«Europa steht am Beginn einer neuen Terrorismuswelle»

Sicherheitsexperte Peter Neumann über die Flüchtlingswelle, den IS und neue Jihadisten, die Gefahren für Europa und bessere Ansätze der Terrorprävention.

Erhöhte Wachsamkeit in Europas Hauptstädten: Soldaten beim Eiffelturm nach den Anschlägen in Paris im letzten Januar.

Erhöhte Wachsamkeit in Europas Hauptstädten: Soldaten beim Eiffelturm nach den Anschlägen in Paris im letzten Januar. Bild: AFP

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Die Flüchtlingswelle aus dem Nahen Osten hat in Europa viele Ängste ausgelöst. Es gibt etwa die Sorge, dass sich IS-Jihadisten unter die Flüchtlinge mischen, um später in Europa Anschläge auszuführen. Ist diese Sorge berechtigt?
Dass der IS aktiv und systematisch Leute nach Europa einschleust, trifft nicht zu. Es gibt bisher einen einzigen dokumentierten Fall aus Deutschland. Der mutmassliche Jihadist wurde von den Flüchtlingen der Polizei gemeldet. Die Flüchtlinge selbst haben kein Interesse, dass Jihadisten den Weg nach Europa finden. Die Hysterie, die teilweise von Politikern geschürt wird, ist nicht gerechtfertigt. Dagegen ist es ein echtes Problem, dass hochradikalisierte Muslime und potenzielle Terroristen längst unter uns leben. Die Anschläge in Paris und Kopenhagen Anfang dieses Jahres waren keine Einzelfälle. Sie sind vielmehr erste Hinweise darauf, was in den nächsten Jahren und Jahrzehnten passieren wird. Europa steht am Beginn einer neuen Terrorismuswelle, die uns noch eine Generation lang beschäftigen wird. Und das ist nicht alles.

Woran denken Sie?
Eine zweite, mindestens genauso grosse Gefahr ist, dass sich die europäischen Gesellschaften weiter polarisieren. Parteien und militante Gruppen am rechten Rand gewinnen bereits an Zulauf. Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Herkunft wird in Europa noch schwieriger. Mit der zunehmenden Polarisierung entstehen auch neue Bedrohungen für Minderheiten wie Juden und nicht zuletzt Muslime. Letztlich stehen unsere Demokratie und das europäische Gesellschaftsmodell auf dem Spiel. Das ist meine grösste Sorge.

Deutschlands Innenminister Thomas de Maizière hat die Pegida als «harte Rechtsextremisten» bezeichnet. Ist es nicht irgendwie verständlich, dass diese Leute gegen die Flüchtlingspolitik der Merkel-Regierung protestieren?
Natürlich ist es nachvollziehbar, dass die Menschen Ängste haben und deswegen auf die Strassen gehen. Das Problem ist, dass Organisationen wie Pegida häufig von Rechtsextremen gesteuert werden, die sich die öffentliche Angst zunutze machen und für ihre eigenen, viel radikaleren Zwecke nutzen. Wichtig ist, dass die Politiker die Sorgen der Bürger ernst nehmen, sich aktiv ihren Fragen stellen und das Thema Flüchtlinge nicht aus Feigheit und Angst vor dem Zorn der eigenen Wähler allein den radikalen Kräften überlassen.

Sehen Sie die Gefahr weiterer rechter Terroraktionen nach dem Anschlag auf die Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker?
Ja, diese Gefahr besteht. «Einsame Wölfe» gibt es nicht nur bei den Jihadisten, sondern auch bei den extremen Rechten. Und genauso wie bei den Jihadisten droht durch sie eine Polarisierung der Gesellschaft und dass sich die Extreme gegenseitig hochschaukeln.

Sie schreiben in Ihrem aktuellen Buch von neuen Jihadisten, und Sie sehen eine neue Terrorismuswelle auf Europa zukommen. Können Sie diese düstere Prognose begründen?
Der Terrorismus ist ein zyklisches Phänomen. Er kommt in Wellen, die 25 bis 30 Jahre dauern. Gesehen haben wir das zum Beispiel beim linken Terror, etwa durch die RAF in Deutschland, danach auch beim radikalislamischen Terror des Netzwerks al-Qaida. Die al-Qaida entstand in den Wirren des Afghanistankriegs in den 1980ern und verübte ihre Anschläge in den 1990er- und 2000er-Jahren. Jetzt haben wir es mit einer neuen Generation von Jihadisten zu tun. Die Lage ist deshalb so gefährlich, weil die Anzahl der – teilweise sehr jungen – Jihadisten viel höher ist als in der Vergangenheit. Eine solche Mobilisierung von Jihadisten hat es noch nie gegeben. Das, was im Nahen Osten derzeit geschieht, produziert eine ganze Generation von Leuten, die auch in Europa Anschläge verüben werden. Das ist auch im Sinne des IS.

Dass Terroristen wie der IS einen eigenen Staat ausrufen, ist ein ungewöhnliches Phänomen. Welche Rolle spielt der IS für die neuen Jihadisten?
Mit der Eroberung von grösseren Gebieten in Syrien und im Irak ist es dem IS gelungen, Wurzeln zu schlagen und ein sichtbares Zentrum einer neuen, totalitären Bewegung zu werden. Für die neuen Jihadisten ist der IS ein logistischer Dreh- und Angelpunkt, aber auch Utopie und Inspiration. Allein aus Europa sind in den letzten drei Jahren mindestens 5000 Kämpfer nach Syrien und in den Irak gegangen. Nicht jeder europäische IS-Kämpfer, der zurückkehrt, wird ein Terrorist sein, aber einige können gefährlich werden. Ausserdem gibt es zahlreiche Unterstützer und Sympathisanten des IS, die bereits in Europa leben. Auch sie können zu Attentätern werden. Wer nach potenziellen Terroristen sucht, wird bei den Salafisten fündig. Praktisch alle europäischen Jihadisten sind vom Salafismus radikalisiert worden.

Wachsende Salafistenszenen gibt es vor allem in Grossbritannien, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Deutschland. Welche Menschen sind anfällig für den Salafismus? Und warum findet diese radikale Form des Islams zunehmend Anhänger?
Attraktiv ist der Salafismus vor allem für die Gestrandeten, Orientierungslosen und Zurückgelassenen. Er richtet sich an Menschen, die sich von der Gesellschaft allein gelassen oder an den Rand gedrängt fühlen und die nach einer neuen Identität suchen. Dazu gehören insbesondere junge Muslime, die nicht wissen, wo sie hingehören, aber auch deutsche Jugendliche aus kaputten Elternhäusern, Kleinkriminelle und Aussenseiter. Der Salafismus bietet diesen Leuten Rebellion gegen alles, wofür westliche Gesellschaften stehen. Er schafft Ordnung, indem er mit klaren Regeln und Verboten für jede Lebenssituation eine Antwort parat hat. Schliesslich bietet der Salafismus seinen Anhängern Gemeinschaft und Akzeptanz – unabhängig vom persönlichen Hintergrund.

Inwiefern können die Salafisten von der aktuellen Flüchtlingswelle nach Europa profitieren? Sicherheitsbehörden wie der deutsche Verfassungsschutz befürchten, dass sie unter den Flüchtlingen neue Anhänger anzuwerben versuchen.
Die Salafisten versuchen dies, ja. Sie werden aber keinen Erfolg haben. Dieser Salafismus ist auf die Verlierer in den europäischen Gesellschaften zugeschnitten. Die Flüchtlinge, die jetzt kommen, sind momentan noch begeistert von Europa, sie wollen sich hier eine gute Zukunft aufbauen. Das Letzte, was etwa Syrien-Flüchtlinge brauchen, ist ein rothaariger deutscher Salafist wie der Prediger Pierre Vogel, der ihnen etwas über den Islam erzählt. In fünf bis zehn Jahren kann sich die Einstellung mancher Flüchtlinge ändern, wenn ihre Integration nicht gelingt und sie Europa nicht mehr als positiv erleben. Dann könnten Frustration und Radikalisierung entstehen. Und dies würde nur dem Jihadismus nützen.

Wie unterscheidet sich der Terror der europäischen Jihadisten vom Terror der al-Qaida?
Im Gegensatz zu al-Qaida haben sie begriffen, dass man auch mit relativ «kleinen Anschlägen» eine grosse, schockierende Wirkung erzielen kann. Dazu kommt, dass «einsame Wölfe» oder Kleinstgruppen, die einfache Aktionen planen, von den Geheimdiensten kaum rechtzeitig entdeckt werden können. Anders ist dies bei den Anschlägen, die eine längere, komplizierte Planung erfordern und an denen viele Leute beteiligt sind. Europa drohen also nicht Anschläge wie in den USA (9/11) oder wie in Madrid (2004) und London (2005), sondern wie in Paris und Kopenhagen in diesem Jahr. In diese Kategorie gehört auch der von Passagieren vereitelte Anschlag im Thalys-Zug von Amsterdam nach Paris im letzten August. Solches Glück werden wir nicht immer haben.

Nach jeder Terroraktion in Europa erfahren wir, dass die Attentäter der Polizei und den Geheimdiensten bekannt gewesen waren. Was läuft schief in der Terrorabwehr?
Die Zahl der Salafisten ist so hoch, dass nicht alle Verdächtigen permanent überwacht werden können. Die Sicherheitsbehörden müssen laufend entscheiden, wer gefährlich ist und wer nicht. Somit besteht das Risiko, dass spätere Attentäter durch den Raster fallen, wenn sie längere Zeit nicht mehr auffällig gewesen waren. Die Bekämpfung des Terrorismus muss neu gedacht werden. Es genügt längst nicht mehr, zusätzliche Polizisten einzustellen und den Geheimdiensten mehr Befugnisse zu geben.

Was schlagen Sie vor?
Jedes Land braucht eine nationale Strategie. Dazu gehört auch ein Konzept mit Prävention, Intervention und Deradikalisierung. Je nach Fall setzen sich Eltern, Psychologen, Sozialarbeiter, Lehrer oder Theologen zusammen, und sie entscheiden dann, mit welchen Massnahmen die Radikalisierung eines Jugendlichen gestoppt werden kann. Beispiele aus den Niederlanden und Grossbritannien zeigen, dass dieser Ansatz erfolgreich sein kann. Das britische Channel-Programm hat eine Erfolgsquote von 70 Prozent. Um die restlichen 30 Prozent kümmern sich die Sicherheitsbehörden. Es ergibt auch Sinn, dass sich Polizei und Geheimdienste auf die wirklich gefährlichen Personen konzentrieren können. So kann die Terrorabwehr wirksamer werden.

Sie haben die Deradikalisierung als wichtiges Element der Terrorprävention erwähnt. Wie funktioniert das?
Zunächst braucht es das Gespräch über die problematischen Ideen, die eine radikalisierte Person hat. Daneben geht es um die Frage, welche persönlichen Probleme oder Krisen den Salafismus für diese Person attraktiv gemacht haben und welche Lösungen es dafür gibt. Schliesslich muss diese Person aus der salafistischen Szene geholt werden.

Wie kann das gelingen?
Die Szene der Salafisten ist so abgeschottet, dass Radikalisierte nur untereinander Kontakte haben. In manchen Fällen bedeutet dies, dass ein Umzug nötig ist. Exit-Programme helfen beim Aufbau eines neuen sozialen Umfelds und von neuen Kontakten. Das Wichtigste ist zunächst, Zugang zu den radikalisierten Personen zu finden. In vielen Fällen gibt es nur einen Menschen, dem sie zuzuhören bereit sind, beispielsweise ein Fussballtrainer, ein Lehrer, die Mutter oder ein Imam. Auch echte IS-Aussteiger, die desillusioniert aus dem Nahen Osten zurückgekehrt sind, könnten dank ihrer Glaubwürdigkeit eine bedeutende Rolle bei der Präventionsarbeit spielen.

Auch die muslimischen Verbände und Organisationen könnten eine wichtige Rolle einnehmen im Kampf gegen die Radikalisierung. Sie wirken aber hilf- und ahnungslos im Umgang mit den Salafismus-Phänomen. Wie beurteilen Sie das?
Ich nehme die muslimischen Gemeinschaften immer in Schutz, denn 99 Prozent der Muslime haben nichts mit Salafismus zu tun. Aber sie engagieren sich tatsächlich zu wenig. Gerade sie müssten ein grosses Interesse daran haben, dass die Salafisten den Islam nicht für sich in Anspruch nehmen und dass diese nicht alle Muslime in den Dreck ziehen. Sie haben es versäumt, sich um ihre eigene Jugend zu kümmern.

Was machen sie falsch?
Die muslimischen Organisationen sind sehr konservativ und ihre Anführer meist ältere Männer, die kein Gespür dafür haben, was mit den jungen Menschen in ihrer Gemeinschaft los ist. Sie haben nichts zu sagen zu Themen wie Identität, Sex oder Drogen, die die Jugendlichen tatsächlich beschäftigen. In einer traditionellen Moschee erhalten junge Muslime keine Antworten auf ihre Fragen. Gehen sie ins Internet, finden sie den salafistischen Prediger Pierre Vogel, der kumpelhaft und sympathisch wirkt. Vor allem spricht er über alle Themen. So fangen die Salafisten junge Leute ein. Und damit entsteht die Gefahr neuer Jihadisten und IS-Kämpfer.

Im Rahmen Ihrer Forschung haben Sie über Internet und Social Media Kontakte mit IS-Kämpfern aufgenommen und solche Leute im türkisch-syrischen Grenzgebiet auch getroffen. Wie ist deren Kriegsbegeisterung zu erklären?
In Europa gibt es mittlerweile eine Art salafistische Gegenkultur. Da geht es um Rebellion, Stärke, Maskulinität und Abenteuer. Das ist vielen genauso wichtig wie Ideologie oder Religion, mit denen sich die meisten Syrienkämpfer gar nicht so gut auskennen, wie man häufig denkt. Hinzu kommt, dass mit dem Islamischen Staat jetzt ein ganz konkretes Symbol existiert – eine jihadistische Utopie.

Der IS hat sein Kalifat im Juni 2014 ausgerufen. Seit einem Jahr versucht eine internationale Koalition um die USA, den IS zu bekämpfen. Inzwischen kämpfen auch die Russen im Syrienkrieg. Wie lange kann sich der IS noch halten?
Der IS ist konventionell nicht zu besiegen. Was es braucht, ist eine aggressive Strategie der Eindämmung. Der IS darf keine Territorien dazugewinnen, er muss isoliert werden. Dann kann das Kalifat in Syrien und im Irak auf Dauer nicht überleben. Ohne territoriale Expansion kommt die Wirtschaft des IS ins Stocken, die Versorgung der Bevölkerung verschlechtert sich, und es entstehen interne Spannungen. Wenn es gelingt, den IS einzudämmen, wird er in ein paar Jahren implodieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2015, 20:13 Uhr

Peter Neumann ist Politikwissenschaftler und Professor für Sicherheitsstudien am King’s College in London und leitet das International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR), das weltweit bekannte Forschungsinstitut zum Thema Radikalisierung und Terrorismus. Neumann ist ein gefragter Berater von Regierungen, Geheimdiensten und internationalen Organisationen wie etwa die UNO. Zudem ist er als Publizist aktiv. Sein neuestes Buch heisst «Die neuen Dschihadisten» (Ullstein Buchverlage). (vin)

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