Was Julens Tod mit unserem Konsum zu tun hat

In Andalusien wird gebohrt, was das Zeug hält. Die illegalen Brunnen stillen den Durst Europas nach Frische zur falschen Jahreszeit.

So sieht «Europas Gemüsegarten» aus: In der andalusischen Provinz Almería reiht sich ein Gewächshaus ans andere. Foto: Keystone

So sieht «Europas Gemüsegarten» aus: In der andalusischen Provinz Almería reiht sich ein Gewächshaus ans andere. Foto: Keystone

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Für einen Moment ist alles still in der Bar Antonio in El Colorado bei Cádiz, als im Fernsehen über den Mann berichtet wird, der seinen Hund aus einem Brunnenschacht retten wollte und dabei selbst ums Leben kam. Schon wieder. Ein Mensch stirbt in einem südspanischen Bohrloch. Die Leute hören die Nachricht stumm. Es ist nicht weit von hier nach Totalán bei Málaga. Jeder in Spanien kennt den Namen Totalán. Dort war der zweijährige Julen vor gut zwei Wochen 70 Meter tief in einen Brunnenschacht gefallen. 13 Tage hofften die Menschen, dass man das Kind lebendig aus diesem Loch würde retten können. Doch Julen konnte nur tot geborgen werden.

Andalusien ist voll solcher Schächte, Bohrlöcher, improvisierter Röhren und Erdstollen. Dass Menschen in ihnen sterben, wie jetzt zweimal kurz hintereinander, kommt selten vor. Eigentlich geht es denen, die solche Löcher bohren, ums Überleben. Behaupten sie jedenfalls. Wasser ist nirgends in Europa so knapp wie in Andalusien – und nirgends so begehrt, seit sich der Süden Spaniens entschlossen hat, der Armut zu entkommen, in dem man «la huerta de Europa» wurde, der Gemüsegarten des Kontinents. Längst werden nicht mehr nur Traditionsprodukte wie Oliven, Orangen, Zitronen angebaut. Nein, Erdbeeren müssen es sein, Himbeeren, Heidelbeeren, «frutas del bosque», «Waldfrüchte», Produkte, für die es auf Spanisch nicht mal Namen gibt, die ausserhalb von Botanikerkreisen bekannt wären.

Eine beinahe unmögliche Bergung

Doch mit der entsprechenden Bewässerung wachsen Erdbeeren in Andalusien auch im Januar – und so stillen sie den Hunger des europäischen Konsumenten nach jedem x-beliebigen Produkt zu jeder Zeit. Um das Wasser für die intensive Landwirtschaft heranzuschaffen, wird seit Jahrzehnten in Südspanien gebohrt, was das Zeug hält. Greenpeace schätzt, dass es hier 1 Million illegaler Brunnen gibt. Dass nun ein Kind in einen solchen Brunnen gefallen ist, hat eine uralte, lange versiegte Debatte in Spanien neu belebt, die Debatte über das, was da eigentlich passiert im Untergrund des Landes.

Die Rettungsaktion für den kleinen Julen zog sich so lange hin, weil der Grund in Totalán aus hartem Fels besteht und für einen Parallelschacht, über den die Experten das Kind retten wollten, schwere Gesteinsbohrer aus dem Bergbaugebiet Asturien herangeschafft werden mussten. Da die Unglücksstelle auch noch in einer Olivenplantage auf einem Hügel lag, dauerte es, bis die Lastwagen überhaupt dort hinfahren konnten. Vor allem aber gestaltete sich die Bergung so schwierig, weil der Schacht 70 Meter tief war. Da kein Wasser aus ihm sprudelte, wurde er vergessen – und Julen zum Verhängnis.

Land der Brunnenbauer

Auch in der Bar Antonio in El Colorado geht es immer noch um den Jungen. «Unsere Firma hätte das flotter geschafft», sagt einer, der sich als Experte ausgibt über die Bergung. Er arbeitet für ein Unternehmen für Brunnenbau, wie es sie in der Provinz Cádiz mehr als 100 gibt. «Pocero», «Brunnenbauer», das ist ein florierendes Geschäft in dieser trockenen Gegend – und nicht immer legal. «Pozos luneros» nennt man Brunnen, die bei Mondschein gegraben werden.

Eine Genehmigung für einen Brunnen zu erhalten, ist schwierig. «Deshalb entscheiden sich viele dafür, erst zu graben und sich um die Genehmigung später zu kümmern», schreibt die Zeitung «El Mundo». Illegale Brunnen sind seit Julens Tod ein Thema in den Medien und auch in den Bars.

El Colorado liegt mitten im grössten Gemüseanbaugebiet im westlichen Andalusien. In der Lagerhalle der Agrargenossenschaft werden Paletten voller Tomaten, Zucchini, Gurken und Salat versteigert, die Bieter kommen vom Grosshandel. Das meiste davon geht in die Ballungsgebiete von Madrid, Barcelona und Sevilla, die zusammen rund 10 Millionen Menschen zählen. Und natürlich nach Mitteleuropa.

200 Liter Wasser braucht es zur Produktion eines Kilogramms Tomaten, bis zu 500 Liter für Zitrusfrüchte.

Doch El Colorado ist nur ein unbedeutender Flecken der Gemüseproduktion im Vergleich zu Almería am anderen Ende Andalusiens. Berüchtigt wurde dort der Campo de Dalías wegen der gigantischen Plastikbahnen. Früher wuchsen in der kargen Gegend höchstens ein paar Tafeltrauben. Die wüstenartige Umgebung taugte als Filmkulisse für Western wie Sergio Leones Meisterwerk «Spiel mir das Lied vom Tod». Dann kam man in den 70er-Jahren auf die Idee, Plastik über die Felder zu stülpen – eigentlich, um den Wind abzuhalten. Doch es zeigte sich, dass durch die Wärme unter dem Plastik bei vielen Produkten zwei Ernten im Jahr möglich wurden – wenn auch nur bei entsprechender Bewässerung.

So entstand das «mar de plástico» das «Plastikmeer» bei Almería. 6000 Hektaren Fläche sind mit Plastik verpackt. Von Almería geht der Löwenanteil der Produktion nach Mittel- und Nordeuropa. Die Plantagen werden im trockenen Andalusien rund ums Jahr bewässert, sowohl im Westen wie auch im Osten. «In beiden Regionen wird in gigantischem Mass Wasser gestohlen und obendrein verschwendet», sagt Lola Yllescas aus Cádiz. Sie ist Lehrerin für Naturkunde, studierte Geologin und engagiert sich seit vielen Jahren bei den «Ecologistas en acción», einem der wichtigsten Umweltverbände Spaniens. Bis ins Detail kennt sie die Ökobilanz der Gemüse- und Obstsorten: Rund 200 Liter Wasser braucht es zur Produktion eines Kilogramms Tomaten, bis zu 500 Liter für Zitrusfrüchte. Doch die grössten Umweltsünder, wie sie es nennt, sind Avocados mit rund 1000 Litern pro Kilogramm und Mangos mit 1600. Doch zusammen machen die beiden Modefrüchte nur einen Bruchteil der Agrarproduktion aus. Lola Yllescas war selbst überrascht, welches pflanzliche Produkt aus der Region inzwischen wegen neuartiger Anbaumethoden die schwarze Liste der Ökologen anführt: die Olive.

Das Daheim wird zum Hotel

Eigentlich ist der Olivenbaum genügsam und wetterfest. Im Norden Andalusiens mit seinen langen und kalten Wintern reiht sich Olivenplantage an Olivenplantage. Früher lagen die Dinge einfach: Wenn es in der Regenzeit nur spärliche Niederschläge gab, waren die Oliven klein und hart, fast unverkäuflich. Doch jetzt müssen die Olivenbauern keine Missernten mehr fürchten. Dafür haben sie zahllose Brunnen bohren lassen, meist ohne Konzession. Die Bilanz sei bedenklich, sagt Lola Yllescas: rund 4500 Liter Wasser für 1 Kilo Oliven.

Vom Ökofussabdruck haben die Männer in der Bar Antonio von El Colorado noch nie gehört. «Das Grundwasser kostet nichts, und die Leute müssen hier jeden Euro umdrehen», sagt einer der Männer. Einer sagt, dass er von Tomaten und Zucchini allein schon nicht mehr leben könne. Wie so viele andere hat er deshalb sein Haus für Feriengäste hergerichtet, seine Familie wohnt während der Sommermonate bei Verwandten.

Es braucht einen Mentalitätswandel

Andalusien ist eine der Hochburgen des Massentourismus in Europa. Im Bauboom, der in den 60er-Jahren begann und Mitte der 90er-Jahre einen Höhepunkt erreichte, wurde die andalusische Küste zugebaut. «Ein Tourist verbraucht viermal so viel Wasser wie ein Einheimischer», sagt Lola Yllescas.

Experten der Universität Granada warnen, dass beim derzeitigen Tempo des Klimawandels, der für den Mittelmeerraum immer mehr Dürreperioden mit sich bringt, in wenigen Jahren ganze Landstriche Andalusiens zur felsigen Halbwüste werden dürften.

Joan Corominas ist Vizepräsident der Stiftung «Neue Kultur des Wassers» in Sevilla und war zuletzt Chef der Wasseragentur der Region. Seit einem Jahr ist er in Rente und warnt vor einer Ökokatastrophe Andalusiens, die nur ein grundsätzlicher Mentalitätswandel verhindern könne. Es müsse Schluss sein mit dem Raubbau am lebenswichtigen Rohstoff Wasser. «Natürlich ist der Massentourismus ein Riesenproblem», sagt er. Aber auf ihn entfallen nur 12 Prozent des Wasserverbrauchs der Region. Drei Viertel des Verbrauchs an Süsswasser geht in Andalusien auf das Konto der Lebensmittelproduktion.

Neue Regierung löst Umweltministerium auf

Erdbeeren kommen meist aus dem Bezirk Huelva am Atlantik, nordwestlich von Cádiz. Plantagen unter Plastik, so weit das Auge reicht. Die Erdbeeren von Huelva sind Lola Yllescas ein besonderes Ärgernis. Südöstlich des Anbaugebiets liegt an der Mündung des Guadalquivir, des grössten Flusses Andalusiens, der Nationalpark Doñana, ein Feuchtgebiet mit vielen geschützten Tierarten. Hier rasten Hunderttausende von Zugvögeln, hier leben die letzten Iberischen Luchse. Doch am Rand des Parks haben Umweltschützer mehr als 1000 illegale Brunnen entdeckt, die meisten für die Erdbeerplantagen. Der Umweltverband WWF hat gegen Spanien bei der EU wegen der desaströsen Wasserwirtschaft ein Verfahren angestrengt. Doñana spielt dabei die zentrale Rolle. Am 24. Januar hat die EU-Kommission reagiert und Spanien beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg verklagt. «Die Kommission befürchtet, dass sich der Zustand der Feuchtgebiete weiterverschlechtern dürfte, da Spanien seinen Verpflichtungen sowohl nach der Wasserrahmenrichtlinie als auch nach der Habitat-Richtlinie nicht nachkommt», heisst es in der Begründung.

Nun gab es einen Regierungswechsel in Andalusien: Die Sozialisten, die in fast vier Jahrzehnten an der Macht eine allumfassende Amigo-Wirtschaft aufgebaut hatten, mussten einer Koalition aus Konservativen und Liberalen Platz machen, die von der extremen Rechten gestützt wird. Zu den ersten Massnahmen der neuen Mitte-rechts-Regierung gehörte die Auflösung des Umweltministeriums; damit befasst sich künftig nur noch eine Abteilung im Agrarministerium. Ein fatales Signal.

Erstellt: 31.01.2019, 15:59 Uhr

Der Gemüsegarten Europas

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