Erdogans 30-Millionen-Euro-Prunkbau in Köln

Der türkische Staatschef eröffnet die Ditib-Moschee. Der Ehrengast ist ebenso umstritten wie der dahinter stehende Islamverband.

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Die neue Zentralmoschee der Türkisch-Islamischen Union Ditib in Köln gehört zu den repräsentativsten Moscheebauten Europas. Und sie ist eine Moschee der vielen Kontroversen. Einerseits sorgte das Bauwerk selber für viele Diskussionen. Andererseits steht der Islamverband, der die Moschee hat bauen lassen, in der Kritik. Und dass es der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sein wird, der an diesem Samstagnachmittag die Grossmoschee eröffnen wird, verleiht dem Ganzen zusätzliche Brisanz.

Die Moschee in Köln-Ehrenfeld sollte eigentlich ein Symbol für Weltoffenheit, Modernität und Pluralismus sein, auch ein Ort des interreligiösen und kulturellen Dialogs. Doch diese Zwecke drohen durch die Präsenz der Reizfigur Erdogan ins Gegenteil verkehrt zu werden. Dessen autoritäre, repressive Politik in der Türkei hat auch zu Spannungen in der türkischen Gemeinschaft in Deutschland geführt.

Exponenten der Türkischen Gemeinde in Deutschland befürchten, dass die Eröffnungszeremonie mit Erdogan Spaltung anstelle von Integration befördern werde.

Politisches Kampfinstrument von Erdogan

Der Islamverband Ditib steht unter Verdacht, ein politisches Kampfinstrument Erdogans zu sein. Formal gesehen, ist er ein unabhängiger deutscher Verein. Doch werden die Imame in den Ditib-Moscheen von der türkischen Religionsbehörde Diyanet entsandt und bezahlt. Im vergangenen Jahr sind Ditib-Imame beschuldigt worden, im Auftrag von Diyanet Regierungsgegner in Deutschland ausspioniert und Informationen an die türkischen Konsulate geliefert zu haben. Ditib wies die Vorwürfe zurück. Der deutsche Verfassungsschutz prüft, ob er Ditib unter Beobachtung stellen soll.

28. September 2018: Demonstration gegen Erdogan in Berlin. Video: AFP

Dass nun der türkische Staatschef nach Köln reist, um die Ditib-Zentralmoschee einzuweihen, bestätigt die Kritiker in ihrer Ansicht, dass der Islamverband nicht unabhängig ist. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet lehnte eine Teilnahme an der Eröffnungszeremonie ab, ebenso Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker. «Ditib hat aus den Diskussionen der vergangenen Jahre nichts gelernt», sagte Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, dem TV-Sender n-tv. Die Moschee-Eröffnung durch Erdogan «wird in der türkischen Öffentlichkeit und unter Anhängern des Präsidenten als Machtprobe wahrgenommen», meinte Sofuoglu weiter.

Deutliche Kritik an Ditib äusserte auch der Ehrenfelder Bezirksbürgermeister Josef Wirges. Die Moschee sei mit Unterstützung der Kölner Stadtgesellschaft gebaut worden. «Jetzt entsteht der Eindruck, als hätte Erdogan sie okkupiert», sagte Wirges laut «RP Online». «Das ist schon irre.»

Der Gebetssaal der Ditib-Zentralmoschee in Köln. Quelle: Youtube/Ditib

Die Kölner Ditib-Zentralmoschee sorgt schon seit vielen Jahren für Kontroversen. Nach ersten Ideen für eine neue Moschee vor rund 20 Jahren hatte die rechte Gruppierung Pro Köln gegen das grossdimensionierte Bauwerk protestiert. Zu den Kritikern zählte auch der bekannte, 2014 verstorbene Schriftsteller Ralph Giordano. Er bezeichnete den Entscheid für den Moscheenneubau als integrationsfeindlich. Die Grösse der Moschee verkörpere einen Machtanspruch. Giordano kritisierte auch, dass der Bau zum grossen Teil von der türkischen Religionsbehörde in Ankara finanziert werde.

Geschwungene Betonschalen und grosse Glasflächen

Der Grundstein für den Neubau am Kölner Stammsitz der Ditib wurde im November 2009 gelegt. Im Februar 2011 fand das Richtfest statt. Im Jahr danach hätte die Einweihung der Moschee stattfinden sollen. Es folgten allerdings jahrelange Rechtsstreitigkeiten um Baumängel. Im Juni 2017 versammelten sich im Kuppelsaal der Moschee erstmals mehr als 1100 muslimische Gläubige zum Freitagsgebet. 15 Monate nach Nutzungsbeginn folgt nun am Samstag die Einweihung.

Die Ditib-Zentralmoschee ist ein imposantes Bauwerk. Der Gebäudekomplex mit geschwungenen Betonschalen und grossen Glasflächen war nach den Plänen der Architekten Gottfried und Paul Böhm errichtet worden. Das Gotteshaus verfügt über einen 36,5 Meter hohen Kuppelsaal sowie zwei 55 Meter hohe Minarette. Der Komplex umfasst auch die Verwaltungsgebäude des Ditib-Verbandes, ferner Seminarräume, eine Bibliothek und eine Passage mit Ladengeschäften. Die Baukosten von über 30 Millionen Euro hat Ditib gemäss eigenen Angaben über Eigenmittel und Spenden finanziert.

Video – Fotograf an Pressekonferenz abgeführt

Der Besuch des türkischen Staatsoberhauptes in Deutschland sorgt für Unruhe. (Video: AP) (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 28.09.2018, 21:37 Uhr

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Köln untersagt grosse Feier

Die Kölner Moschee-Eröffnung mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan muss deutlich kleiner ausfallen als von den Organisatoren geplant. Die Stadt Köln hat aus Sicherheitsgründen eine Aussenveranstaltung vor der Moschee mit Tausenden Besuchern untersagt. In der Kürze der Zeit sei von der Türkisch-Islamischen Union Ditib kein ausreichendes Sicherheitskonzept vorgelegt worden, sagte die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker am Freitagabend.

«Das ist sehr bedauerlich, aber eine unüberschaubare Menschenansammlung dürfen wir einfach nicht akzeptieren», betonte Reker. Die Sicherheit der Besucher habe absolute Priorität. Man habe bis zur letzten Minute versucht, eine tragbare Lösung zu finden. Die Eröffnungszeremonie mit Erdogan in der neuen Ditib-Zentralmoschee in Köln könne stattfinden, aber nur mit den geladenen Gästen. Alle anderen werden nach Angaben der Polizei an Absperrstellen abgewiesen und können die Zeremonie in der Moschee auch nicht verfolgen. Rund um die Moschee sei ein grosser Sicherheitsbereich festgelegt worden.

Die Ditib hatte auf Facebook zu der Veranstaltung eingeladen und mit bis zu 25'000 Besuchern gerechnet. Die Kölner Behörden hatten dafür aber bis zum Freitagmorgen ein Sicherheitskonzept verlangt – etwa zu Sanitätern und Fluchtmöglichkeiten. Die Polizei hatte zudem klar gemacht, dass sie maximal 5000 Besucher zuvor kontrollierten Menschen den Zugang zu dem Bauwerk ermöglichen werde. (sda)

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