehungen und Umweltschutz versucht. Erst im Brexit-Chaos ist er aber seiner Partei so recht zu Bewusstsein gekommen. Und nun wundern sich also seine Rivalen über ihn.

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