Telefone abgehört – im Auftrag der Regierungspartei

Erpressung, Korruption, schamlose Bereicherung: Das Treiben eines Ex-Kommissars dominiert den Wahlkampf in Spanien.

Zwei Protagonisten in der Affäre: Podemos-Chef Pablo Iglesias (vorne) und Mariano Rajoy (hinten rechts). Foto: Reuters

Zwei Protagonisten in der Affäre: Podemos-Chef Pablo Iglesias (vorne) und Mariano Rajoy (hinten rechts). Foto: Reuters

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Nicht die katalanischen Separatisten, nicht die über das Mittelmeer kommenden Migranten und auch nicht die immer noch hohe Arbeitslosigkeit ist in Madrid das aufregendste Thema in den Wochen vor den Parlamentswahlen, sondern es ist die «spanische Kloake»: ein Abgrund an Schmutzgeschichten mit Erpressung, Korruption, illegalen Abhöraktionen, Verbreitung falscher Informationen, in die vor allem Politiker der konservativen Volkspartei (PP), aber auch führende Leute der regierenden Sozialisten (PSOE) verwickelt sind. Drahtzieher dabei war der 67-jährige pensionierte Polizeikommissar José Manuel Villarejo, der seit anderthalb Jahren wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, Bestechung und Geldwäsche in Untersuchungshaft sitzt.

Illegal Telefone abgehört

Ein Untersuchungsausschuss des Parlaments leuchtet das Treiben Villarejos aus, der sowohl für Konservative als auch Sozialisten Drecksarbeiten übernahm, ohne dass beide Seiten voneinander wussten, und auch für Wirtschaftsführer tätig wurde.

Jahrelang hatte er sich sicher gefühlt, nicht nur weil er von Vertretern aus beiden grossen Parteien protegiert wurde, sondern auch, weil er genügend Erpressungsmaterial gesichert hatte: Er hat ein Riesenarchiv mit illegal abgehörten Telefonaten angelegt, die Disketten kopiert und an mehreren sicheren Orten bei Vertrauensleuten aufbewahrt. Die Methode war simpel: Er hatte Computertechniker der Telefongesellschaften bestochen, pro abgehörten Anschluss gab es bis zu 1000 Euro.

Viele Aufträge führte er für den konservativen PP aus, der von 2011 bis 2018 die Regierung stellte. Zu den Personen, gegen die er rufschädigende Aktionen unternahm, gehörten ebenso Vertreter der katalanischen Führung wie linker Gruppierungen, darunter der Podemos-Chef Pablo Iglesias, der wortmächtige Neomarxist mit dem Pferdeschwanz.

Offenbar hat das Innenministerium mindestens zwei Polizeiexperten abgestellt, die Villarejo dabei zur Hand gingen. Sie sollten Belege sammeln, dass führende Katalanen Millionen in der Schweiz gebunkert hatten und Podemos von der Regierung in Venezuela sowie aus dem Iran illegal Geld bekommen hatte. Als die beiden wackeren Polizisten diese Belege nicht beibringen konnten, liess Villarejo einem Internetportal gefälschte Dokumente zuspielen.

Madrid wartet darauf, welche Bomben vor den Wahlen am 28. April noch ­platzen werden.

Die Informationen schlugen ein, da sie nicht völlig aus der Luft gegriffen waren: Es hatte nämlich zuvor Verfahren gegen mehrere katalanische Politiker wegen Korruption sowie gegen Podemos-Aktivisten wegen Zuwendungen aus Venezuela gegeben. Bekannt wurde nun, dass ein verloren geglaubtes Handy einer Mitarbeiterin von Iglesias im Auftrag Villarejos gestohlen wurde.

Dieser hatte bereits früher im Polizeidienst Erfahrung mit schmutziger Arbeit gesammelt: Er war an illegalen Aktionen beteiligt, die die damalige sozialistische Regierung gegen Sympathisanten der baskischen Terrororganisation ETA angeordnet hatte. So knüpfte er bei den Sozialisten Kontakte, so zur jetzigen Justizministerin Dolores Delgado.

Operation Kitchen

Aus PP-Kreisen wiederum nahm er den Auftrag an, die Annäherung zwischen Podemos und den Sozialisten zu torpedieren, durch die sich die damalige konservative Regierung unter Mariano Rajoy bedroht sah. Ebenso wurde er tätig, als der langjährige PP-Schatzmeister Luis Bárcenas 2013 seinen eigenen Parteifreunden lästig wurde: Bárcenas war treibende Kraft beim korrupten Netzwerk «Gürtel» aus PP-Politikern und Bauunternehmern und hatte dabei Millionen für sich abgezweigt. Als er seine Verhaftung befürchtete, verlangte er von der PP-Spitze die Einstellung des Verfahrens gegen ihn.

Als diese Forderung an einem standhaften Untersuchungsrichter scheiterte, gab er an mehrere Medien seine Listen über die «schwarze Kasse» seiner Partei weiter. Demnach haben hohe PP-Politiker von ihm Tausende Euro bar auf die Hand bekommen, darunter angeblich auch Rajoy. Villarejo bestach nun den Fahrer Bárcenas’: Dieser sollte die Wohnung des abtrünnigen Schatzmeisters nach weiteren Mate­rialien durchsuchen, die die ­PP-Führung belasten könnten. Die Aktion wurde «Operation Kitchen» genannt.

Offiziell betrieb Villarejo eine kleine Detektei. Seine Auftraggeber entlohnten ihn üppig, sein Privatvermögen soll sich auf knapp 20 Millionen Euro belaufen. Aufgeflogen ist er eher zufällig: Eine Sonderabteilung der Polizei hörte den damaligen konservativen Madrider Regionalpräsidenten Ignacio González González ab. Dieser wurde von Villarejo in einem Telefonat damit konfrontiert, dass er in seiner Steuererklärung Anteile an einer Firma in den USA und den Besitz einer Villa in Marbella verschwiegen hatte. Wenig später kamen beide hinter Gitter.

Aufsehen erregten nun auch die Telefonate, die Villarejo im Auftrag von Francisco González, dem langjährigen Vorstandsvorsitzenden der BBVA-Gruppe, der zweitgrössten Bank Spaniens, mitgeschnitten hatte. González wollte vor zehn Jahren verhindern, dass die damalige sozialistische Regierung sein Geldhaus zur Fusion mit anderen Banken zwingt.

Peinliches über den König

Zweimal schon enthielten die den Medien zugespielten Mitschnitte Peinliches über den emeritierten König Juan Carlos: So wurde offenbar, dass ein Organisator einiger seiner Lustreisen, die er mit seiner deutschen «Amiga» Corinna zu Sayn-­Wittgenstein unternommen hat, Kontakte zum Drogenmilieu pflegte.

Auch beschwerte sich die «Amiga», dass der König ihr Konto in Monaco benutzen wollte, um Schmiergeldzahlungen für die Vermittlung eines Grossauftrags in Saudiarabien vor dem Fiskus zu verheimlichen. Nun wartet das politische Madrid darauf, welche Bomben aus dem Konvolut des Ex-Kommissars noch vor den Wahlen am 28. April platzen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.04.2019, 08:13 Uhr

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