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«Flüchtlinge erfrieren innerhalb von Minuten an Deck»

Die Crews der privaten Frachtschiffe, die den Flüchtlingen im Mittelmeer oft zu Hilfe eilen, sind am Ende ihrer Kräfte. Sie werden immer wieder Zeugen von bedrückenden Szenen.

Eine Zahl, die das Drama untermauert: Mehr als 181'000 Migranten haben 2016 die gefährliche Reise von Afrika nach Italien geschafft. (11. September 2016)
Eine Zahl, die das Drama untermauert: Mehr als 181'000 Migranten haben 2016 die gefährliche Reise von Afrika nach Italien geschafft. (11. September 2016)
Santi Palacios, Keystone
Bei dem Bootsunglück im April 2015 waren zwischen 800 und 900 Menschen umgekommen: Mitglieder der italienischen Küstenwache nähern sich einem Flüchtlingsboot. (22. April 2015)
Bei dem Bootsunglück im April 2015 waren zwischen 800 und 900 Menschen umgekommen: Mitglieder der italienischen Küstenwache nähern sich einem Flüchtlingsboot. (22. April 2015)
Keystone
Die meisten Flüchtlinge konnten an Land schwimmen, mindestens drei Menschen sind gemäss griechischen Behörden beim Schiffbruch gestorben. (20. April 2015)
Die meisten Flüchtlinge konnten an Land schwimmen, mindestens drei Menschen sind gemäss griechischen Behörden beim Schiffbruch gestorben. (20. April 2015)
Nikolas Nanev, Keystone
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Zivile Handelsschiffe helfen bei den Flüchtlingsdramen im Mittelmeer und retten Tausende Menschen. Die Besatzungen sind am Ende ihrer Kraft, berichtet ein Reeder aus Hamburg. Die Schifffahrt fordert dringend Hilfe von der EU. «Unsere Besatzungen sehen die Menschen sterben; sie ertrinken vor unseren Augen oder erfrieren an Bord», sagt der Hamburger Reeder Christopher E.O. Opielok. Viele der Seeleute ertragen dieses Elend nicht mehr und suchen sich daher einen anderen Job.

Seit Dezember haben die Schiffe des Reeders bei mehr als einem Dutzend Rettungseinsätzen rund 1500 Flüchtlinge aus untergehenden Booten gerettet. Opielok führt ein kleines Unternehmen mit fünf Schiffen. Zwei davon sind im Mittelmeer als Versorgerschiffe eingesetzt und beliefern von Malta aus Öl- und Gasplattformen vor der libyschen Küste mit Betriebsmaterial.

Pflicht zur Hilfe bei Seenot

«Wir sind auf die Rettungseinsätze nicht eingerichtet», sagt Opielok. Die Schiffe fahren mit zwölf Mann Besatzung und nehmen teils mehrere Hundert Flüchtlinge auf. Es fehlt an Platz, Sanitäreinrichtungen, Medizin, Proviant und erster Hilfe. «Manche Flüchtlinge erfrieren innerhalb von Minuten an Deck, nachdem wir sie unterkühlt aus dem Wasser gezogen haben», berichtet der Reeder, der selbst lange als Kapitän zur See gefahren ist.

Entziehen darf sich der Kapitän eines Handelsschiffes nicht, wenn er zur Hilfe in Seenot aufgefordert wird. Das wäre strafbar. Die Schlepper der Flüchtlinge wissen das und steuern die Boote gezielt in die Öl- und Gasfelder vor der libyschen Küste. So machen sich die Schlepper und Fluchthelfer die zivile Schifffahrt zunutze.

Der Hamburger Reeder ist bei weitem kein Einzelfall. Handelsschiffe haben im vergangenen Jahr rund 40'000 Flüchtlinge aus Seenot gerettet. Und die Reederverbände befürchten einen dramatischen Anstieg. In einem gemeinsamen Appell haben sich die europäischen und die Weltverbände der Reeder und der Gewerkschaften der Seeleute an die 28 EU-Regierungen gewandt. Wenn Tausende weitere Opfer vermieden werden sollten, müssten die EU-Staaten zusätzliche finanzielle Mittel bereitstellen und die finanzielle Bürde teilen.

Italienische Marine im Dauereinsatz

Auch die italienische Marine und Küstenwache sind wegen der vielen Flüchtlingen im Mittelmeer unter Druck. «Wir sind erschöpft, wir sind mit einem wahren Ansturm konfrontiert und am Ende unserer Kräfte», sagte der Kommandant der italienischen Hafenbehörden, Admiral Felicio Angrisano. Täglich seien 2000 Personen auf See und am Festland im Einsatz, um die Flüchtlinge zu versorgen. Marine, Küstenwache und Hafenbehörden seien seit Wochen arg unter Druck, so Angrisano.

«Wir sind mit einem biblischen Exodus konfrontiert. Wir leisten im Rahmen des EU-Einsatzes «Triton», was möglich ist, doch jetzt ist die Zeit für eine Mobilisierung der EU gekommen», sagte der Admiral im Gespräch mit der römischen Tageszeitung «La Repubblica». Die Todesopfer der neuen Flüchtlingskatastrophe bezeichnete der Admiral als «Mordopfer». Wichtig sei es, entschlossen gegen die Schlepperbanden vorzugehen. Bei den Ermittlungen seien grosse Fortschritte gemacht worden. «Immer mehr Flüchtlinge sind zur Zusammenarbeit mit den Justizbehörden bereit», sagte Angrisano.

Der Admiral berichtete, dass syrische Flüchtlinge für die Reise nach Europa mehr zahlen können als andere. «Für sie werden daher sicherere Reisen organisiert. Eingesetzt werden oft 80 Meter lange Tanker, die stabiler sind. Für die ärmeren Flüchtlinge aus Somalia und Eritrea sind die Reisen risikoreicher», so der Admiral.

(SDA)

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