«Wir streiten hart, dann feiern wir und betrinken uns»

Im Ausland gilt er als spanischer Autor: Die Unabhängigkeit Kataloniens ist für Albert Sánchez Piñol eine Frage der Identität.

Ein Teenager, der eine katalanische Fahne um die Schultern trägt, hängt in Barcelona Plakate auf, die für die Unabhängigkeit werben. Foto: Paco Freire (Getty Images)

Ein Teenager, der eine katalanische Fahne um die Schultern trägt, hängt in Barcelona Plakate auf, die für die Unabhängigkeit werben. Foto: Paco Freire (Getty Images)

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Der Konflikt zwischen der spanischen Regierung und den Befürwortern der katalanischen Unabhängigkeit verschärft sich fast täglich. Wie sähe eine Lösung aus?
Es gibt nur eines: an die Urne zu gehen. Mit dem Strafgesetzbuch in der Hand lässt sich der Konflikt nicht lösen, sondern einzig dadurch, dass Kataloniens Gesellschaft frei über ihre Zukunft entscheidet. Das Beste wäre ein legales Referendum, mit dem sich der spanische Staat einverstanden erklärt. Ein Referendum, wie es 2014 in Schottland stattgefunden hat.

Vorerst wird es am 21. Dezember Neuwahlen geben, allerdings mit der spanischen Regierung als Organisatorin und Dirigentin.
Ja, und ich bin gespannt, was Madrid sagen wird, wenn erneut die Unabhängigkeitsbewegung gewinnt. Ich frage mich, ob der Staat dann immer noch behauptet, das sei illegal.

Bei den letzten Regionalwahlen gewannen die sezessionistischen Parteien 48 Prozent der Stimmen. Die Verfechter der Unabhängigkeit haben nicht gewonnen, sondern knapp verloren.
Es ist unglaublich, dass es der spanischen Regierung gelungen ist, diese Ansicht in der internationalen Öffentlichkeit zu verankern.

Stimmt sie denn nicht?
Sie ist vollkommen falsch. 48 Prozent stimmten für die Parteien der Unabhängigkeit, etwas mehr als 30 Prozent für Parteien, die dagegen sind. Und die übrigen Stimmen entfielen auf zwei Parteien, die sich nicht positioniert hatten. Von diesen Stimmen war ein genügend grosser Anteil für ein unabhängiges Katalonien, um die Befürworter über die 50-Prozent-Marke zu heben. In einem Referendum hätten wir gewonnen.

Sie befürworten ein souveränes Katalonien.
Absolut.

«Meine kulturelle Identität wird durch Spanien verfinstert.»

Gestern haben sich mehrere ehemalige katalanische Regierungsmitglieder der spanischen Justiz gestellt. Der abgesetzte Präsident Carles Puigdemont hingegen ist nach Belgien geflüchtet. Ist er ein Feigling?
Ich verstehe, dass er geflüchtet ist. Puigdemont verteidigt die Würde der katalanischen Regierung. Was man ihm vorwirft, ist aus juristischer Sicht absolut absurd. Ich kann nachvollziehen, dass er den spanischen Richtern misstraut und nicht bereit ist, jahrelang unschuldig im Gefängnis zu sitzen.

Wären Sie damit einverstanden, dass Katalonien bei Spanien bleibt, wenn es dafür mehr Autonomie zugesprochen erhält? Die Region hat ja jetzt schon weitgehende Autonomierechte.
Aber diese Rechte haben wir uns gegen den Willen fast aller spanischen Parteien erkämpft. Es war keineswegs ein grosszügiges Geschenk, wie die Spanier immer behaupten. Und jetzt haben sie das bisschen Autonomie, das wir besassen, vollends zerstört. Sie haben unseren Präsidenten abgesetzt, das demokratisch gewählte Parlament entmachtet und führende Vertreter der Unabhängigkeitsbewegung verhaftet.

Katalanisch ist als Nationalsprache akzeptiert. Sie haben eine eigene Polizei, eigene Schulen, ein eigenes Gesundheitssystem. Weshalb wollen Sie Spanien verlassen?
Weil ich in einem Staat geboren wurde, dem ich mich nicht zugehörig fühle. Ich gehöre gefühlsmässig, kulturell, historisch und soziologisch zu einem anderen Land. Ich möchte zu einem ­offenen, föderalistischen Europa ­beitragen, aber als katalanischer Bürger. Im Ausland gelte ich fälschlicherweise als spanischer Autor, existiere kulturell also gar nicht. Meine kulturelle Identität wird durch Spanien verfinstert.

Sie könnten es als Privileg betrachten, zwei Kulturen anzugehören.
Ich liebe und bewundere die spanische Kultur, sie gehört zu meinem kulturellen Rucksack. Aber ich kann nicht akzeptieren, dass unsere Kultur für Spanien ein Tumor ist, den es auszumerzen gilt. Es vergeht kein Tag, ohne dass eine spanische Partei ein Gesetz vorschlägt, um den Gebrauch des Katalanischen an den Schulen einzuschränken.

Spaniens Verfassung verbietet die Abspaltung einzelner Regionen, und diese Verfassung wurde auch in Katalonien angenommen.
Die Abstimmung über die geltende Verfassung fand 1978 statt, drei Jahre, nachdem die Diktatur Francos untergegangen war. Die Mehrheit der Katalanen hat ihr zugestimmt, weil sie im Vergleich zu vorher eine Verbesserung war. Und aus Angst vor einem neuen Bürgerkrieg. Wäre Spanien auch nur ein bisschen flexibel, hätte man diese Verfassung schon lange modernisieren können.

«Wenn ein Gesetz den Mond zu Käse erklärt, bleibt er doch der Mond.»

Das Unabhängigkeitsreferendum war dennoch illegal.
Millionen von Katalanen gingen in den letzten Jahren für die Unabhängigkeit auf die Strasse, und das Einzige, was der spanischen Regierung und Justiz dazu einfällt, ist Paragrafenreiterei. Ein Gesetz, das der Realität widerspricht, ist obsolet. Wenn ein Gesetz den Mond zu einem Käse erklärt, bleibt er immer noch der Mond.

Spanien gilt international als Demokratie und Rechtsstaat. Laut einer Rangliste der britischen Zeitschrift «Economist» ist es eines von weltweit 24 Ländern, in denen volle Demokratie herrscht.
Wenn das so wäre, hätte Spanien vor einigen Jahren völlig anders auf die ersten grossen Demonstrationen für Kataloniens Unabhängigkeit reagiert. Seine Regierung hätte gesagt: Wir wollen, dass ihr bei uns bleibt, und geben euch dafür mehr Autonomierechte. Wir hören auf, euch ständig mit kulturimperialistischem Gebaren zu ärgern. Ihr bekommt eine eigene Fussball-Nationalmannschaft, wie Schottland. Spanien hätte den Konflikt rechtzeitig entschärfen können. Aber seine Regierung hat es unterlassen, weil Spanien weniger demokratisch ist, als es scheint, «Economist» hin oder her. Spanien hat demokratische Strukturen und Institutionen, aber es fehlt ihm eine zu hundert Prozent demokratische Mentalität. Ich möchte Ihnen etwas erzählen, das unglaublich traurig ist.

Bitte.
Wissen Sie, was meine Freunde als Erstes machen, wenn sie mich besuchen kommen? Sie stellen den Fernseher an, drehen die Lautstärke auf und legen ihre Handys daneben, damit sie die Polizei nicht abhören kann. Das passiert mitten in Westeuropa. Statt Jihadisten zu verfolgen, schnüffelt die Polizei unbescholtenen Demokraten hinterher.

Trotzdem stehen Sezessionsbestrebungen im Zeichen eines Nationalismus, der in der globalisierten Welt obsolet wirkt.
Der katalanische Nationalismus ist völlig anders als der deutsche oder italienische, die historisch verseucht sind. Er hat auch nichts mit der Haltung zu tun, die zum Brexit geführt hat. Wir wollen offene Grenzen, wir wollen zu einem ­föderalistischen Europa gehören, wir sind bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. Es gibt in der westlichen Welt keine ­kosmopolitischere Gesellschaft als die katalanische.

Bildstrecke: Politischer Konflikt um Katalonien

Falls Katalonien unabhängig wird, gehört es automatisch nicht mehr zur EU und müsste ein Beitrittsgesuch stellen. Darauf wird Spanien von seinem Vetorecht Gebrauch machen. Die Vorstellung eines souveränen Katalonien innerhalb der EU ist eine Illusion.
Dass uns der Staat, zu dem wir im Moment immer noch gehören, derart übel mitspielen kann und dies auch tun wird, ist unerträglich. Ein modernes, wirtschaftlich blühendes, weltoffenes Land wie Katalonien sagt: Wir wollen in der EU bleiben und unseren finanziellen Beitrag dafür leisten. Es kann doch nicht sein, dass die EU uns dann abweist. Europa müsste politischen Druck auf Spanien ausüben, damit es seine imperiale Haltung aufgibt.

Statt die Souveränität zu gewinnen, hat Katalonien den Autonomiestatus verloren. Den Anführern der Unabhängigkeitsbewegung drohen lange Haftstrafen. Das Resultat ihrer Bemühungen ist ein einziges Desaster.
Ja, das stimmt leider. Aber ich werde nicht aufhören zu denken, was ich denke, und zu fühlen, was ich fühle. Ich werde nicht aufhören, Katalane zu sein. Letztlich haben wir nur friedlich und demokratisch auf das Recht gepocht, selber über unser Schicksal zu entscheiden. Eine Bande von Mafiosi hat dies mit Polizeigewalt verhindert.

Was genau meinen Sie mit Bande von Mafiosi?
Spanien hat die korrupteste Regierung Europas, es gibt kein anderes Land, in dem mehr Politiker und Funktionäre verurteilt sind. Ja, sie werden uns be­siegen, aber gewinnen werden sie nichts. Ja, es geht uns schlechter als am Anfang des Konflikts – aber das ist nicht unsere Schuld.

Sie bestätigen das Klischee, wonach sich Katalanen gerne als unschuldige Opfer sehen.
Wir haben aufgrund unserer Geschichte diese Neigung, das stimmt. Aber das Schlimmste, was jemandem mit Verfolgungswahn zustossen kann, ist, dass man ihn tatsächlich verfolgt.

«Europa müsste politischen Druck auf Spanien ausüben, damit es seine imperiale Haltung aufgibt.»

Könnte in Katalonien eine terroristische Gruppierung entstehen wie die ETA?
Nein, das ist undenkbar. Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung beruft sich auf Gandhi, auf Mandela, sie hat ihre Wurzeln im europäischen Pazifismus. Wir haben in unserer Geschichte alle Kriege gegen Spanien verloren und wissen, dass man Konflikte nicht mit Bomben löst. Gewalttätig sind nicht wir, sondern die spanische Polizei. Gewalt widerspricht unserem Charakter, unserer Mentalität, unserem Stil.

Die Weltöffentlichkeit und die internationale Presse stehen der katalanischen Unabhängigkeit ablehnend gegenüber. Haben alle unrecht und die Katalanen haben als einzige recht?
Katalonien ist historisch gesehen ein mediterranes Transitland. Die Katalanität ist eine Mischung aus verschiedenen Kulturen und Rassen. Jeder, ­der Katalane sein will, ist willkommen und kann es werden. Das ist eine soziale ­Errungenschaft, für die es sich lohnt zu kämpfen. Wenn das im Ausland nicht alle verstehen, können wir nichts anderes tun, als es immer wieder zu er­klären.

Der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa, der auch den spanischen Pass ­besitzt, hat kürzlich geschrieben: «Die Befürworter der Unabhängigkeit sind gegenüber der Vernunft taub und blind.»
Hahaha.

Ist das Ihr einziger Kommentar?
Vargas Llosa ist eine Person mit einer völlig obsoleten, veralteten, selbstgerechten Ideologie.

Beeinflusst der sogenannte Franquismo die Beziehungen zwischen Spanien und Katalonien bis heute?
Ja, und was schlimmer ist: Er hat innerhalb der spanischen Gesellschaft noch immer einen grossen Einfluss. Der italienische Faschismus ist 1945 untergegangen, und Mussolini wurde umgebracht. Franco hielt sich bis 1975 an der Macht und ist im Bett gestorben. Diese Unterschiede sind bedeutend. Spanien hat seine faschistische Vergangenheit bis heute nicht aufgearbeitet, und seine Eliten verhalten sich noch immer so, wie wenn der Staat und die Macht ihr persönlicher Besitz wären.

Können Sie Beispiele nennen?
In einem wahrhaft demokratischen System gibt es die Gewaltentrennung. In Spanien nicht. Der Präsident des spanischen Verfassungsgerichtes hat das Parteibuch der regierenden Partei. Die Verbandelung zwischen Regierung und Verfassungsrichtern ist viel enger, als es in einem System mit echter Gewaltentrennung zulässig wäre.

In einer Situation, wie sie heute in Katalonien herrscht, gehen ­langjährige Freundschaften in die Brüche. Haben Sie das auch erlebt?
Nein. Ich habe viele Freunde, die auch in Zukunft zu Spanien gehören wollen. Wir diskutieren laut, wir streiten uns hart. Aber danach feiern wir und betrinken uns gemeinsam.

Erstellt: 02.11.2017, 22:58 Uhr

Albert Sánchez Piñol


Der 52-jährige Anthropologe und Schriftsteller hat den Bestseller «Im Rausch der Stille» geschrieben. Der Roman wurde in 28 Sprachen übersetzt. Foto: Albin Olsson.

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