Familienleben nach der Krise

Die Finanzkrise führte Irland vor zehn Jahren an den Rand des Bankrotts. Viele junge Menschen verliessen die Insel – auch die Töchter von Ann und John Allen. Ein Besuch.

Die Allens: Vater John mit Enkel Noah, Mutter Ann, Schwiegersohn Cathal mit Meadbh, Tochter Deirdre mit Naoise, Tochter Elizabeth mit Isobel, Ryan, Sinéad. Foto: PD

Die Allens: Vater John mit Enkel Noah, Mutter Ann, Schwiegersohn Cathal mit Meadbh, Tochter Deirdre mit Naoise, Tochter Elizabeth mit Isobel, Ryan, Sinéad. Foto: PD

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Am Küchentisch lässt sich am besten reden. Bei den Allens muss es ein langer Tisch sein. Acht Erwachsene drängen sich in der Küche, vier Enkel sind bereits ins Bett gebracht, nun wird frischer Tee aufgebrüht. Eine Familienfeier hat den Teil der Familie zusammengeführt, der noch in Irland oder nah der Heimat wohnt. Familienfeiern sind wichtig geworden, seit es die erwachsenen Kinder der Allens ­hinaus in alle Welt verschlagen hat.

Michael und Catherine, zwei der Allen-Sprösslinge, haben nicht kommen können. Sie wohnen an der kalifornischen Küste, in den USA. Auch Elizabeth und Deirdre lebten bis vor kurzem noch in Übersee, in Australien, doch inzwischen sind beide heimgekehrt. Sinéad, die jüngste der fünf Töchter, hat sich in London niedergelassen. Verglichen mit San José oder Sydney ist London nah, nur einen ­Ryanair-Sprung weit entfernt.

Die Eltern, John und Ann Allen, wohnen noch immer in dem Haus, in dem John vor vielen Jahren selbst aufgewachsen ist, mit seinen neun Geschwistern. Das Haus steht im Städtchen Strokestown, im irischen Mittelwesten, in der Church Street, gegenüber der protestantischen Kirche.

Das Stückchen Ackerland, das der heute 66-jährige John mit dem Haus geerbt hat, liegt nicht weit weg. Seit neuestem steht ein Windrad darauf und produziert Strom, hoch über den blökenden Schafen. Das Gute an Irland: An Wind fehlt es nie.

Flugzeuge voller junger Iren

Er war immer eine verschworene Gemeinschaft gewesen, der Clan der Allens. Um so härter traf es John und seine Frau, als die Finanzkrise, die Irland ab 2008 an den Rand des Ruins drängte, scheinbar über Nacht die Familieneinheit sprengte. John sagt: «Das Schlimmste war für uns, dass alle fünf unserer Kinder auswanderten. Zu Hause gab es nichts mehr für sie, kein Einkommen, keinen Job.»

Deirdre, die Ingenieurin ist und inzwischen 34, hat eine für ihre Generation recht typische Geschichte zu erzählen. Sie hatte 2008 eine gute Stelle in Dublin und war mit ihrem Mann Cathal, einem Baufachmann, auf einer Reise in Australien, als sich die Folgen der Kredit- und Bankenkrise abzuzeichnen begannen. «Die Arbeitsplätze in der Firma daheim kamen plötzlich ins Wanken. Kollegen wurden entlassen, Gehälter generell um 25 Prozent gekürzt. Das Einzige, was in Dublin stieg, waren die Mieten. Die Lage war bedrückend. Also beschlossen wir, in Australien zu bleiben. Zumindest für eine Weile, für eine Übergangszeit.»

«Die Flugzeuge nach Australien waren plötzlich voll junger Iren.»

Das war Anfang 2009. Im Jahr darauf folgte ihr die ältere Schwester Elizabeth, die sich in Australien mit Ryan verheiratete, einem IT-Designer aus Neuseeland. «Vielen Gleichaltrigen ging es wie uns», sagt Deirdre. «Die Flugzeuge nach Australien waren plötzlich voll junger Iren.»

Denn wer seinen Job in Irland verlor und sich das Leben in den Städten nicht mehr leisten konnte oder wer von der Uni kam ohne Aussicht auf Beschäftigung, der hatte nur zwei Alternativen, sagt Deirdre: «Entweder zurück ins Elternhaus ziehen und dort von Arbeitslosengeld leben, weil auf dem flachen Land keine Arbeit zu finden war. Oder eben gehen, wie so viele Generationen vor uns.»

Fast sechs Jahre lang lebte Deirdre in Sydney und Melbourne. Zurück Richtung Heimat drängte es sie, als sie ein Kind erwartete. «Wir hatten», sagt sie, «die langen Flüge satt. Wir wollten unsere Kinder nicht in Australien aufziehen. Wir wollten wieder in der Nähe unserer Eltern wohnen, beim Rest der Familie.»

In Dublin sind Jobs, doch Dublin ist teuer

Das war im Herbst 2014. Zwei Jahre darauf packte auch Elizabeth, mit ihrem zweiten Kind schwanger, in Australien die Koffer. Denn Irland begann sich zu erholen. Die drastischen Austeritätsmassnahmen wurden abgeschwächt, die Arbeitslosigkeit ging zurück. Plötzlich konnte das langjährige Sorgenkind der EU wieder Wachstum verzeichnen: 2017 ist das vierte Jahr hintereinander, in dem die Insel die höchste Wachstumsrate in ganz Europa aufweist; 4,8 Prozent soll das Wachstum dieses Jahr betragen. Die Arbeitslosigkeit ist von 15 Prozent im Jahr 2012 auf wenig mehr als 6 Prozent geschrumpft.

Diese stolzen Zahlen, insistiert Familie Allen am Küchentisch, bedeuteten jedoch nicht automatisch eine Besserung der Situation für den Durchschnitts-Iren. Denn zu einem Gutteil hat der Aufschwung der letzten Jahre mit den Rekordprofiten der in den wenigen Ballungsgebieten Irlands angesiedelten multinationalen Konzerne zu tun. Dort, vor allem in Dublin, haben sich neue Möglichkeiten eröffnet – wiewohl hohe Mieten und teure Lebensverhältnisse es vielen jungen Iren schwer machen, die Jobs in der Hauptstadt wahrzunehmen.

In den ländlichen Teilen des Landes mangelt es dagegen weiterhin an Arbeit, an Wohnraum, an Infrastruktur, an sozialen Angeboten. Auch das Pendeln ist ein Problem: Die Strassen nach Dublin, Cork oder Galway sind stets überfüllt, und Tickets für Züge und Busse sind teuer. «Ausserdem sind die Verbindungen miserabel», meint Deirdre. «Pendeln ist hoffnungslos. Und einen Wochenendvater für meine Kinder will ich nicht.»

Elizabeth, die mit ihrer Familie vorübergehend wieder bei den Eltern in der Church Street untergeschlüpft ist, zeigt sich vor allem deprimiert darüber, wie «ausgestorben» ihr Heimatort inzwischen wirke: «So viele Geschäfte sind mit Holzverschlägen vernagelt, überall hat es Graffiti, nirgends herrscht noch richtiges Leben.» Statt all der Einzelhandelsgeschäfte, die es einmal gab, gibt es heute zwei Wettbüros, in denen die Arbeitslosen ihr Geld verspielen. Und, nicht zu vergessen, zwei Schönheitssalons. Auch die «Ghost Estates» sind noch da, die verfallenden Neubausiedlungen der Boomjahre, der Ära des Keltischen Tigers, die mit dem Crash so jäh zu Ende ging. Glück im Unglück habe man trotzdem noch gehabt, meinen John und Ann, die Eltern: Keines der Kinder habe sich im Bauboom mit einer Haushypothek belastet.

Andere irische Familien haben sich in den guten Jahren vor 2008 tief verschuldet. Als die ganze Bauspekulation dann in sich zusammenbrach und die Häuser allen Wert verloren und über Nacht sicher geglaubte Jobs verschwanden, waren sie nicht mehr in der Lage, ihre Schulden abzuzahlen.

Wie Mahnmale stehen überall die Bauruinen aus den Boomjahren.

Die Allens haben das aus nächster Nähe erlebt: «Zuvor waren viele der Betroffenen durchaus wohlsituierte Leute. Dann sind sie in Verzug mit den Zahlungen gekommen. Sie sind auf einer tödlichen Spirale abwärtsgerutscht», sagt John. Gar nicht wenige seien heute auf Wohlfahrt angewiesen. Die Allens sind, wie sie selbst sagen, glimpflich davongekommen.

Das heisst nicht, dass sie nicht das Schicksal all der Daheimgebliebenen teilen, die von der drakonischen Austeritätspolitik der Jahre nach dem Crunch getroffen wurden. Die Realeinkommen haben arg gelitten in dieser Zeit. Krankenversicherungsbeiträge zum Beispiel sind «durch das Dach gegangen». Allein in den letzten acht Jahren haben sie sich verdoppelt.

Ausserdem, sagt John, seien die öffentlichen Dienstleistungen um vieles schlechter geworden, als sie es vor der Finanzkrise gewesen seien. Als er kürzlich eine kleine Operation brauchte, sei er vom Gesundheitsdienst auf die Weihnachtszeit vertröstet worden. Notgedrungen bezahlte er die Operation selbst – und kam innerhalb von vierzehn Tagen dran.

Sparen, selbst bei der Polizei

Nicht leicht findet es auch Heimkehrerin Elizabeth, 38 Jahre alt, in Strokestown neu zu starten. «Wenn du zum Beispiel ein Bankkonto einrichten willst, fragen sie dich nach einer Strom- oder Gasrechnung, die auf deinen Namen lautet – aber die haben wir ja nicht, weil wir bei meinen Eltern wohnen. Dann verlangen sie, dass der Ortspolizist einem das bescheinigt. Aber der örtliche Polizeiposten ist aus Spargründen nur noch ab und zu besetzt.»

Zusätzliche Komplikationen erwarten die Allens sich vom Brexit, dem Austritt des grossen Nachbarn Grossbritannien aus der EU. Wenn es wirklich zu einer «harten Grenze» zwischen Irland und dem britischen Nordirland kommt, mit Schranken und Zollposten, wie ganz Irland befürchtet, steigt nach John Allens Überzeugung das Risiko neuer Gewaltausbrüche auf der Insel: «Der Frieden ist äusserst brüchig. Es gibt eine Menge Hitzköpfe hier.»

Soll Irland auch aus der EU austreten?

Sicher, es gibt auch Stimmen, die den Brexit als Chance für Irland sehen. Eine harte Brexit-Linie könnte dazu führen, dass bald schon mehr in London angesiedelte Banken und Konzerne über die Irische See nach Dublin setzen oder zumindest einen Teil ihrer Geschäfte auslagern, um weiter problemlos im EU-Raum operieren zu können. Das wäre wohl einträglich für Irland, solange es erschwinglichen Wohn- und Büroraum und die nötige Infrastruktur bereitstellt. Langfristig aber, befürchtet man in Dublin, wiegen diese Gewinne die Brexit-Risiken für das Land nicht auf.

Die Allens in Strokestown vertrauen nicht darauf, dass die EU die Brexit-Affäre im Sinne ihres Mitgliedsstaates Irland regelt: «Wir werden wie immer draussen vor der Tür stehen bei diesen Verhandlungen. Wir sind ja am Ende nur ein kleines Land.» Dennoch wäre es für die Familie undenkbar, dass Irland an der Seite Grossbritanniens aus der EU austritt, um eine «harte Grenze» zum Norden zu vermeiden. Mit dem Brexit, meinen alle, habe Grossbritannien sich «auf wirklich dumme Weise» ins eigene Fleisch geschnitten. Bei allen Zweifeln an der EU, die es in Irland gebe, sei das Band, das die Iren mit Europa verknüpfe, fest und unauflöslich.

Vielleicht, wirft Deirdre ein, hätte man sich in den Krisenjahren bei einem ähnlichen Referendum in Irland etwas Sorgen über den Ausgang machen müssen – wegen der Troika-Politik, der Austeritätsmassnahmen und des grossen EU-Ausländer-Zuzugs in jener Zeit: «Aber dass wir uns an diese ­Brexit-Katastrophe dranhängen, kommt nicht infrage. Das hat keiner vor. Jetzt, nach dem Brexit, will hier niemand mehr raus aus der EU.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2017, 18:36 Uhr

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