Wenn da nur Hollande nicht wäre

Während alle anderen Frankreich im Chaos versinken sehen, siehts Premier Manuel Valls ganz anders.

Frankreich unreformierbar, blockiert? Alles Gerede, sagt Regierungschef Manuel Valls. Foto: Ramzi Boudina (Reuters)

Frankreich unreformierbar, blockiert? Alles Gerede, sagt Regierungschef Manuel Valls. Foto: Ramzi Boudina (Reuters)

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Schwarzer Anzug, dunkle Krawatte, der Körper drahtig, kein Gramm Fett: Manuel Valls (53) wirkt wie ein Fussballtrainer, der seiner Mannschaft Mut machen will. Alkohol rührt er nicht an, und auf Gluten verzichtet er inzwischen auch. Genau wie Novak Djokovic. Diese kleine Anspielung auf den Tennisstar kann er sich nicht verkneifen. Frankreichs Premier sitzt in einem goldverzierten Salon im Palais Matignon und empfängt eine Handvoll Vertreter der ausländischen Presse. Unter der Stuckdecke, über den immensen Türen, erinnern Schäferszenen in Blau an Zeiten, als Frankreich noch idyllisch schien.

Die Zeitungen melden den regenreichsten Mai seit 150 Jahren. Sie melden auch, dass Präsident François Hollande, wären jetzt Wahlen, nur 14 Prozent bekäme. Marine Le Pen, Chefin des Front National, hätte doppelt so viel. Die Fussballeuropameisterschaft steht an, kurz darauf die Tour de France. Die Terrororganisation Islamischer Staat droht mit Attentaten, die Gewerkschaften mit Streiks. Die US-Regierung warnt die Amerikaner vor Reisen nach Frankreich. Und glaubt man den Fernsehbildern von brennenden Polizeiautos und Schlangen vor Tankstellen, versinkt das Land in Chaos und Gewalt.

Der französische Traum

Valls glaubt den Fernsehbildern nicht. Wenn er die sehe, wenn er ausländische Zeitungen lese, sagt er, habe er das Gefühl, in einem anderen Land zu leben. Ziel der Übung ist es also, die 2,5 Millionen Besucher, die zur EM erwartet werden, zu beruhigen, Optimismus auszustrahlen. Auch deshalb mag sich Valls ungewohnt besonnen geben. Er wirkt jetzt wie ein guter Coach, der seiner Mannschaft zum Sieg verhelfen will. Obwohl er ein grosser Fussballfan ist, will er dem Sport nicht zu viel Bedeutung beimessen. Aber er macht den Vergleich mit 1998, als Frankreich in der Krise war, als Air France Streiks ankündigte und alle die Nationalmannschaft kritisierten. Es klingt wie ein Déjà-vu. Damals wurden sie Weltmeister. Damals sorgte der Siegestaumel eines Teams aus «black-blanc-beur» für ein neues, harmonisches Miteinander. Damals ging es auch wirtschaftlich bergauf.

«Mit 18 habe ich die französische Staatsbürgerschaft angenommen, mit 18 bin ich in den Parti Socialiste eingetreten.» Und niemand habe ihm, dem Sohn spanischer Immigranten, vorausgesagt, dass er eines Tages Premierminister werde. Es klingt, als müsse man nur dran glauben, es klingt wie der französische Traum. Denn nicht nur was den Fussball angeht, ist Valls «eher optimistisch». Er ist auch zuversichtlich für die Nation. Frankreich unreformierbar, blockiert? Alles Gerede. «Natürlich ist Frankreich reformierbar.» Auf dem Spiel stehe jetzt allerdings, was er den «Sozialreformismus» nennt: das Land wieder konkurrenzfähig zu machen, ohne dabei sein Sozialmodell aufzugeben. «In diesem Land muss man standfest bleiben.» Deswegen gibt er sich auch nach drei Monaten, die der Konflikt um das neue Arbeitsgesetz bereits dauert, unnachgiebig: «Ich werde nichts an dem Gesetz ändern. Alle Partner kennen meine Entschlossenheit.» Es gebe in Frankreich jetzt die Spaltung zwischen Protestgewerkschaften und Reformgewerkschaften. Und Valls lässt keinen Zweifel daran, welcher Mannschaft er den Sieg zutraut, den Reformern natürlich, nicht den schnauzbärtigen Gewerkschaftern wie Philippe Martinez von der CGT.

Staatschef François Hollande ist längst im Wahlkampf. Und sein Premierminister zeigt sich loyal.

Fünf Tage vor der Eröffnung der Fussballeuropameisterschaft verspricht er, alles zu tun, dass diese so reibungslos wie möglich verläuft: «Wer kommen will, kann kommen: im Flugzeug, im Auto und hoffentlich auch im Zug.» Nur vier Prozent der Tankstellen vermeldeten noch Engpässe. Die Piloten von Air France hätten ihm versprochen, nicht zu streiken. Die Lotsen haben ihren Streik am vergangenen Donnerstag abgesagt. Auch mit der Bahn hofft Valls noch Anfang nächster Woche zu einer Einigung zu kommen.

Ein intimes Geständnis

Über 90 000 Einsatzkräfte, Polizisten, Soldaten, sollen während der EM für Sicherheit sorgen. Gerade wurde bekannt, dass der Pariser Präfekt die Fanmeile am Fuss des Eiffelturms an Tagen, da in Paris und Saint-Denis gespielt wird, schliessen möchte. Doch Valls gibt sich auch in dieser Hinsicht standfest: «Die Stärke von Demokratien ist, solchen Drohungen zu widerstehen, normal weiterzuleben und für Sicherheit zu sorgen.» Fast wie ein intimes Geständnis wirkt es, wenn er sagt: «Das, was 2015 passiert ist, hat mich persönlich sehr geprägt.» Terror und Jihadismus, daran lässt Valls keinen Zweifel, sind die ersten Aufgaben dieses Premierministers.

Es ist kein Geheimnis, dass auch Valls gehofft hat, Präsident Hollande würde sich nicht wieder zur Wahl stellen, dass er eine Chance haben könnte. Doch Hollande ist längst im Wahlkampf. Und sein Premier zeigt sich loyal. «Ich spiele kollektiv», sagt er mit Anspielung auf Wirtschaftsminister Emmanuel Macron, der seine eigene Bewegung gegründet hat und 2017 antreten könnte. Ein guter Coach hat Spass am Spiel: «Ich mag die Auseinandersetzung, die Debatte und den Kampf.» Und sicher auch den Sieg.

Erstellt: 06.06.2016, 07:07 Uhr

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