Hier laufen die Dinge noch schiefer als im Rest der Gesellschaft

Alkohol, Burn-out, Suizid: Frankreichs Polizisten werden dringend gebraucht – und trotzdem oft verachtet. Zu Gast in ihrer Spezialklinik.

Französische Polizisten patrouillieren beim Trocadéro, einem beliebten Pariser Treffpunkt mit Blick auf den Eiffelturm. Foto: Kamil Zihnioglu (AP/Keystone)

Französische Polizisten patrouillieren beim Trocadéro, einem beliebten Pariser Treffpunkt mit Blick auf den Eiffelturm. Foto: Kamil Zihnioglu (AP/Keystone)

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Vor ein paar Wochen malte Philippes Tochter ein Bild, ein Mann in Uniform, bunte Filzstiftstriche. «Das ist der Polizist, Papa, das ist der Held.» Philippe gefällt, dass er für seine Tochter ein Held ist. Er fühlt sich nur nicht wie einer. Er sitzt in der Bibliothek des Courbat und versucht zu erklären, wie es kam, dass er zwei Monate lang Sport- und Malkurse besucht, statt Streife zu fahren.

Tagsüber sieht das Courbat aus wie ein in die Jahre gekommenes Landhotel. Die Zimmer sind in einem Schloss untergebracht, zwischen grossen Rasenflächen liegt ein Fischteich. Vor der Kapelle werfen alte Bäume Schatten. Doch wer hier eincheckt, ist krank. Die Gäste sind Patienten, sie schlafen in Spitalbetten im Doppelzimmer. «Mir hat das eine Glas Whiskey am Abend nicht mehr gereicht», sagt Philippe. Er spricht leise und lächelt viel und versteckt sein Gesicht zwischen Baseballmütze und Vollbart. Seit er 20 war, arbeitet er als Polizist, inzwischen kommt er auf 22 Berufsjahre. Seinen Nachnamen nennt Philippe nicht. Er muss sich lange warmreden, bis er erzählt, dass der Whiskey nur ein Teil seiner Probleme ist.

Mehr Überwachung, mehr Präsenz

Es gibt zwei Themen, die in Europa zu Grundsatzdiskussionen führen: Islamismus und Integration. In Frankreich gilt das besonders. Mehr als 240 Menschen wurden in den vergangenen vier Jahren von Terroristen umgebracht, die sich zur Terrormiliz Islamischer Staat bekannt haben. «Charlie Hebdo» und das Bataclan sind nur die bekanntesten Fälle. Selbst die recht liberale Regierung von Emmanuel Macron fordert und verspricht: mehr Sicherheit. Also mehr Überwachung, mehr Polizeipräsenz, strengerer Grenzschutz.

Viele Regeln des Ausnahmezustands, der seit November 2015 immer wieder verlängert wurde, hat Macron inzwischen zum Gesetz erklärt. Je tiefer sich das Gefühl der Unsicherheit in die Gesellschaft frisst, desto entschiedener wird auf Recht und Ordnung bestanden. Wie erschöpft diejenigen sind, die für diese Ordnung sorgen sollen, versteht man im Courbat. Das Haus ist die einzige Spezialklinik für Polizisten, Gendarme und Gefängniswärter mit Depressionen, Burn-out oder Alkoholsucht. 58 Plätze gibt es, aber meistens sind 65 Betten belegt. Um zur Klinik zu kommen, fährt man von Tours aus eine Stunde über Land. Auf den letzten Kilometern blühen Sonnenblumenfelder, grasen Kühe. Die Ruhe ist kein Luxus, sie ist Voraussetzung für die Heilung.

Délphine Galliot sitzt auf einer Bank am Rand des Basketballplatzes und klopft Sprüche: «Jetzt will ich langsam Körbe sehen. Strengt euch an!» Die Männer und Frauen, die vor Galliot schwitzen, sind ihre Kollegen. Im Courbat arbeiten Ärzte, Psychologen, Therapeuten – und Galliot. Sie ist Polizistin und begleitet die Patienten, damit jemand weiss, was sie zu verarbeiten haben. Das Courbat ist auf Suchterkrankungen spezialisiert. Die Polizisten hier sind meist von Alkohol abhängig – und von ihrer Arbeit. Wer nicht aus eigenem Antrieb über seine Grenzen geht, wird vom Dienstplan dazu gebracht. «Es ist fast ein Wunder, wenn ein Polizist heute zwei Wochen am Stück Ferien nehmen kann», sagt Galliot. Seit einem halben Jahr lebt sie im Courbat, zuvor hat sie 16 Jahre auf einem Polizeiposten gearbeitet. Sie weiss, wie es anfängt: ein Glas Wein zum Runterkommen, immer mehr Überstunden, immer mehr Gläser Wein, immer weniger Zeit mit der Familie. Streit wegen des Alkohols. Alkohol wegen des Streits. «Als Polizist ist es schwer, sich einzugestehen, dass man schwach ist», sagt sie, «weil man immer stark sein soll.»


Video: Geiselnahme in französischem Supermarkt

Geiselnahme in Supermarkt in Trèbes ist beendet: Eine Spezialeinheit der Polizei erschoss den Geiselnehmer. Video: Tamedia/AFP/Storyful


Wenig von dem, was Délphine Galliot, Philippe und die anderen im Courbat erzählen, klingt zunächst nach reinen Polizeiproblemen. Zu lange Arbeitszeiten, zu wenig Anerkennung, eine Betriebskultur, die keinen Platz für Schwäche lässt. Doch der Beleg dafür, dass bei der Polizei die Dinge noch schiefer laufen als im Rest der Gesellschaft, könnte kaum drastischer sein. Die Suizidrate unter Polizisten ist mehr als doppelt so hoch wie im Rest der Gesellschaft. 29 von 1000 französischen Polizisten nahmen sich in den vergangenen zehn Jahren das Leben.

Der Doppelmord von Magnanville

Die Suizidserie führte zu einer parlamentarischen Untersuchung. Ende Juni legten Michel Boutant, ein Sozialist, und François Grosdidier, ein Republikaner, ihren Bericht vor. Sechs Monate haben die beiden Senatoren Polizisten aller Dienstgrade, Gewerkschafter, Wissenschaftler, Psychologen und Politiker befragt. Sie sprechen von einem «reichlich finsteren» Ergebnis: «Der Alltag der Sicherheitskräfte, vor allen Dingen ihr Arbeitsrhythmus und ihr Familienleben, ist stark betroffen von der Häufung der Einsätze infolge der Terrorangriffe und der Migrationskrise.» Ende 2017 hatten Frankreichs Polizisten 21,82 Millionen nicht abgebauter Überstunden angesammelt, «eine vorher nie erreichte Zahl». Neben der Arbeitsbelastung sind es vor allem psychologische Faktoren, die dazu führen, dass «das Funktionieren der Sicherheitsbehörden in Gefahr» ist.

Seit am 13. Juni 2016 ein Polizistenpaar in Magnanville in seiner Wohnung von einem Terroristen ermordet wurde, spricht man in der Polizei vom «Magnanville-Syndrom». Vom Gefühl, dass die Gefahren sich nicht mehr auf den Dienst beschränken, sondern Polizisten auch nach Feierabend Ziel des Terrors sind. Doch bei den Beschwerden der Beamten über mangelnde Ausstattung geht es weniger um Waffen oder Schutzkleidung, sondern mehr um das Grundlegendste: Dienstwagen, bei denen die Türen abfallen, Polizeistiefel und -gürtel, die weder Fuss noch Hose halten, kaputte Sirenen und Gehälter, die nicht ausreichen, um sich als Berufsanfänger eine Wohnung im Einsatzort Paris leisten zu können. Mit der «grössten Krise der Polizei seit 30 Jahren», steht im Bericht, kämpfen vor allem die unteren Ränge: «Die Führungskräfte erkennen an, dass es Schwierigkeiten gibt. Sie geben gleichzeitig zu bedenken, dass der Beruf des Polizisten naturgemäss schwierig sei und sich schon immer beschwert wurde.» Boutant und Grosdidier stellen fest: «Die Mitglieder der Untersuchungskommission teilen diese Einschätzung nicht.»

«Ich will nicht, dass meine Frau mit denselben Bildern im Kopf leben muss wie ich.»Philippe, Polizist

Philippe, der für seine Tochter gern ein Superheld bleiben würde und der gerade daran arbeitet, wieder alltagstauglich zu werden, bereut es nicht, Polizist geworden zu sein. «Ich mag es, dass ich Leuten helfen und für Ordnung sorgen kann.» Viele der Polizisten, die im Courbat landen, haben eine Scheidung und Familienkrisen hinter sich. Auf Philippe warten seine Frau und seine Kinder. Seine Frau kenne ihn sehr gut, sagt Philippe, wenn er niedergeschlagen nach der Arbeit nach Hause komme, frage sie ihn gar nicht erst, was er erlebt habe. Weil er es ohnehin nicht sagen würde. «Ich will nicht, dass meine Frau mit denselben Bildern im Kopf leben muss wie ich.» Was das für Bilder sind? Philippe schweigt eine Weile, dann sagt er: «Man sieht schon Tote.» Hat er jemals mit Kollegen über das gesprochen, was sie erleben? Er schüttelt den Kopf.

Für Philippe wurde es schwer, als der Dienst und sein Privatleben nicht mehr zu trennen waren. Als seine Nachbarn herausbekamen, dass er Polizist war, und anfingen, ihn und seine Frau und seine Kinder zu beleidigen. Einmal parkte er seinen Dienstwagen vor der Tür, am nächsten Tag war das Auto demoliert. Von da an stellte Philippe ihn ein paar Strassen weiter ab. Dabei lebten sie in einem normalen Wohngebiet in einer nordfranzösischen Stadt, sagt Philippe. Er erzählte seinen Kollegen von den Vorfällen. Zieh besser um, sagten die, sonst hast du nur Ärger. Philippe meldete die Angriffe und Beleidigungen seinen Vorgesetzten. Er bekam keine Unterstützung, nicht mal eine Antwort.

Kein Freund und Helfer

Der französische Politikwissenschaftler Fabien Jobard erforscht seit 20 Jahren die Beziehung zwischen Bevölkerung und Polizei. «Dieses Konzept der Polizei als Freund und Helfer, das gibt es in Frankreich nicht», sagt er, «die Arbeit der Polizei besteht in erster Linie darin, Gewalt auszuüben.» Dabei kommen alle Befehle aus Paris. In der Wahrnehmung der Bevölkerung gilt: Polizei gleich Regierung. Viele gehen noch einen Schritt weiter, Polizei gleich Repression. «Die Mehrheit der Franzosen hat ein positives Bild von der Polizei. Aber die Jugendlichen in den verarmten Vorstädten und Menschen, die auf Demonstrationen gehen, nehmen die Polizei als ihren Feind wahr.»

Im massiven Misstrauen spiegeln sich auch die ungelösten Konflikte der französischen Kolonialvergangenheit. Jobard hat über Monate Polizisten in die Banlieues begleitet und dabei ein Muster erkannt: «Die Beamten postieren sich am Kreisverkehr und lassen sich die Dokumente von allen zeigen, die aus der Vorstadt rein- und rausfahren. Für die Jugendlichen entsteht dabei ein Bild, das die Polizisten wie eine Besatzungsmacht wirken lässt.»

Durch den Terror hat sich das Verhältnis zwischen Polizei und Bevölkerung weiter verschlechtert. Nach jedem Angriff auf Polizisten gibt es ein paar Tage Solidaritätsbekundungen, doch die Gefühle sind nur von kurzer Dauer. Die «zunehmende Militarisierung der Polizei», sagt Jobard, lasse die Distanz zwischen Beamten und Bevölkerung weiter wachsen. Und gefährlich ist sie auch. Die Beamten ziehen immer öfter ihre Waffe. 2017 schossen Polizisten 400-mal in Notwehr, doppelt so häufig wie 2016. Die Polizei meldet, dass zwischen Juni 2017 und Mai 2018 14 Menschen von Beamten erschossen wurden.

«Den Tod akzeptieren, damit andere leben können, das macht das Wesen eines Soldaten aus.» Emmanuel Macron

Auch Polizisten werden getötet. Im März machte der Tod des Gendarms Arnaud Beltrame Schlagzeilen. Beltrame hatte sich bei einem Terrorangriff auf einen Supermarkt im südfranzösischen Trèbes als Geisel zur Verfügung gestellt und wurde von dem Terroristen erschossen. Vier Tage nach seinem Tod hielt Präsident Macron vor dem aufgebahrten Leichnam im Pariser Panthéon die Trauerrede: «Den Tod akzeptieren, damit andere leben können, das macht das Wesen eines Soldaten aus.»

Seit Philippe umgezogen ist, geht seine Tochter auf eine andere Schule. Er hat ihr verboten, zu erzählen, dass er Polizist ist. Als vor kurzem Schulfreundinnen zu Besuch kamen, hörte Philippe seine Tochter sagen: «Mein Papa arbeitet bei der Post.» Vielleicht, sagt Philippe, könne er ihr irgendwann sagen, dass er kein Superheld sei, «aber noch nicht jetzt». Philippe möchte sich versetzen lassen. Er will nicht länger Streife fahren. Er will nicht mehr der Erste sein, der die Wut abbekommt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.09.2018, 09:47 Uhr

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