Erdbeerroter Kapitalist

Präsident Putins kommunistischer Herausforderer, der Erdbeerbauer Pawel Grudinin (57), will seine Lenin-Sowchose zum Modell für ganz Russland machen.

«Ein ökonomisch starkes Russland hat in der Welt wieder etwas zu sagen», sagt Grudinin (l.), hier mit dem Chef der Kommunistischen Partei, Gennady Zyuganow. Foto: Juri Kochetkow (Keystone)

«Ein ökonomisch starkes Russland hat in der Welt wieder etwas zu sagen», sagt Grudinin (l.), hier mit dem Chef der Kommunistischen Partei, Gennady Zyuganow. Foto: Juri Kochetkow (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man hat nicht das Gefühl, man sei auf dem Weg aufs Land. Die gesichtslosen Moskauer Wohnblocks sind hier besonders hoch und besonders trostlos, die Strasse eine Asphaltschneise. Sie führt direkt zum schmutzigen, ewig verstopften Autobahnring, der die Stadt in einem Durchmesser von gut 35 Kilometern umschliesst. Ein- und Ausfahrten türmen sich übereinander, dahinter das riesige Einkaufszentrum Vegas, ein Konsumtempel der monströsen Art auf einer Fläche von 400'000 Quadratmetern.

Doch biegt man danach um die Ecke, steht man vor einem kitschigen Eingangstor, das direkt in die Märchenwelt zu führen scheint: einer Art Triumphbogen in Weiss und Hellgrün, den statt Zwiebeltürmen Erdbeertürme zieren. «Ehre der Arbeit» steht über dem Durchgang. «Sowchose Lenin». Die Erdbeeren hängen auch an den Strassenlaternen, zieren eine Plastikkuh auf dem Spielplatz, und zusammen mit der Büste Lenins tauchen sie als Monumente unvermittelt aus dem Schnee auf. Denn das hier ist das Reich des Erdbeerbauern Pawel Grudinin, Präsidentschaftskandidat der Kommunistischen Partei Russlands.

Seit 23 Jahren ist der 57-Jährige mit dem vollen, grau melierten Haar und dem markanten Schnauz hier der Chef. Und statt dass die einst sowjetische Sowchose, wie so viele andere Staatsbetriebe, zusammengebrochen und verfallen ist, hat er sie nicht nur über die Runden gebracht, sondern auch noch erfolgreich gemacht. Hier verdienen die Arbeiter umgerechnet gut 1000 Franken im Monat, das ist doppelt so viel wie im Landesdurchschnitt.

Tür an Tür mit Traktoristen

Die Sowchose ist eingerichtet wie eine kleine Stadt: betriebseigene, grosszügig gebaute Wohnhäuser, Schule, Kindergarten, Kantine, Poliklinik, Kirche, Kulturzentrum und immer wieder riesige, moderne Spielplätze, wie man sie in Moskau sonst vergeblich sucht.

Grudinin ist hier aufgewachsen, hat als junger Mann selber Erdbeeren gepflückt. Heute besitzt er über 40 Prozent der Aktien der Sowchose. Er verdient zwar mit 400'000 Franken, die er bei der Wahlkommission ausgewiesen hat, wie ein richtiger, kapitalistischer Patron. Dennoch wohnt er zusammen mit seinen Traktoristen im gleichen Wohnblock.

Das gefällt den Leuten. «Es ist genau so, wie es sein sollte», sagt eine ältere Frau, die ihrem Enkel zuschaut, wie er kreischend eine Eisrutsche hinunterflitzt. «Rentner bekommen zum Geburtstag 5000 Rubel (gut 80 Franken), die Kinder Geschenke, wenn sie in der Schule gut arbeiten.» Es sei ruhig hier, sicher – «einfach eine andere Welt». Und der Urheber des kleinen Wunders sei eben der Direktor, dem sie bei den Präsidentenwahlen am Sonntag auf jeden Fall ihre Stimme geben werde.

Im Netz schlägt Grudinin sogar den Blogger Nawalny.

Er habe hier eine «sozialistische Oase im kapitalistischen Dschungel» erbaut, sagte er von sich selber. Und so wie in seiner Lenin-Sowchose könnte es im ganzen Land aussehen. Im Dezember hat er vor der Duma gegen die Vernachlässigung der Landwirtschaft, ja überhaupt der ländlichen Gebiete Russlands gewettert. «Wenn ihr dort nichts investiert in die Infrastruktur, dann laufen euch die Leute davon. Und sagt mir nicht, dass ihr das Geld nicht habt!» Der Präsident habe sich mit Leuten zusammengetan, von denen jeder wisse, dass sie längst ins Gefängnis gehörten.

Das Video wurde auf dem Netz fast sechs Millionen Mal angeklickt. Damit schlägt Grudinin sogar den oppositionellen Blogger Alexei Nawalny um ein paar Hunderttausend Klicks. Dessen Bericht über Premier Dmitri Medwedew und seine geheime Luxuswohnanlage hat in Russland Furore gemacht und zu Demonstrationen geführt.

Das Hauptthema von Grudinins Wahlkampf ist die desolate soziale Lage im Land. Er stehe für eine Wirtschaftspolitik, die dem Volk diene und nicht den Oligarchen, sagt er. Russland habe genug Geld, man müsse es nur richtig verteilen. Grudinin will die Preise etwa für Grundnahrungsmittel festschreiben und wichtige Industriezweige verstaatlichen. Bildung und Gesundheitsversorgung sollen gratis sein. Er verspricht mehr Geld für Mütter und Rentner und die Beibehaltung des Rentenalters: 55 für Frauen und 60 für Männer.

Der wirtschaftliche Erfolg werde automatisch auch Russlands aussenpolitische Probleme lösen. «Ein ökonomisch starkes Russland hat in der Welt wieder etwas zu sagen», ist Grudinin überzeugt. «Es ist besser, Handel zu treiben, als Krieg zu führen.» Ansonsten will er die Aussenpolitik aber lieber den Experten überlassen, die selber am besten wüssten, was zu tun sei in der Welt.

Kandidat ohne Parteibuch

Grudinin zelebriert mit seiner Erdbeerfarm das Image des erfolgreichen Machers, kein Vergleich zum steifen Apparatschik und zum bisherigen kommunistischen Dauerkandidaten Gennadi Sjuganow: Der hatte 1993 seine erste Präsidentenwahl verloren – und 2012 die letzte.

Als Kandidat der Kommunisten kann Grudinin auf deren Stammwähler hoffen, die rund 15 Prozent der Stimmen ausmachen, obwohl der Unternehmer noch nicht mal Mitglied der Partei ist und bis vor ein paar Jahren für Putin politisiert hat. Um die Herzen der Kommunisten zu gewinnen, lobt er die Sowjetunion für ihre Bürgerkontrolle und ihre freie Presse. Er glaube an eine «glänzende sozialistische Zukunft» Russlands, schwärmt er. In Norwegen sei man da schon am Ziel, in China bald.

Grudinin bekommt im staatlichen Fernsehen neben Putin mit Abstand am meisten Aufmerksamkeit. Allerdings sind die Berichte über ihn alle negativ und aggressiv. Man macht sich lustig über seine Sowchose, unterstellt ihm, dass er teure Immobilien und schwarze Konten im Ausland habe. Er habe die Übersicht verloren, wo er sein Geld überall versteckt habe, kommentiert Grudinin sarkastisch. Doch vielleicht stimmen gerade wegen der Schlammschlacht ein paar Protestwähler mehr für ihn: Denn ganz offensichtlich ist dieser Mann dem Kreml ein Dorn im Auge.

Erstellt: 15.03.2018, 19:35 Uhr

Artikel zum Thema

Russland hat keine andere Wahl

Reportage Zehntausende kommen vor der Wahl für den russischen Präsidenten Wladimir Putin ins Fussballstadion. Doch die selbstbewusste Moskauer Jugend entgleitet dem Kreml. Mehr...

Willkommen in Putins Propaganda-Maschinerie

Ein russischer Journalist gibt ein kritisches Interview über Putin – und wird innerhalb von Stunden gefeuert. Der Fall lässt tief blicken. Mehr...

Putin blockiert Kreml-Kritiker im Netz

Russische Behörden haben die Internetauftritte «unerwünschter» Organisationen blockiert, darunter den der Bewegung «Open Russia» von Michail Chodorkowski. Mehr...

Paid Post

Robo-Adviser gehen offline

Das Wohnzimmer staubsaugen zu lassen, ist etwas andere, als das Vermögen anzuvertrauen: Robo-Adviser in der Schweiz sind auf dem Rückzug. Die Gründe.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Warten auf den Papst: Ein Mann schaut aus seinem Papst-Kostüm hervor. Der echte Papst verweilt momentan in Bangkok und die Bevölkerung feiert seine Ankunft. (20. November 2019)
(Bild: Ann Wang) Mehr...