Fleet Street gehört nun Bankern und Anwälten

Die letzten Journalisten haben sich verabschiedet aus Londons alter Zeitungsstrasse, dem berühmtesten Londoner Strassenzug nach Downing Street. Damit geht eine jahrhundertealte Geschichte zu Ende.

Der Sitz des «Daily Express» an der Fleet Street wird 1932 von Schaulustigen belagert, als das Blatt über einen britischen Flugpionier berichtet. Foto: Getty Images

Der Sitz des «Daily Express» an der Fleet Street wird 1932 von Schaulustigen belagert, als das Blatt über einen britischen Flugpionier berichtet. Foto: Getty Images

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Seit 30 Jahren nimmt Grossbritannien Abschied von einer Strasse. Nicht von der Strasse selbst: Die gibt es immer noch. Was sich mit dieser Strasse verband, ist aber nun endgültig Geschichte. Auf Londons Fleet Street drängen sich Grossbanken, Versicherungen, Anwaltskanzleien, Sandwichbuden. Was aus Fleet Street verschwunden ist, sind die Zeitungsleute. Gavin Sherriff und Darryl Smith waren die Letzten. Sie haben diesen Monat ihre Laptops zugeklappt und die Koffer gepackt. Bis zuletzt arbeiteten sie in Fleet Street für die «Sunday Post», eine in der schottischen Stadt Dundee veröffentlichte Wochenzeitung.

Gavin, der Londoner Chefreporter des Blattes, war 32 Jahre lang in Fleet Street tätig. Sein Kollege Darryl hielt zusammen mit ihm die letzten 25 Jahre über die Stellung in der nach Downing Street wohl berühmtesten Strasse der Stadt. Nun sind auch diese beiden Posten Sparmassnahmen und neuer Technologie zum Opfer gefallen. Inzwischen, sagt Darryl, könne vieles von Schottland aus gemacht werden, was vorher nur vor Ort, in London, möglich war.

Das war einmal ganz anders. In Fleet Street, der Strasse am Flüsschen Fleet, im Westen der St.-Pauls-Kathedrale, war das berühmteste Zeitungsgewerbe der Welt zu Hause. Bis ins Jahr 1500 zurück reicht die erstaunliche Druckerei- und Verlagsgeschichte in diesem Viertel. Anfangs wurden Dokumente fürs benachbarte Gerichtsviertel, für Temple Bar und die Royal Courts of Justice, produziert. 1702 eröffnete dann Londons erste Tageszeitung, der «Daily Courant», auf Fleet Street seine Redaktionsräume. Der «Morning Chronicle» war, bald darauf, die Nummer zwei.

Das Reich der Pressebarone

Andere Blätter folgten, und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts drängte alles nach Fleet Street. Die «Penny Press», die einen Penny pro Zeitungs­exemplar kostete, setzte sich fest in der Strasse und fand schnell Verbreitung. Ins 20. Jahrhundert hinein machten sich die Pressebarone und ihre grossen, landesweit gelesenen Blätter dort breit. Praktisch alle wichtigen Londoner Titel hatten nicht nur ihre Redaktionen, sondern auch ihre Druckanlagen im Gebiet der Fleet Street. Mächtige neue Zeitungsburgen wurden in den Dreissigerjahren erstellt. Das war die Zeit, in der «Fleet Street» zum Synonym für Zeitungsproduktion wurde.

Tagsüber manövrierten Grosstransporter Druckerschwärze und frische Papierrollen durch die kleinen Nebenstrassen der Gegend. Nachts starteten ganze Flotten von Auslieferungswagen von hier zu ihren Bestimmungsorten. Die vielen Kneipen der Strasse aber frequentierten bei Tag wie bei Nacht Setzer, Drucker und Journalisten. Fleet Street kam nie zur Ruhe. Wehmütige Erinnerungen verbinden sich für alle, die sie durchlebten, mit jener Ära. Noch in die Achtzigerjahre hinein konnte, wer durch die Fleet Street schlenderte, aus offenen Fenstern das Hämmern und Klingeln von Schreibmaschinen und dröhnende Stimmen an Telefonen hören. Vor den Verlagsportalen riefen heiser Zeitungsverkäufer rund um die Uhr die letzten Schlagzeilen aus.

Jeder Redaktion ihr Pub

In den Pubs konnte man vor Qualm kaum die Hand vor den Augen sehen. Jede Redaktion hatte damals ihr «eigenes» Pub. Im King and Keys tranken die Redaktoren des königstreuen «Telegraph», im Red Lion die Leute vom «Express» und im White Hart (das wegen finsterer Personalmanöver den Spitz­namen «Das Messer im Rücken» trug) diejenigen des «Mirror». Die bekanntesten Kneipen waren Ye Olde Cheshire Cheese, das Punch Tavern und die El Vino Winebar.

In dieser Zeit bezogen noch die meisten britischen Haushalte eine in Fleet Street gedruckte Zeitung. Vor allem vor der Blütezeit der BBC, und lang vor der Geburt sozialer Medien, sorgte Fleet Street für fast alle Information im Vereinigten Königreich. Evelyn Waugh setzte der Strasse und ihrer Zeitungskultur im Roman «Scoop» 1938 ein satirisches Denkmal. Aber schon viel früher, etwa bei Charles Dickens, kommt Fleet Street als charakterstarke Strasse vor. Für britische Journalisten war Fleet Street die Strasse ihrer Träume. Karrieren wurden hier gemacht – oder zerbrachen auf spektakuläre Weise. Reiche Verleger häuften Vermögen an und übten unvorstellbare Macht aus.

Permanent alkoholisierte Schreiber und Redaktoren wurden als rotnasige «Hacks» verspottet. Als «Street of Shame», als Strasse der Scham und Schande, ging Fleet Street bei nüchterneren Zeitgenossen und bei Opfern entsprechender Sensationsstorys in die Geschichte ein. Ein Zugereister, der Australier Rupert Murdoch, läutete das Ende ein für diese halbtausendjährige Geschichte. Das war vor genau 30 Jahren, also im Jahr 1986.

Damals setzte der Eigentümer der «Times», der «Sunday Times», der «Sun» und der «News of the World» fast 6000 seiner Journalisten, Setzer und Drucker auf die Strasse und eröffnete in Wapping, in den Londoner Docklands, hinter hohen Zäunen und Stacheldraht eine nagelneue Produktionsstätte, die mit Foto- statt mit Bleisatz und ohne Gewerkschaften betrieben wurde. Ein Jahr lang kämpften Tausende von Gewerkschaftern und Demonstranten damals gegen «das Diktat» Murdochs. Es war, wie sich zeigte, eine vergebliche Schlacht.

Billigere Produktionsgelände

Bald schon folgten dem skrupellosen Modernisierer und Zeitungszaren die anderen «Mächtigen» der Fleet Street ins örtliche Umfeld. Billigere Produktionsgelände lockten. Die alten Behausungen liessen sich teuer verkaufen. Fleet Street hatte, als Standort, ausgedient. 1987, ein Jahr nach der «Times», verliess der «Daily Telegraph» seinen Art-déco-Tempel in der Fleet Street und zog Richtung Docklands. Die «Financial Times» gab ihren stolzen Sitz «Bracken House», nahe der St.-Pauls-Kathedrale, auf. 1988 verschwand auch die «Daily Mail» aus der Traditionsstrasse. In den folgenden Jahren zogen nach und nach so gut wie alle Pressehäuser aus der Strasse ab.

Inzwischen ist Fleet Street eine Strasse wie andere Strassen auch in der Londoner City. Auf ein paar denkmalgeschützte Fassaden der Presse-Ära stösst man natürlich noch. Im alten «Telegraph»-Gebäude aber betreibt heute die Investmentbank Goldman Sachs ihre Geschäfte. In der früheren Behausung des «Mirror» hat der Supermarkt-Riese Sainsbury’s sein Hauptquartier eingerichtet. Im White-Hart-Pub, dem «Messer im Rücken», gibt es einen Pizza-Express. Einige Medienorganisationen widerstanden dem Zeitentrend etwas länger als andere. Vor elf Jahren erst schloss die Nachrichtenagentur Reuters ihr Fleet-Street-Büro. Und vor drei Jahren bestellte dann der «Jewish Chronicle» die Umzugswagen nach Golders Green. Nur eben die beiden «Sunday Post»-Reporter aus Dundee schrieben bis zuletzt noch ihre Geschichten und Berichte mit Blick auf die berühmte Strasse.

«Wir sind noch immer hier!»

«Eine Menge Historisches» gehe mit ihrem Wegzug zu Ende, sagen die beiden. Gavin Sherriff, der Ältere, der Mitte der Achtzigerjahre als 18-Jähriger in Fleet Street anfing, hat den ganzen Exodus der Zunft miterlebt. Darryl Smith, sein jüngerer Kollege, schüttelt noch immer den Kopf darüber, dass in den letzten Jahren ausser seinen unmittelbaren Kollegen in Schottland offenbar kein Mensch mehr von seinem und Sherriffs hartnäckigem Verbleib in der Strasse wusste.

«Einmal, vor ein paar Jahren, stand ich am Fenster», berichtete Darryl, «als draussen ein Rundtour-Bus anhielt. Ich hörte, wie der Fremdenführer den Passagieren sagte, in der Fleet Street arbeiteten keine Journalisten mehr. Da hab ich den Kopf zum Fenster rausgestreckt und gerufen: «Wir sind noch immer hier!» Jetzt nicht mehr. Jetzt ist Fleet Street wirklich ohne «Hacks». Kein Fremdenführer muss mehr befürchten, dass jemand empört den Kopf aus dem Fenster streckt, wenn vom Tod der Presse in Fleet Street die Rede ist.

Stattdessen kann sich der Besucher-Pulk im Bus an nostalgischen Erinnerungen weiden und auf schön grauselige Geschichten wie die von Sweeney Todd, dem legendären, kehleschlitzenden «Barbier aus der Fleet Street», konzentrieren. Der soll gleich nebenan, in No 186, seinen Coiffeurladen betrieben und seine Opfer im Keller zu Pastetenfüllung verarbeitet haben (eine rechte Fleet-Street-Story für die «Penny Press»).

Einem anderen «Halsabschneider» aber können jene, die der Strasse nachtrauern, nie vergeben. Natürlich, meinen die Veteranen des Gewerbes in London, konnte man sich letztendlich nicht gegen Elektronik und neue Produktionsformen stemmen, genauso, wie man sich heute nicht gegen die neuen Medien und das Onlinegeschäft wehren kann, die der alten Printtradition zu schaffen machen. Die Dreistigkeit jedoch, mit der Murdoch vor 30 Jahren das Ende der Fleet Street einleitete, indem er Tausende Mitarbeiter feuerte und die Druckergewerkschaften in die Knie zwang, ist unvergessen geblieben in London. Erneut entfacht hat die Empörung Murdoch kürzlich selbst, mit einer für ihn typischen Provokation.

Zu seiner Hochzeit mit Jerry Hall wünschte sich der 84-jährige Medien­mogul speziellen Segen ausgerechnet in St Bride’s, der kleinen Kirche am östlichen Ende des Fleet-Street-Bezirks. St Bride’s gilt als die «Pfarrkirche der Journalisten» im Vereinigten Königreich. Für Murdoch selbst hatte die Wahl dieser Kirche offenbar nichts Kontroverses. Für seine Kritiker war es der reine Hohn. «Der Mann hat vielleicht Nerven», schimpfte der frühere linke Labour-Abgeordnete Dave Nellist, der die Proteste gegen Murdoch in den Achtzigerjahren mit anführte. «Echt unverschämt» sei dessen Verlangen gewesen, wenn man seine Schlüsselrolle bei der «Zerstörung» der Fleet Street bedenke in jenen Jahren: «Das ist, als ob Dracula in einer Blutbank Heirat feiert.»

Das Monopoly-Feld bleibt

Der neuen Generation, die nun Fleet Street bevölkert, liegt die alte Geschichte der Strasse freilich zunehmend fern. «Hier kommen keine Journalisten mehr her», hat jüngst achselzuckend Mark Fuller, der Chef der historischen Weinbar El Vino, einem in der Vergangenheit grabenden Reporter erklärt. Und im Punch Tavern, nicht weit entfernt, klagt man darüber, dass die Banker und Anwälte der Strasse nach acht Uhr einfach heimgehen, während die Journalisten nie heimgehen wollten.

Gelegentlich sieht man noch ein paar «Hacks», die sich einen Abend lang zu einer Wiedersehensfeier in einem der Fleet-Street-Pubs zusammensetzen. Und in St Bride’s Church stösst man nicht nur auf heiratslustige Verlagsmogule vom andern Ende der Welt, sondern auf alle Arten hiesiger Presseleute, Fotografen und Verlagsmenschen, die sich schlicht nicht trennen können von der gemeinsamen Vergangenheit.

Ansonsten erinnert ja immer noch eins der roten Felder des klassischen Londoner Monopoly-Spiels aus den Dreissigerjahren an dieses Stück Zeitungsgeschichte. Dort hat Fleet Street ihren festen Platz, zwischen der Strasse Strand und Trafalgar Square.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2016, 07:42 Uhr

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