«Es überkommt mich ein Zittern»

Andrea Camilleri, Italiens erfolgreicher Schriftsteller, fürchtet die Cinque Stelle und wundert sich über Berlusconis Aufstieg «aus dem Schacht».

Langer Atem trotz Raucherlunge: Andrea Camilleri. Foto: Antonello Nusca (Polaris/Laif)

Langer Atem trotz Raucherlunge: Andrea Camilleri. Foto: Antonello Nusca (Polaris/Laif)

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Sie sind 92, schreiben täglich, reisen, treten auf. Es scheint Ihnen gut zu gehen.
Danke, ja, mir geht es ziemlich gut, auch gesundheitlich. Da ist nur diese Sache mit der Sehkraft, ich habe das Augenlicht fast ganz verloren.

Wie hat das Ihr Schreiben verändert?
Ich diktiere, das musste ich aber zuerst lernen. Wenn du es gewohnt bist, immer wieder an den Anfang eines Satzes zurückzukehren, und dich selber liest, um den Erzählfaden weiterzuzwirnen, ist das nicht ganz einfach. Mir hilft jetzt, dass ich früher Theaterregisseur war. Wenn ich an eine Szene denke, dann stelle ich mir alles wie in einem Puppentheater der Gedanken vor und platziere darin meine Figuren. Die bewegen sich, reden, stehen mal am Fenster, mal in einer Amtsstube, und ich sehe sie und höre ihnen zu, drehe an ihnen, schiebe sie herum. Am Ende von jedem Satz liest Valentina, meine Assistentin, ihn mir noch einmal vor, und wir korrigieren gemeinsam. Sie arbeitet schon seit sechzehn Jahren mit mir, sie kennt meine Sprache, auch das Vigatese.

Vigatese, so nennt sich Ihr Sizilianisch, die Sprache aus dem imaginären Ort Vigata, an dem Ihre Kriminalromane spielen.
Manchmal fragt Valentina nach, wie ich ein neues Wort, etwa ein erfundenes Verb, buchstabieren will. Doch mittlerweile beherrscht sie das Vigatese fast so gut wie ich. Wir reden und lachen viel. Dieser Prozess verlangsamt das Schreiben natürlich, aber vielleicht ist es deshalb auch überlegter geworden, präziser.

Sie sagten einmal, Sie würden heute besser schreiben als früher.
Ja, ist das nicht erstaunlich? Es widerfährt mir eine kuriose Sache: Mein Körper hat wunderbar reagiert, er hilft mir mit den anderen Sinnen, sie kompensieren das, was ich verloren habe. Zum Beispiel ist das Gedächtnis bei mir im Alter plötzlich so klar, dass mir Erlebnisse aus der Kindheit begegnen, als wären sie gestern passiert, mit fantastischen Details. Auch das unmittelbar Erlebte ist ganz da. Für das Schreiben ist das sehr wichtig. Die Sätze, die ich formuliere, sind wie ins Gedächtnis gestanzt. Es ist, als hätte die Blindheit meine Konzentrationskraft geschärft, die Ideen blühen wild.

Nichts lenkt Sie ab.
Keine Fliege, die durch den Raum fliegt, trägt meine Gedanken weg. Aber dieses konzentrierte Schreiben ermüdet mich auch sehr schnell. Mehr als drei Stunden am Morgen schaffe ich nicht. Doch das reicht. Wenn ich aufstehe, ist alles schon da, dann will ich immer gleich beginnen.

Alles da?
Ja, ich liege am Abend oft stundenlang im Bett und studiere an den Geschichten herum. Wenn ich aufstehe, liegen sie bereit.

Wie wichtig ist das Träumen?
Ich träume in buntesten Farben, auch darin werde ich reich entschädigt. Ich schlafe ein und träume, immer, das war früher nicht so. Meistens sind es lustige Träume. Einer geht so: Ich bin in Mailand am Bahnhof, als Clown verkleidet. Ich trage diese riesigen Schuhe und einen schweren Koffer und bin spät dran. Ich beeile mich also, laufe durch die Stazione, stolpere ständig über meine grossen Schuhe. Als ich den Bahnsteig erreiche, fährt mein Zug gerade los. Er ist voll mit Clowns, die ihre Nase ans Fenster pressen und mir zurufen: Lauf, lauf! Ich laufe und falle hin. Auf der anderen Seite des Bahnsteigs steht ein Zug mit normal gekleideten Passagieren, sie lachen alle.

Ist es wahr, dass das Ende von Montalbano schon geschrieben ist?
Oh ja, schon lange. Ich habe es geschrieben, als ich 80 war. Letztes Jahr haben wir es wieder hervorgeholt und komplett neu geschrieben. In zwölf Jahren ist so viel passiert, auch das Vigatese hat sich weiterentwickelt. Wir mussten das Buch mit den letzten sprachlichen Errungenschaften ausschmücken.

Reden wir über Italien, am 4. März finden Parlamentswahlen statt.
Sie glauben, ich verstehe etwas von diesen Wahlen? Ich habe da meine Zweifel, aber schauen wir mal.

Das Land wacht gerade auf aus einer langen, tiefen Krise. Man hat das Gefühl, die Italiener hätten darin ihre Leichtigkeit verloren.
Die Leute sind härter geworden, auch aggressiver, und das ist kein Wunder. Es hat ein Wandel stattgefunden. In anderen Zeiten hätte eine solche Krise leicht in blutige Revolten ausarten können. Zum Glück passierte das diesmal nicht. Dafür polsterte die Verzweiflung den Erfolg einer Partei, der Cinque Stelle, die sich gegen alles Etablierte richtete.

Wie sehen Sie die Fünf Sterne?
Mit Angst, ich fürchte mich vor ihrer eklatanten Inkompetenz. Wenn ich mir vorstelle, dass ihr Spitzenkandidat, dieser Luigi Di Maio, Premierminister werden könnte, theoretisch wenigstens, dann überkommt mich ein Zittern. Kein Scherz! Schauen Sie sich doch Rom an, nie in der Geschichte hatte die Stadt einen schlechteren Bürgermeister.

Auch die beiden Vorgänger von Virginia Raggi waren nicht eben brillante Figuren gewesen.
Ich bleibe dabei, keiner war je schlechter. Und das Verrückte ist: Würde heute neu gewählt, würde Raggi wahrscheinlich wiedergewählt. Die italienische Wählerschaft wird von einem irren Mix von Gefühlen durchzogen: Konfusion, Wut, Verzweiflung. Man schlägt zehnmal mit dem Kopf gegen einen Stein und sagt sich, komm, warum nicht noch ein elftes Mal.

Da wären wir bei Silvio Berlusconi. Der mischt auch wieder mit.
Schrecklich. Ich hätte es nicht für möglich ge­halten, dass ich in meinem hohen Alter noch einmal von ihm hören würde. Doch da ist er wieder, als Protagonist der italienischen Politik, nachdem er rechtmässig wegen Steuerbetrugs verurteilt worden war. In jedem anderen Land wäre einer wie Berlusconi politisch längst erledigt, und für immer.

Warum in Italien nicht?
Weil es plötzlich wieder ein politisches Vakuum gab. Die Linke ist dramatisch abgesackt, und gleichzeitig stieg diese undefinierbare Bewegung der Cinque Stelle auf, die von einer Privatfirma und einem Komiker geführt wird. Da war es nur logisch, dass Berlusconi wieder aus dem Kanalschacht steigt.

Wen würden Sie denn eher wählen, wenn Sie denn müssten: Berlusconi oder Di Maio?
Auf diese Frage antworte ich nur, wenn man mir eine Pistole an den Kopf hält. Doch Italien ist eine freie Demokratie, hier hat man das Recht, sich der Stimme zu enthalten und keinen der beiden zu wählen. Für mich ist das also kein Dilemma.

Für andere schon. Nun heisst es da und dort, Berlusconi sei am Ende doch das kleinere Übel, den kenne man schliesslich.
Eben, man kennt ihn schon, das müsste eigentlich reichen, nicht?

Was ist denn mit der Linken los? So schlecht hat sie doch gar nicht regiert.
Sie häutet und spaltet sich mal wieder. Nach jeder Spaltung verliert sie noch stärker an Bedeutung. Ich mochte die Regierung von Matteo Renzi nicht, aber ja, sie hat einiges versucht und auch etliches geleistet, gerade bei den Bürgerrechten. Doch es war nicht genug. Die Wirtschaft ist noch immer zu schwach, um genügend Arbeit zu schaffen, und noch immer lebt eine von drei italienischen Familien in Armut. Für eine Renaissance des Landes fehlt das Fundament. Und dann ist da noch diese gigantische Steuerflucht: Dem Staat entgehen jedes Jahr 60 Milliarden Euro, weil sich viele drücken.

Was störte Sie an Renzi?
An seinem Partito Democratico ist nichts mehr links, die sozialdemokratische Partei steht in der Mitte und blickt von dort eher nach rechts als nach links. Kaum war Renzi Sekretär, setzte er sich an einen Tisch mit Berlusconi, um mit ihm über Reformen zu reden. Das muss man sich mal vorstellen! Ich werde deshalb die linke Linke wählen, die, die sich vom Partito Democratico abgespaltet hat.

Fahren Sie oft nach Sizilien?
Etwa zweimal im Jahr, jeweils für vier, fünf Tage, mehr nicht. Manchmal habe ich diese Sehnsucht nach dem Duft des Hafens von Porto Empedocle, meiner Heimatstadt. Doch Freunde aus der Jugend sind mir keine geblieben, die haben sich alle schon verabschiedet, ich bin der einzige Überlebende.

«Es streunen nur noch einige Hunde rum.»Andrea Camilleri über die Mafia

Unlängst starb Totò Riina, der Boss der Bosse. Starb mit ihm auch die Cosa Nostra?
Die Mafia, wie wir sie kannten, war schon vorher tot. Von den grossen, gewissermassen charismatischen Figuren ist nur noch Matteo Messina Denaro übrig geblieben, doch wie es scheint, hat der nur wenig Macht. Die sizilianische Mafia ist von der kalabrischen ’Ndrangheta und sogar von der kampa­nischen Camorra überholt worden. Es fehlt ihr ein Kopf. Und da diese Organisation im Gegensatz zu den anderen immer mit einer klaren hierarchischen Spitze funktioniert hat, mit einer Kuppel, die alles überdachte, gibt es nun nur noch kleine, lokale Banden. Giovanni Falcone hatte recht, als er einmal sagte, die Mafia sei ein menschliches ­Gebilde, und wie alles Menschliche sei es dem ­Ableben geweiht.

Und dieser Moment ist nun gekommen?
Ja, es streunen nur noch einige Hunde rum.

Für viele Sizilianer sind Sie ein Heiliger.
Diese Zuneigung erwärmt mein Herz, ich hätte ja nie gedacht, dass man mich mal so mögen würde. Interessanterweise ist die Zuneigung aber in Mailand fast noch grösser als in Sizilien. Und hier in Rom. Als ich 80 wurde, war die Strasse unten voll mit Leuten. Ich musste mich ans Fenster stellen, es sah so aus, als würde ich die Menschen segnen.

Von wegen segnen: Sie mögen Franziskus, den Papst.
Ja, den mag ich sehr, obschon ich ja nicht gläubig bin. Ein südamerikanischer Jesuit – das passt doch wunderbar! Die sind traditionellerweise volks- und lebensnah, konkrete Köpfe. Im Vatikan gefällt das natürlich vielen nicht.

Wird er es dennoch schaffen, die Kirche zu reformieren?
Wahrscheinlich nicht. Es ist schon ein Wunder, dass er noch da ist. Sobald er weg ist, wird die ­Kurie alles wieder zurückdrehen.

Sie rauchen noch immer.
Die Ärzte haben schon lange resigniert. Wenn ich mit dem Rauchen aufhören würde, würde ich wohl sofort sterben. Aber eigentlich ist das ja alles ein Bluff: Ich stecke mir eine Zigarette an und drücke sie nach höchstens drei Zügen wieder aus. Den Rauch inhaliere ich nur bei einem der drei Züge. Die Zigaretten schaden meinem Geldbeutel mehr als meiner Lunge.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2018, 20:02 Uhr

Andrea Camilleri

Krimiautor aus Sizilien

Mehr als hundert Bücher hat der 92-jährige Drehbuch­autor, Dichter und Schriftsteller Andrea Camilleri aus dem sizilianischen Porto Empedocle geschrieben. International bekannt wurde er mit den Kriminalfällen des Kommissars Montalbano, den er nach seinem spanischen Freund und Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán benannte. Sie werden in hundert Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. Die Verfilmung der Krimis sind Quotenschlager. Er lebt seit vielen Jahren in Rom, in einer Wohnung im schönen Viertel Prati. (om)

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