Es war nicht nur der eine Abend

Nur eine «b'soffne G'schicht»? Offenbar bestand nach dem Treffen in Ibiza noch wochenlang Kontakt der FPÖ zur vermeintlichen russischen Investorin.

Heinz-Christian Strache hat vor seiner Regierungsbeteiligung 2017 einer angeblich reichen Russin dubiose und teils mutmasslich illegale Geschäfte angeboten. Video: Süddeutsche Zeitung

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Als Heinz-Christian Strache am Samstag seinen Rücktritt bekannt gab, tat er alles, um den Eindruck zu erwecken, weder er noch die FPÖ hätten ernst gemeint, was er der angeblichen russischen Investorin alles versprochen hatte. Es sei eine «b'soffne G'schicht» gewesen, er habe die attraktive Russin beeindrucken wollen, kurzum: er habe dummes Zeug geredet. Es habe auch keinen weiteren Kontakt zu der angeblichen Investorin gegeben, schrieben Strache und sein FPÖ-Freund Johann Gudenus, der ebenfalls in der Villa dabei war, in einer WhatsApp-Nachricht an die Redaktion der Süddeutschen Zeitung.

Nach Recherchen von SZ und Spiegel sind die Absprachen etwa um den Kauf der Kronen-Zeitung und das Zuschanzen von Staatsaufträgen keineswegs nur an diesem einen Abend besprochen worden. Im Gegenteil: der zurückgetretene FPÖ-Funktionär Gudenus – Straches engster politischer Verbündeter – hatte offenbar monatelang Kontakt zu der vermeintlichen russischen Investorin und deren Umfeld. Das Thema wurde in dieser Zeit entwickelt und Strache war offenbar auch gebrieft – wie sonst hätte er beim Treffen in Ibiza einleitend fragen können, was in dieser Sache «schon vorangeschritten» sei?

Zudem gab es selbst nach dem Abend in der Ibiza-Villa noch weitere Treffen zwischen Gudenus und dem Vertrauten der angeblichen Russin, der auf dem Video meist neben ihr sitzt. Das belegen Audioaufnahmen von Treffen, die offenbar in Wien stattfanden, und SZ und Spiegel vorliegen. Auf Anfrage äusserte sich Gudenus bis Sonntagnachmittag nicht dazu.

«Den Haselsteiner will ich nicht mehr»

Bei einem der Nachtreffen Ende August sprechen Gudenus und der Mann darüber, dass Ibiza nicht so lief wie erhofft. «Sie war relativ angepisst», sagt der Vertraute über die angebliche Investorin, aber jetzt gehe es darum, weiterzumachen, «raus aus der Bunkermentalität». Bei den Treffen ging es erneut um mögliche Deals zwischen den beiden Seiten. Der Mann, auch er ein mutmasslicher Lockvogel, sagte, die Russin brauche eine «Geste des guten Willens». Gudenus und Strache sollten ihr «Zuversicht geben hinsichtlich dieser Strabag-Geschichte, was da auf Ibiza diskutiert wurde». Die vermeintliche Russin könnte noch immer, so bekräftigte ihr angeblicher Vertrauter, versuchen, «euch [im Wahlkampf] nach Möglichkeit auf Platz eins zu pushen, um dann halt nachher die besten Freunde zu haben, die man haben kann.»

Sein Vorschlag, die Geste: Die FPÖ solle am 4. September 2017, wenige Tage nach einem der beiden Treffen in Wien – eine ganz bestimmte Pressemitteilung auf dem Nachrichtenportal OTS veröffentlichen. Gudenus, den Strache immer «Joschi» nennt, ist einverstanden: «ja eehhh».

Bei einem kleinen Braunen – einem Espresso mit Milch – einigen die beiden sich darauf, dass der liberale Mäzen und Miteigentümer der Baufirma Strabag, Hans Peter Haselsteiner Gegenstand der Pressemitteilung sein soll. Über ihn sagt Strache ein paar Wochen zuvor in der Ibiza-Villa: «Den Haselsteiner will ich nicht mehr.» Der angeblichen Oligarchen-Nichte verspricht er, ihr alle Staatsaufträge zuzuschanzen, die bisher die Strabag bekommen habe – deren Anteilseigner Haselsteiner ist. Und Gudenus sagt zu.

Weiteres Treffen diskutiert

Am 4. September schickt Gudenus von seiner offiziellen E-Mail-Adresse bei der FPÖ tatsächlich eine E-Mail an den Vertrauten der Russin. In diese E-Mail – die SZ und Spiegel ebenfalls vorliegt – ist die versprochene Meldung über Unternehmer Haselsteiner hineinkopiert, samt Link zum OTS-Presseportal. Haselsteiner solle seine Politnetzwerke offenlegen, heisst es in der Meldung, die immer noch abrufbar ist.

Bei einem zweiten mitgeschnittenen Treffen Ende August wurde sogar die Möglichkeit einer weiteren Zusammenkunft mit der Frau diskutiert. «In Moskau oder London oder so», sagte Gudenus, das sei «kein Problem». Dazu kam es letztendlich offenbar nicht.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 19.05.2019, 22:06 Uhr

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