«Er war belehrend und arrogant»

Jean Ziegler bewunderte Helmut Schmidt für seine Haltung im Deutschen Herbst. Persönlich erlebte er ihn als kalt. Schmidt habe seinen Nimbus als Intellektueller dem Zerfall der Sozialdemokratie verdankt.

«Uns junge Mitglieder der Sozialistischen Internationale behandelte Helmut Schmidt ziemlich herablassend. Er duldete keinen Widerspruch», sagt SP-Vordenker Jean Ziegler. Foto: Sven Simon (Ullstein Bild)

«Uns junge Mitglieder der Sozialistischen Internationale behandelte Helmut Schmidt ziemlich herablassend. Er duldete keinen Widerspruch», sagt SP-Vordenker Jean Ziegler. Foto: Sven Simon (Ullstein Bild)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie haben Helmut Schmidt persönlich gekannt. Welches sind Ihre Erinnerungen an ihn?
Ich war lange Vertreter der Schweiz im Exekutivrat der Sozialistischen Internationale. Innerhalb dieser Organisation war Helmut Schmidt eine prägende Figur. Die Treffen fanden aus Sicherheitsgründen oft in bewachten Luxushotels statt, und da setzte man sich nicht nur im Plenarsaal mit politischen Fragen auseinander, sondern sass beim Frühstück oder Mittagessen am selben Tisch und kam sich auch privat näher.

Wie empfanden Sie Schmidt als Person?
Ich will ja wirklich nichts Negatives über einen Verstorbenen sagen. Aber im Unterschied zu Willy Brandt, der warmherzig war und sich auch einmal nach der Familie erkundigte, behandelte Schmidt vor allem uns junge Mitglieder der Sozialistischen Internationale ziemlich herablassend, belehrend und arrogant. Er duldete keinen Widerspruch, er wirkte in der direkten Begegnung eher kalt. Ausserdem war er äusserst ethnozentrisch, ganz auf Europa fixiert. Ich erinnere mich, dass es 1981 in Helsinki zu einer heftigen Diskussion kam, weil Brandt und wir jungen Sozialisten die sandinistische Befreiungsfront aus Nicaragua in die Internationale aufnehmen wollten, um sie vor der drohenden amerikanischen Invasion zu schützen. Helmut Schmidt war vehement dagegen, weil er jede Befreiungsbewegung in der Dritten Welt mit dem Kommunismus verwechselte. Schmidt war ein dezidiert rechter Sozialdemokrat ohne das geringste Interesse für die Dritte Welt.

Das eine oder andere Verdienst werden Sie ihm aber zubilligen.
Selbstverständlich. Dass er während der so genannten bleiernen Jahre die RAF zwar mit grosser Willensstärke und Entschiedenheit bekämpfte, dabei jedoch den deutschen Rechtsstaat bewahrte. Wenn man sich anschaut, was George W. Bush nach dem 11. September 2001 angerichtet hat, ist das alles andere als selbstverständlich. Bush hat die Folter wieder zugelassen und elementare Menschenrechte unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung missachtet. Es ist Schmidts grosses Verdienst, derartigen Versuchungen widerstanden zu haben. Ich weiss vom herausragenden damaligen Innenminister Gerhart Baum, dass Schmidt bei Kabinettssitzungen jeden Vorschlag, der auf die Einschränkung rechtsstaatlicher Grundsätze abzielte, vehement abgelehnt hat. Darin zeigt sich der Staatsmann: entschlossener Kampf gegen den Terrorismus, aber Respekt für die Menschenrechte, inklusive jener der Täter. Schmidt hat verstanden, dass der grösste Sieg einer terroristischen Organisation darin besteht, den Rechtsstaat mit der eigenen Verachtung für die Menschenrechte zu infizieren.

Gibt es weitere Aspekte seines politischen Schaffens, die man in Ihren Augen würdigen muss?
Im Unterschied zu Brandt war Schmidt kein Visionär, sondern ein Verwalter. Er liess sich nicht von Emotionen, sondern von Vernunft und Pragmatismus leiten. Aus diesem Grund hat er Brandts Ostpolitik richtigerweise fortgesetzt, und auch die Allianz mit dem französischen Präsidenten Giscard d’Estaing war eine gute Sache. Kritisch beurteile ich hingegen seine neoliberale Politik als Finanzminister. Willy Brandt hat im Spanischen Bürgerkrieg und später in Norwegen gegen den Faschismus gekämpft, während Schmidt Offizier in der Wehrmacht war. Zwei vollkommen verschiedene Biografien haben zwei völlig unterschiedliche Menschen produziert.

Nach seinem Rückzug aus der Politik trat Schmidt in der deutschen Öffentlichkeit immer mehr als weiser Welterklärer auf. Er schrieb Artikel und Bücher, er sprach in Talkshows und auf Podien über geostrategische Probleme. Er wurde bei vielen grossen Themen zu Deutschlands Gewissen. Wie beurteilen Sie diese Rolle?
Als schwach. Begünstigt wurde seine Position als Kommentator des Weltgeschehens durch den kompletten Zerfall der Sozialdemokratie in Europa, die intellektuell betrachtet ein jämmerlicher Haufen geworden ist, auch in der Schweiz. Dieser Umstand ermöglichte es selbst einer intellektuell mittelmässigen Figur aus dem linken Lager, in die Rolle des Vordenkers zu schlüpfen. Ich habe mehrere von Schmidts Büchern gelesen und fand sie eigentlich immer bescheiden. Als Professor würde ich meinen Studenten niemals Schmidt als Seminarlektüre geben, weil sich darin keine besonders originellen Gedanken finden.

Die Wahrnehmung der deutschen und internationalen Öffentlichkeit von Schmidt als Weltökonomen und Globalphilosophen ist aber äusserst positiv. Liegt dies wirklich nur daran, dass er aus dem linken Mittelmass herausstach?
Es liegt auch daran, dass Schmidt als Herausgeber des Wochenblatts «Die Zeit» eine aussergewöhnliche Plattform hatte. Wie schon Jean-Paul Sartre sagte: Die soziale Position des redenden Subjekts ist letztlich wichtiger als der Inhalt des Gesagten. Und inhaltlich waren die Analysen, die Schmidt produzierte, ziemlich dürftig. Nehmen Sie die Dialogbücher mit dem äusserst scharfsinnigen heutigen «Zeit»-Chefredaktor Giovanni di Lorenzo, der Schmidt als intellektuelle Schaufensterpuppe aufgebaut hat. Di Lorenzos Fragen sind meist blitzgescheit. Schmidts Antworten sind häufig banal.

Wie stark hat es Sie irritiert, dass Schmidt die Expansionspolitik Putins verteidigt oder im Zusammenhang mit China die Bedeutung der Menschenrechte relativiert hat?
Diese Aussagen folgen allesamt einer Logik, welche die Staatsräson als einziges realpolitisches Prinzip anerkennt. Sie zeugen davon, dass er von Universalproblemen und globalen Zusammenhängen letztlich zu wenig wusste.

Schmidt hatte Interesse an Kunst und Kultur, er tauschte sich mit Schriftstellern aus, Max Frisch gehörte zu seinen Freunden. Das müsste Sie doch beeindrucken.
Warum? Natürlich haben Sie teilweise recht, aber wenn man ihn beispielsweise mit Mitterrand vergleicht . . . Mitterrand war ein Mann der Hochkultur. Seine Autobiografie «L’abeille et l’architecte» ist Weltliteratur. Mitterrand bewegte sich literarisch auf einem ganz anderen Niveau als Schmidt, der seine Position letztlich konjunkturellen Faktoren verdankte – und einer typisch deutschen Sehnsucht nach geistiger Autorität.

Hatte Schmidt einen Bezug zur Schweiz?
Nein, meines Wissens hatte er kein Interesse an der Schweiz. Auch nicht an Frankreich, Italien oder Spanien. Schmidt war ein norddeutscher Lokalpolitiker mit grossem Machtinstinkt und grossen Fähigkeiten auf dem Gebiet der Realpolitik. Aber sicher kein grosser Denker.

Erstellt: 11.11.2015, 23:10 Uhr

Jean Ziegler ist Soziologe und einer der wenigen Schweizer Intellektuellen, die auch im Ausland wahrgenommen werden. Er war Nationalrat der SP und Professor für Soziologie an den Universitäten von Genf und Paris-Sorbonne. Ausserdem war er acht Jahre lang UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Heute ist er Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats. Ziegler hat zahlreiche Bücher geschrieben. Sein letztes Werk trägt den Titel «Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen» (Bertelsmann 2015).

Artikel zum Thema

Jetzt herrscht die Fadheit

Helmut Schmidts Tod zeigt auch: Heute dominieren nicht mehr die Typen. Man bevorzugt die Streber. Sprich, die Manager. Mehr...

Empörung über Schmidt-Tweet

Politik statt Trauer: Eine Politikerin kondoliert zum Tod von Helmut Schmidt mit einer Aussage von ihm zu Migranten. Das kommt ganz schlecht an. Mehr...

Helmut Schmidt und die Schweiz

Der verstorbene Altkanzler war kein grosser Schweiz-Versteher: Anders als seinen Nachfolger interessierte Helmut Schmidt die Schweiz kaum. Nur auf einen hielt er grosse Stücke. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Power und Passion in Ihrer Tasse

Von Venedig bis Palermo ist Kaffee mehr als nur ein Getränk. Er ist eine Kunst. Mit der Kollektion «Ispirazione Italiana» bringt Nespresso ein Stück Italien in Ihr Ritual.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...