Erdogan erhält die Rechnung

Die türkische Regierung hat viel zu spät erkannt, dass die Duldung der Terrormiliz IS fatale Folgen haben könnte.

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Istanbul war immer ein Fest fürs Leben. Die Weltstadt am Bosporus verbindet Kontinente und Kulturen, sie vibriert und fasziniert. Seit dem Wochenende herrscht Stille in der Innenstadt, die grossen Einkaufsstrassen sind leer. Schon wieder hat ein Selbstmordattentäter unschuldige Menschen in den Tod ­gerissen und Dutzende verletzt. Ein IS-Anhänger soll es gewesen sein, behauptet die Regierung, nachdem sie in den vergangenen Monaten nach jedem Anschlag reflexartig die Kurden beschuldigt hatte.

Die Türkei wird von Fanatikern des Islamischen Staates und von kurdischen Extremisten bedroht. Die Gefahr wird grösser, dass der Konflikt mit den Kurden und der Krieg in Syrien auch in den Westen der Türkei getragen werden. Jetzt muss Ankara einen Zweifrontenkrieg führen, weil der autoritäre Staatschef Recep Tayyip Erdogan ohne Not den Friedens­prozess mit den Kurden aufgekündigt und jahrelang zugelassen hat, dass sein Land zum Tummelplatz für IS-Terroristen wird, die in den Krieg gegen den syrischen Diktator Bashar al-Assad ziehen. Die türkische Regierung hat viel zu spät erkannt, dass die Duldung der Terrormiliz fatale Folgen haben könnte, und ist eher widerwillig der internationalen Anti-IS-Koalition beigetreten. Erdogan, der Möchtegern-Sultan, erhält nun die Rechnung für seine Strategie.

Die Terroristen wissen, dass sie mit ihren Anschlägen die türkische Wirtschaft an einer der empfindlichsten Stellen treffen: Die Tourismusbranche, die der Türkei jährlich über 30 Milliarden Franken einbringt, droht zu implodieren. Die Russen bleiben zu Hause, weil Wladimir Putin immer noch gekränkt ist, dass sein ihm durchaus geistesverwandter Amtskollege einen russischen Kampfjet abschiessen liess. Auch die Westeuropäer buchen immer weniger Reisen in die Türkei angesichts der Terrorgefahr.

Eine Rückkehr zur Normalität wird es nur geben, wenn die Türkei den Dialog mit den Kurden wieder aufnimmt. Die Chancen dazu sind gering: Die EU braucht Erdogan als Partner für den Flüchtlingsdeal und lässt ihn gewähren. Und in der Türkei hat der Staatschef fast alle Kritiker mundtot gemacht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2016, 22:44 Uhr

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