Erdogans Albtraum

Der Geschäftsmann Reza Zarrab schmierte die türkische Elite. Nun redet er.

Reza Zarrab (rechts) wird aufs Polizeihauptquartier gebracht. Foto: Sebnem Coskun/Anadolu Agency/Getty Images

Reza Zarrab (rechts) wird aufs Polizeihauptquartier gebracht. Foto: Sebnem Coskun/Anadolu Agency/Getty Images

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Eigentlich ist Reza Zarrab nur ein weiterer dreister Geschäftsmann, der sich beim Bestechen von Beamten erwischen liess. Nicht so wichtig.

Dumm nur, dass es sich bei Zarrab um einen berühmten Erben handelt, der eine berühmte türkische Sängerin geheiratet hat. Dumm nur, dass einer der Bestochenen der damalige türkische Wirtschaftsminister war, ein Vertrauter des heutigen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Dumm nur, dass das Ziel des undurchsichtigen Handels darin lag, die amerikanischen Sanktionen gegen den Iran zu umgehen. Das alles verleiht dem Prozess gegen Zarrab, der in New York angelaufen ist, weltpolitische Bedeutung. Die Präsidenten der Türkei und der USA haben darüber gesprochen, die Sache belastet das Verhältnis der zwei Länder.

Die USA nahmen den türkisch-iranisch-aserbeidschanischen Dreifachbürger 2016 fest, als er mit Frau und Kind das Disney World besuchte. Offenbar war der 34-Jährige in die USA gekommen, um einem Prozess im Iran zu entgehen. Viel besser erging es ihm in den USA aber nicht. Dort beschuldigt man Zarrab der Geldwäsche, des Betrugs und des Bruchs von Sanktionen. Das macht zusammen bis zu 75 Jahre Gefängnis. Die Drohung wirkte. Kurz vor dem Prozess bekannte sich Zarrab schuldig, zeigte sich bereit zur Zusammenarbeit. Das soll die Strafe mildern.

Erdogan versuchte die USA zu überzeugen, die Untersuchung abzubrechen.

Die Affäre begann 2013 in der Türkei, damals ermittelte die Polizei gegen Zarrab und zahlreiche Komplizen. Laut aufgezeichneten Telefongesprächen versuchte der Goldhändler, das US-Embargo gegen den Iran zu unterlaufen, indem er iranisches Gas mit Gold bezahlte und das Ganze als Lebensmittelhandel tarnte. Zarrab sagte, Erdogan, damaliger Premierminister, habe ihm gegenüber das Vorgehen persönlich gebilligt. Erdogan sah seine Macht bedroht. Er sprach von einer gülenistischen Justizverschwörung samt Fantasiebeweisen, klemmte die Untersuchung ab, entliess die zuständigen Beamten.

Doch das Problem war damit nicht verschwunden, es hatte sich nur verlagert. Das amerikanische FBI ermittelte weiter und kam zu ähnlichen Resultaten wie die türkischen Kollegen.

Also versuchte Erdogan, die USA zu überzeugen, die Untersuchung abzubrechen. Auch Zarrab wollte einen Deal einfädeln, liess berühmte Anwälte wie den früheren New Yorker Bürgermeister Rudolph W. Giuliani vermitteln. Angeblich soll die Türkei als Gegenleistung eine Anpassung ihrer Syrienpolitik angedeutet haben.

Staatsmedien wittern Komplott

Alles vergeblich. Am ersten Prozesstag trat Zarrab, der sonst Bart trägt, sauber rasiert auf, gab freundlich Antwort und sagte, den Wirtschaftsminister habe er mit 40 bis 50 Millionen Dollar geschmiert. In der Türkei hörte man gefesselt zu.

Der Prozess kann bis zu einem Monat dauern. Die türkischen Staatsmedien haben ihr Urteil bereits gefällt: Das Ganze sei ein amerikanisch-gülenistisches Komplott.


Video – Erdogan im Weissen Haus

Beim ersten Treffen hat Donald Trump Recep Tayyip Erdogan den Rückhalt im Kampf gegen IS und PKK zugesichert. (Video: Tamedia mit Material der AFP ) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2017, 19:51 Uhr

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