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«Das wollen sie dir verheimlichen! Hier klicken!»

Eine mediale Parallelwelt, die Quellen oft Kreml-nah. Ein Insider berichtet über Italiens Cinque Stelle und deren Propagandamedien.

Charismatisch: Beppe Grillo, Chef der italienischen 5-Sterne-Bewegung, Europas erfolgreichster Protestpartei. Foto: Giorgio Cosulich (Getty Images)
Charismatisch: Beppe Grillo, Chef der italienischen 5-Sterne-Bewegung, Europas erfolgreichster Protestpartei. Foto: Giorgio Cosulich (Getty Images)

In Italien genügt ein Klick, und man ist in einer anderen Galaxie, in einer mit fünf Sternen. «Clicca qui!» So beginnt fast jede Reise in die parallele Öffentlichkeit der politischen Bewegung Cinque Stelle, Europas erfolgreichsten Protestpartei mit dem dichtesten Netz an eigenen Informationskanälen. «Du wirst es nicht glauben!», steht oft als Lockzeile für Artikel und Posts auf ihren Webseiten, Profilen und Blogs, «klicke hier». Oder: «So etwas passiert nur in Italien! Klicke hier.» Und: «Diese Schande, wir nehmen das nicht mehr hin! Klicke hier.» Oder auch: «Das wollen sie dir verheimlichen. Clicca qui!»

Klickt man sich durch die Skandale und Thesen, die da verhandelt werden, kommt es einem bald so vor, als sei alles auf dieser Welt ganz anders, als man immer gedacht hatte. Der Blog von Beppe Grillo, so etwas wie das Zentralorgan der Partei, und die Portale «Tze Tze» und «La Fucina», die über Links mit dem Tagebuch des Parteigründers verbunden sind, vermitteln den Eindruck, man sei ein Leben lang dunklen Mächten und Medien auf den Leim gekrochen. Und nun, endlich, winke die Erleuchtung und vielleicht sogar eine Revolution. Mit einigen Klicks. «Clicca qui!»

Das tun mittlerweile Millionen Italiener jeden Tag. Und viele von ihnen informieren sich fast exklusiv in der Parallelöffentlichkeit ihrer Partei. Sie glauben nur noch, was in ihren eigenen Medien steht. Auch deshalb heisst es, die Cinque Stelle könnten die nächsten italienischen Parlamentswahlen gewinnen. Denn nichts scheint ihre Popularitätswerte zu schmälern: kein böser Kommentar in der Zeitung, auch kein Skandal in den eigenen Reihen. In Mailand biegen sie jeweils alles wieder gerade. Dort, an der Via Morone bei der Scala, sitzt die Internetfirma Casaleggio Associati, gegründet 2004. Sie ist die Regiezentrale der Partei, gewissermassen die Keimzelle der Fünf Sterne.

«Eine ganz kleine Firma», sagt der Informatiker Marco Canestrari, der vier Jahre lang für sie gearbeitet hat, «nur ein Dutzend Mitarbeiter». Alle machen alles. Doch wie bedeutend diese kleine Firma ist, zeigt ein Blick auf ihre breiten Tätigkeiten. Casaleggio Associati betreut nicht nur den Blog Grillos, sondern auch alle Newskanäle und die Plattform, auf der die Mitglieder der Bewegung interne Abstimmungen durchführen, ihre Kandidaten auswählen und ihre Positionen in wichtigen Fragen bestimmen. Auf den Servern der Firma läuft alles zusammen. Wie genau, ist mysteriös.

«Ein Bericht aus dem Innern»

Canestrari, 34 Jahre alt, lebt und arbeitet heute als Webentwickler in London. Doch seine Vergangenheit als «Grillos Schatten», wie er sich nennt, lässt ihn nicht los: Er schreibt an einem Enthüllungsbuch mit dem Titel «Supernova: Wie die 5-Sterne-Bewegung getötet wurde». Untertitel: «Ein Bericht aus dem Innern». Im Interview erzählt er, wie einst alles begann, 2005. Gianroberto Casaleggio, der unlängst verstorbene Unternehmer und Mitbegründer der Partei, für viele ein Visionär, schlug Grillo vor, einen Blog zu schreiben. Die beiden waren sich nach einer Show des Komikers zum ersten Mal begegnet. Casaleggio sah in Grillo das Potenzial zum charismatischen Politiker. Selber würde er seine Vision verwirklichen, eine politische Bewegung aufzubauen, die sich ganz über das Internet organisieren lässt. Grillo wäre das Gesicht der Partei, Casaleggio das Hirn.

Grillo war zunächst skeptisch, liess sich aber überreden. «Die Kosten für den Blog, etwa 140 000 Euro im Jahr, übernahm Casaleggio», sagt Canestrari, «im Gegenzug verdiente er am Onlineverkauf von Grillos DVDs». Zunächst sei das ein guter Deal gewesen, für beide. Der Blog wurde schnell ein Erfolg; heute zählt er 2,3 Millionen Follower. Wenn Grillo nun etwas postet, dann ist das automatisch relevant und macht Schlagzeilen. Sein Wort ist die Linie der Partei. Die ist zwar oft kurvig, feste Werte und Prinzipien sind für Grillo Kategorien von gestern. Doch seine Anhänger nehmen ihm das nicht übel.

Rentabel war der Blog aber offenbar nur für kurze Zeit – trotz der Werbung grosser Unternehmen, die oft politisch nicht so gut zum Inhalt passen. Um die Einnahmen der Firma zu steigern, hat die Casaleggio Associati die Links zu ihrer privat gehaltenen Onlinezeitung «Tze Tze» und zum umstrittenen Gesundheitsmagazin «La Fucina» in der rechten Spalte von Grillos Blog platziert. So fliesst alles zusammen, Politik und Kommerz. «Tze Tze» heisst nicht nur wie eine Mücke, sie versteht sich auch so: als stechendes Gegenprogramm zu den klassischen Medien. Auf «Tze Tze», so heisst es in der Präsentation, erscheinen nur News von Nutzern. Doch Canestrari sagt: «Dieselben Leute, die Grillos Blog betreuen, schreiben auch die News auf den Nachrichtenportalen.» Die Quellen, die sie brauchen, seien von billigster Qualität. Einmal behauptete «Tze Tze», die USA würden libysche Schlepper finanzieren, die Immigranten nach Italien schleusten. Wahr war daran nichts.

Doch solche Geschichten bringen Klicks. Und wahrscheinlich auch Geld – mehr jedenfalls als der Blog. Einen Teil seiner Inhalte übernimmt «Tze Tze» von «Sputnik» und «Russia Today», zwei Propagandavehikeln des Kreml. Und das ist zumindest erstaunlich, man könnte auch sagen: verstörend. Bis 2014 waren Grillo und die Cinque Stelle nämlich militant gegen den russischen Präsidenten. Der galt ihnen pauschal als böser Zar. Man warf Wladimir Putin vor, er unterdrücke die Opposition, die Presse, die Homosexuellen und die Ukraine. Nach Moskaus Invasion der Krim hielt Grillo Europa vor, es kusche vor Putin, um den Zugang zu Öl und Gas nicht zu verlieren.

Nun ist Putin plötzlich gut, und die Nato ist böse. Eine Wende um 180 Grad, ohne dass die Parteimitglieder dazu befragt worden wären. Grillo lobt Putin bei jeder Gelegenheit. Einige Exponenten der Partei sind schon nach Moskau gereist, um sich dort mit Leuten von «Einiges Russland» zu treffen, der Partei Putins. Worüber sie geredet haben, mochten sie nicht erzählen. Die ganze Propagandamaschine der Partei hat umgeschwenkt. Die Frage ist, was zuerst kam: Ein Deal der Casaleggio Associati mit Moskau oder die politische Wende?

Die Macht beruht auf Daten

Seit Gianroberto Casaleggios Tod im vergangenen Jahr wird die Firma von Sohn Davide geführt, und von dem wissen die Italiener wenig bis nichts. Öffentlich redete er bisher nur selten, er wirkt scheu und verschlossen, seine politischen Ideen sind allen ein Rätsel. Seit einigen Wochen scheint es aber, als dränge es ihn stärker in die Politik. Er besuchte eine TV-Talkshow, und die Zeitungen analysierten danach jede Mimik, jedes Wort. Canestrari sagt, der Junior sei ein Methodiker, kein Visionär wie der Senior, viel weniger leutselig. Nun steht dieser Davide Casaleggio aber einem Unternehmen vor, das die gesamte Propaganda der nunmehr grössten Partei im Land steuert, das die Daten aller Mitglieder und Parlamentarier der Cinque Stelle verwaltet, das auch von allen weiss, wie sie abstimmen und wählen.

«Diese Daten sind Macht», sagt Canestrari, «Casaleggio kontrolliert sie allein und kann sie nach Belieben einsetzen.» Wer etwas zählen möchte in der Partei, müsse notgedrungen dessen Nähe suchen. Und wer sich Kritik leistet, ist schnell draussen – überzogen mit bösen Gerüchten, auf allen Kanälen der Parallelöffentlichkeit. «Clicca qui!»

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