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Führt sie Rom auf den rechten Weg?

Zum ersten Mal könnte die Ewige Stadt eine Bürgermeisterin bekommen. Unterwegs mit Virginia Raggi, die aus dem Nichts kommt und Rom eine Renaissance verspricht.

Betrug, Bankrott und Berge von Abfall: Virginia Raggi sagt, sie könne nicht länger zuschauen. Foto: Filippo Monteforte (AFP)
Betrug, Bankrott und Berge von Abfall: Virginia Raggi sagt, sie könne nicht länger zuschauen. Foto: Filippo Monteforte (AFP)

Da vorn steht sie, die Handtasche zwischen die Füsse geklemmt, und drückt alle Hände, die sich ihr entgegenstrecken. Über die Köpfe hinweg, hinter den Rücken hindurch, vorbei an Bäuchen. Es ist ein fester Händedruck, ein Pressen. «Forza! Lassen Sie sich nicht unterkriegen.» Virginia Raggi nickt verlegen und drängt sich durch die Menge vor dem Mercato Tuscolano, einer Markthalle ohne Charme in einem Aussenviertel von Rom. Flugzeuge im Landeanflug dröhnen über den Dächern, blassbraune Sonnenschirme hängen im Wind. «Ist das diese Raggi?», fragt eine ältere Frau in die Runde, «etwas jung und zerbrechlich, nicht? Wenn das nur gut geht!»

Die Römer wählen einen neuen Bürgermeister. Und es kann gut sein, dass «la Raggi», die vor einigen Wochen noch kaum jemand kannte, die Wahl gewinnt. Alle Umfrageinstitute sehen die 37-jährige Anwältin vorn. Sie wäre die erste Frau im Amt – in der ganzen langen Geschichte dieser grossen, schönen, schwierigen Stadt. Und ihr Sieg wäre die bisher grösste Trophäe des Movimento Cinque Stelle, einer jungen Protest­partei, die ihre Stimmen aus dem Verdruss der Italiener über ihre politische Klasse fischt, in der Wut über das korrupte Establishment. «Questa gente», sagt Raggi abschätzig, wenn sie von den Politikern der alten Parteien spricht, diese Leute. «Tutti uguali», sagt sie auch oft, alle gleich. Die Formel ist ihr Mantra und ein schöner Teil ihres Programms.

Die grotesken Leiden

In Rom ist der Zorn über die Kaste besonders gross. Das ist Raggis Chance. Die etablierten Parteien, linke wie rechte, haben sich in jüngerer Vergangenheit so unmöglich aufgeführt, dass die Stadt unter die Kuratel eines Sonderkommissars gestellt werden musste. Das passiert sonst vor allem in Sizilien und Kalabrien, wo das organisierte Verbrechen die Stadthäuser unterwandert. Aber Rom? Draussen, im Gefängnis von Rebibbia, läuft der Prozess gegen «Mafia Capitale», die Mafia der Hauptstadt. Aus den vermischten Meldungen in den Zeitungen erfahren die Römer in kleinen Verabreichungen, wie sich Politiker, Beamte und Unternehmer zu Dutzenden an den öffentlichen Töpfen bedient haben, sich Jobs und Aufträge zuspielten, Rechnungen überteuerten, während die städtischen Dienste dahindämmerten, dahinsiechten.

Die Stadt hat nun 13 Milliarden Euro Schulden. Ein grotesker Berg. Unlängst appellierte der Beauftragte für die Kulturgüter, Superintendant Claudio Parisi Presicce, an Firmen und Bürger, sie möchten doch spenden, damit 500 Millionen Euro zusammenkämen. Ohne dieses Geld lasse sich der Kulturschatz nicht konservieren. Schon jetzt sind es grosse Modehäuser, die als Mäzene auftreten: Fendi lässt die Brunnen restaurieren, Bulgari die Spanische Treppe, Tod’s das Kolosseum. Rom ist pleite. Der Bankrott starrt einem allenthalben ins Gesicht, vor allem jenseits der antiken Mauern. Man hat selten das Gefühl, die Stadt werde ordentlich verwaltet.

Zum Beispiel der Verkehr: In keiner Kapitale Europas fahren mehr Bewohner mit dem eigenen Auto zur Arbeit als in Rom, nämlich 70 Prozent. Das hat damit zu tun, dass die öffentlichen Verkehrsmittel wenig taugen. Atac, der städtische Verkehrsbetrieb, beschäftigt 12 000 Angestellte, schafft es aber nicht, mehr als die Hälfte seiner Autobusse wirklich zu betreiben. Und da aus Wut am miesen Service fast niemand zahlt, denkt man nun wieder darüber nach, ob nicht Ticketverkäufer mitfahren sollten, und zwar in jedem Bus, jedem Tram, jeder Metro. Ein Römer verbringt dreimal mehr Zeit im Auto, gefangen im Verkehr, als ein Mailänder. Und dann sind da noch die «buche», die Löcher in den Strassen. Auf 6500 Kilometer Strasse zählt Rom alle 15 Meter ein Loch. Manchmal sind es kleine Krater. Es klingt wie ein Witz, würden nicht ständig Motorradfahrer tödlich verunglücken.

Nichts spiegelt den Niedergang der Stadt so plastisch wie die Geschichte mit dem Abfall. In Rom bezahlt man die höchste Abfallsteuer im Land, sie liegt 50 Prozent über dem nationalen Durchschnitt. Doch selbst im historischen Zentrum, dem Schaufenster, schafft es die städtische Müllabfuhr AMA mit ihren 8000 Mitarbeitern nicht, die Gassen und Piazze sauber zu halten. Da türmen sich jeden Abend Abfallberge neben den Terrassen der Restaurants, umschwirrt von Möwen, Tauben und Ratten. Keinen Betrieb hassen die Römer mehr als die AMA. 91 Prozent, so ergab die jüngste Erhebung, halten ihre Stadt für dreckig. «Ich will, dass Rom aufersteht», sagt Virginia Raggi, «die Stadt ist in einem schrecklichen Zustand.» Sie könne dabei nicht mehr länger zuschauen.

Man schiebt Raggi jetzt zu Stefano und Duilio vom Angolo del Pane, einem Stand mit Backwaren. Die beiden Herren sind aufgeregt, die ganzen Kameras! Über den Dreien prangt ein grosses Wappen der AS Roma, dem grösseren der beiden Fussballvereine der Stadt. Und so entstehen lustige Fotos. Raggi hängt nämlich Lazio Rom an, sagt das aber lieber nicht so eindeutig, weil sie das einige Zehntausend Stimmen kosten könnte: Die Roma hat nun mal viel mehr Fans als Lazio.

Katzen gegen Ratten

Auch das war ein Thema in diesem Wahlkampf, von dem die Nachwelt, sofern sie sich denn daran erinnern möchte, einmal sagen wird, dass er frivol war. Statt der grossen Probleme der Stadt wurden Bagatellen verhandelt, etwa der Bau einer Seilbahn von einem Viertel zum anderen oder die Bekämpfung von neun Millionen Ratten mit der Ansiedlung von einer halben Million Katzen. Ist es Resignation? Rom gilt als schier unrettbar.

Raggi hat doppelt Glück. Ihre Gegner sind nicht nur diskreditiert, deren politische Lager sind auch noch gespalten. Die Linke und die Rechte treten je mit zwei Kandidaten an, die sich gegenseitig Stimmen rauben. Chancen auf den Wahlsieg haben neben Raggi wohl nur zwei von ihnen. Roberto Giachetti vom Partito Democratico, Vizepräsident der italienischen Abgeordnetenkammer, 55 Jahre alt, ständiger Dreitagebart, hat in den Neunzigern schon einmal im Rathaus gearbeitet. Er sagte einmal, er habe schon ein bisschen Angst vor der Herausforderung. Und Giorgia Meloni (39), früher Sportministerin, Chefin der postfaschistischen Partei Fratelli d’Italia, machte vor allem von sich reden, weil sie gerade schwanger ist und eigentlich gar nicht kandidieren wollte.

Und so kommt es also, dass diese junge, grazile Frau mit dem verbindlich festen Händedruck und ohne jede Exekutiverfahrung, die vor einigen Wochen noch keiner kannte und die von ihrer Partei bei einer Onlineumfrage mit 1764 Stimmen gewählt wurde – dass diese Virginia Raggi also bald Bürgermeisterin von Rom werden könnte. Ihr Regierungsteam hat sie noch nicht vorgestellt. Zehn Kaderleute soll es dann mal umfassen. Vor einigen Tagen hiess es, sie suche noch nach passenden Persönlichkeiten. Wenn das nur gut geht.

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