Frankreichs heimlicher Sozialminister

Der Gewerkschaftschef Laurent Berger steht im gegenwärtigen Streik stark unter Druck. Trotzdem ist er kompromissbereit.

Beförderte sich selbst zum entscheidenden Akteur der umstrittenen Rentenreform: Laurent Berger. Foto: Getty Images

Beförderte sich selbst zum entscheidenden Akteur der umstrittenen Rentenreform: Laurent Berger. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwei heftige Attacken hat Laurent Berger in den vergangenen Tagen hinnehmen müssen, zweimal drangen linksradikale Aktivisten in die Pariser Zentrale der Gewerkschaft CFDT ein. Das eine Mal drehten sie Frankreichs grösster Gewerkschaft den Strom ab, das andere Mal bespuckten sie Bergers Mitarbeiter.

Andere würden auf solche Provokationen emotional und laut reagieren. CFDT-Chef Berger bleibt ruhig. Natürlich verurteilt er die Aktionen; die Angreifer begründen sie damit, dass Berger im Rentenstreit, der Frankreich zurzeit aufwühlt, angeblich die ­Arbeiter verrät. Er aber hält Mass in der Wahl seiner Worte, von denen er sowieso nicht zu viele über diese Sache verlieren will. Er ist ein Mann der leisen Töne, dem Klischee des krawalligen französischen Gewerkschaftsführers entspricht er nicht.

Nur einmal, da legte Berger seine Zurückhaltung ab. Und weil er damit besonders Staatspräsident Emmanuel Macron überraschte, beförderte er sich so zum entscheidenden Akteur der umstrittenen Rentenreform: «Eine rote Linie ist überschritten worden», schimpfte Berger im Dezember nach der Ankündigung der Regierung, das Ruhestandsalter von 62 auf 64 Jahre anzuheben. So gross war Bergers Ärger, dass sich die CFDT den Streiks radikaler Gewerkschaften wie der kommunistisch geprägten CGT ­anschloss. Ein Coup.

Der Spielraum für die Verhandlungen ist eng

Die Regierung ist nun sehr bemüht, den CFDT-Chef wieder auf ihre Seite zu ziehen. Berger wäre nicht Berger, liesse er nicht mit sich reden. Für den 51-Jährigen ist «Kompromiss», anders als für die Radikalen, kein Schimpfwort: «Den Dialog zu verweigern, ist die sicherste Art, nicht beachtet zu werden.»

Im grossen Rentenstreit geht es nicht zuletzt darum, welche Gewerkschaftskultur in Frankreich vorherrscht: Die fundamentaloppositionelle und manchmal krawallige der CGT? Oder die kompromissbereite, für die Berger steht? Unter seiner Führung hat die CFDT die CGT schon als mitgliederstärkste Arbeitnehmerorganisation des Landes überholt.

In die CFDT wurde Berger gleichsam hineingeboren. Die Eltern, eine ­Erzieherin und ein Werftarbeiter, waren selbst in der Gewerkschaft, die aus der christlichen Sozialbewegung entstand. Berger engagierte sich erst in der Arbeiterjugend der Hafenstadt Saint-Nazaire, studierte dann Geschichte und wurde nach kurzer Zeit als Pädagoge CFDT-Funktionär. Heute gilt der sanfte Arbeiterboss manchem als Frankreichs heimlicher Sozialminister.

Der Spielraum für die Verhandlungen ist eng: Bergers Vorstoss, die Sozialbeiträge anzuheben, hat die Regierung abgelehnt. Eine Senkung des Rentenniveaus ist ausgeschlossen. Während der Parlamentsberatungen will Berger jedenfalls ein paar Änderungen am Reformgesetz erreichen. Er braucht den Nachweis, dass er mit seiner sanften Methode mehr für die künftigen Rentner erreicht als die Fundis.

Sein Glück: Macron ist auch auf ihn angewiesen. Bei der Präsidentenwahl 2017 stimmten viele CFDT-Anhänger für Macron. Mit Blick auf die nächste Wahl ist das vielleicht Laurent Bergers grösster Trumpf.

Erstellt: 24.01.2020, 23:14 Uhr

Artikel zum Thema

Vereint in der Abneigung gegen den Präsidenten

Analyse Eisenbahner, Ärzte und Feuerwehrleute: Die französischen Demonstranten verbindet vor allem ihr Misstrauen gegen Macrons Politik. Mehr...

Gewerkschaften gehen in die Gegenoffensive

Die französische Regierung hat ihr neues Rentensystem präsentiert. Die Gewerkschaften sprechen von einer «roten Linie», die überschritten wurde. Mehr...

Es muss einen Verlierer geben

Porträt Der französische Gewerkschaftschef Philippe Martinez hofft, mit Streiks den Niedergang der Gewerkschaften stoppen zu können. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...