Ohne Retter mehr Ertrunkene

Wer Migranten in Seenot hilft, wird zunehmend kriminalisiert. Doch solange die Politik wegschaut, sind die Retter unverzichtbar.

Ende einer Irrfahrt: Die Lifeline läuft am 27. Juni 2018 in den Hafen von Valletta in Malta ein. Foto: Domenic Aquilina (Keystone)

Ende einer Irrfahrt: Die Lifeline läuft am 27. Juni 2018 in den Hafen von Valletta in Malta ein. Foto: Domenic Aquilina (Keystone)

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Ins Gefängnis muss er nicht, das hätte wohl zu falsch ausgesehen. Claus-Peter Reisch hat nichts gestohlen, niemanden umgebracht. Im Gegenteil: Während wir Europäer das Thema Flüchtlinge dank des Grenzwächterabkommens mit der Türkei wieder besser verdrängen konnten, war Reisch mit «Mission Lifeline» auf dem Mittelmeer und rettete Menschen vor dem Ertrinken. Hunderte. Ihn dafür einzusperren, wäre unüblich kalt.

Und doch: Freigesprochen haben ihn die Richter auf Malta nicht. Kapitän Reisch muss 10'000 Euro Strafe zahlen, weil er ein nicht ordnungsgemäss registriertes Schiff in maltesische Gewässer gesteuert hat. Ein echt europäisches Urteil: Es fehlte das richtige Stück Papier.

Das Urteil ist nur konsequent. Europas Regierungen und Gerichte sind seit Monaten bemüht, Seenotretter und andere Fluchthelfer zu kriminalisieren. Boote werden beschlagnahmt, am Einlaufen in Häfen gehindert. NGOs werden gebüsst, Kirchenleute und Pensionärinnen vor Gericht zitiert, wenn sie Migranten bei sich einquartieren oder im Auto über die Grenze bringen. Auch in der Schweiz.

Tod als Mittel der Abschreckung

Gegen die Rettung von Migranten auf See gibt es zwei Argumente. Erstens: Private Seenotretter sind gefährliche Amateure, unreguliert, fahrlässig. Zweitens: Sie ermuntern die Schlepper Nordafrikas, Flüchtlinge auf maroden Booten ins Meer zu schicken. Irgendwer wird sie ja retten kommen. Ohne Retter weniger Schlepper.

Doch in der Gleichung fehlt ein Schritt. Ohne Retter mehr Ertrunkene, dann vielleicht weniger Schlepper. Beide Argumente funktionieren nicht, weil sie den Tod in Kauf nehmen oder als Mittel der Abschreckung begrüssen. Ja, private Retter mögen Amateure sein, manchmal selbstherrlich, manchmal unbedarft. Doch es sind Zivilisten, die dort tätig werden, wo der Staat und seine Profis fehlen. Flüchtlinge könnten effizienter und demokratisch legitimierter aus dem Wasser geborgen werden. Dass dies nicht geschieht, entspringt politischem Willen. Hier wartet nicht Wohlstand, nur der Tod.

Schon klar: Nicht alle mit Hoffnung auf ein besseres Leben können Platz finden in Europa. Die Ängste in Italien oder Malta sind verständlich. Doch Lebensretter wie Claus-Peter Reisch sind die falschen Adressaten für unsere Abwehrwut. Europas Politiker sind gefragt. Ihnen muss zum Thema Flüchtlinge mehr einfallen, als Menschen zwecks Abschreckung ertrinken zu lassen. Solange dies nicht der Fall ist, sind Menschen wie Claus-Peter Reisch unverzichtbar. Mit und ohne das richtige Stück Papier.

Erstellt: 14.05.2019, 16:10 Uhr

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