Fussball und andere kroatische Verbrechen

In Kroatien ist der Fussball längst zum Synonym der Korruption geworden. Viele Fans trauen sich nicht mehr ins Stadion. Der Ballkrieg hat sich auf die Tribünen der EM-Stadien verlagert.

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Als letzte Woche beim Fussballspiel Kroatien gegen Tschechien in St. Etienne kurz vor Schlusspfiff mehrere Feuerwerkskörper auf den Platz geschossen wurden, war die Empörung über die «Fans» gross. Der kroatische Nationaltrainer Ante Cacic sagte: «Das war Terror. Ich nenne diese Leute Hooligans, nicht Fans, das sind Terroristen!» Ivan Rakitic, Ex-FCB-Spieler, wirkte hilflos: «Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich möchte mich bei den Tschechen und der Uefa entschuldigen.» Staatschefin Kolinda Grabar-Kitarovic fuhr schweres Geschütz auf: «Das sind Staatsfeinde, die ihre Mannschaft und ihr Land hassen: Schämt euch!» Die kroatische Justiz werde die Missetäter zur Verantwortung ziehen.

Nach dem Eklat in St. Étienne wurden harte Strafmassnahmen gefordert und erwartet. Der Grundtenor in den kroatischen Medien lautete: «Auch ein EM-Ausschluss ist möglich.» Doch nach dem milden Uefa-Urteil vom Montag – gegen Kroatien wurde eine lächerliche Busse von 100'000 Euro verhängt –, können sich die Hooligans ins Fäustchen lachen, die kroatische Fussballmafia kann aufatmen, die Politiker werden sich zurücklehnen. Sie alle sind noch einmal davongekommen.

Vor dem Spiel gegen Spanien heute Abend will aber keine Freude aufkommen. Die Angst ist gross, dass die «Fans» schon wieder Böller und bengalische Feuer aufs Spielfeld werfen könnten. Die Tageszeitung «Jutarnji list» übt sich in Deeskalation: Sie porträtiert einen Vater, der mit seinen drei Söhnen nach Bordeaux gekommen sei, um die Vatreni («Die Feurigen») zu unterstützen. «Wir haben zwei Ziegen verkauft, um die Reise zu finanzieren», erzählt der Vater.

Knebelverträge für Spieler

Mit Finanzen, nein: mit Korruption, Geldwäsche, Steuerdelikten macht auch der kroatische Fussballverband Schlagzeilen seit Jahren. Die Hassfigur nicht nur der militanten Fans heisst Zdravko Mamic, Spitzname: Tata (der Papi). Er gilt als «Krebsgeschwür des kroatischen Fussballs» mit besten Verbindungen zur rechten politischen Szene des Landes. Mamic wurde mehrmals verhaftet, ihm wurde Geldwäsche und Steuerhinterziehung im Umfang von knapp 16 Millionen Euro vorgeworfen, aber er blieb bis Februar Vereinschef von Dinamo Zagreb. Nun ist er Berater des Clubs. Das heisst: Mamic bleibt der heimliche und unheimliche Herrscher von Dinamo und der einflussreichste Strippenzieher im Kroatischen Fussballverband (HNS). Mamic soll Spieler zu Knebelverträgen mit seiner Agentur gezwungen haben, um von deren Gehältern 20 Prozent zu kassieren. Real-Madrid-Star Luka Modric bestätigte, Mamic einen Teil seines Einkommens in bar gegeben zu haben.

Zdravko «Tata» Mamic ist der einflussreichste Strippenzieher im kroatischen Fussballverband. Foto: Antonio Bronic (Reuters)

Um Mamic vom Fussballthron zu stürzen, greifen die Fans zu radikalen Methoden. Sie boykottieren die Spiele, stören seine Pressekonferenzen, Ende Mai wurde der Fussballfunktionär in der Hafenstadt Split von maskierten Männern mit Nebelpetarden und Feuerwerkskörpern angegriffen. Mamic scheut den Konflikt nicht. Journalisten, die ihn kritisieren und mit Unterweltbossen vergleichen, schleudert er wüste Beschimpfungen entgegen («Ich fick deine Mutter»).

Hooligans in den Logen

In St. Étienne kam es offenbar zu einer unvorstellbaren Allianz: Die Ultras von Dinamo (Bad Blue Boys) und Hajduk Split (Torcida) beschlossen, mit Pyros den Spielabbruch herbeizuführen. Auf Facebook hatten sie Aktionen angekündigt: «Die Fackeln befinden sich unterhalb der Osttribüne, Eingang F, Reihe 3, Sitz 24.» Mit der Aktion wollten die Hooligans, die sich sonst gegenseitig bekriegen, auf die Korruption im kroatischen Fussballverband aufmerksam machen. «Solange es Hooligans in den Logen gibt, wird es auch Hooligans auf den Tribünen geben. Ihr kritisiert nun die Boys, Torcida, Armada und andere Fans, aber das sind die einzigen, die für Gerechtigkeit im kroatischen Fussball kämpfen, damit alles fair und gerecht wird», heisst es in einer Stellungnahme der Bad Blue Boys. Martialisch tönte die Reaktion der Fanvereinigung Torcida aus Split: Der Kampf mit Pyros gegen die Fussballmafia sei legitim und werde fortgesetzt. Schon vor der EM hatten Fans und Hooligans gefordert, dass nach Sepp Blatter nun auch Zdravko Mamic verschwinden müsse von der Fussballszene.

Beim Spiel gegen Tschechien sass Mamic in der VIP-Lounge, obwohl er keine offizielle Funktion im kroatischen Fussball hat. Am Dienstag musste er einen Rückschlag hinnehmen. Sein Bruder Zoran Mamic (Ex-Bundesliga-Profi des VfL Bochum und von Bayer Leverkusen), seit Ende 2013 Trainer von Dinamo Zagreb, verlässt den Club und sucht das Weite: Er wird in Zukunft den saudiarabischen Fussballverein al-Nasr trainieren.

Der Beginn des Unabhängigkeitskrieges: 13. Mai 1990, Maksimir-Stadion, Zagreb. Video: Albert Veli (Youtube)

Wie überall auf dem Balkan hat auch in Kroatien der Fussball viel mit Politik zu tun. Auf den Rängen tummeln sich Nationalisten, die Hassparolen grölen. Für viele Kroaten hat der Krieg für die Unabhängigkeit von Jugoslawien am 13. Mai 1990 im Maksimir-Stadion in der Hauptstadt Zagreb begonnen: Vor dem Ligaspiel zwischen Dinamo Zagreb und Roter Stern Belgrad kam es zu wüsten Szenen, kroatische und serbische Fans schlugen sich die Köpfe ein, auf dem Feld attackierten Fans und Fussballer hilflose Polizisten. In die Geschichte eingegangen ist der Spieler Zvonimir Boban, der einen Beamten in Karatemanier angreift. Neben dem Maksimir-Stadion steht heute eine Gedenktafel, auf der die Ausschreitungen von 1990 verherrlicht werden: «Allen Fans von Dinamo, für die der Krieg am 13. Mai 1990 im Maksimir-Stadion begonnen hat und mit der Hingabe ihres Lebens am Altar der Heimat Kroatien endete».

Mamics Marionetten sind überall

Seit der kroatischen Unabhängigkeit, die am 25. Juni 1991 verkündet wurde, geraten vor allem gewaltbereite Ultragruppen in die Schlagzeilen, die den antifaschistischen Kampf der Partisanen im Zweiten Weltkrieg ins Lächerliche ziehen und den «Unabhängigen Staat Kroatien» von Hitlers und Mussolinis Gnaden als grosse kroatische Errungenschaft feiern. Der Nationalismus wird auch von Spielern angefacht. Nach der Qualifikation für die WM 2014 schnappte sich der frühere Bundesligaprofi Josip Simunic das Stadionmikrofon und rief in Richtung der Fans: «Za dom – spremni!», zu Deutsch: «Für die Heimat bereit!» Das ist die Grussformel der kroatisch-faschistischen Ustascha-Bewegung, die in Kroatien und Bosnien-Herzegowina von 1941 bis 1945 ein Terrorregime führte und vor allem im Konzentrationslager Jasenovac Tausende Juden, Serben und kroatische Partisanen ums Leben brachte.

Kroatien habe seit Jahren ein Hooligan-Problem, aber «keiner kümmert sich darum. Keine Politiker, keine Regierung, keine Richter», sagte Davor Suker nach dem Eklat in St. Étienne. Doch glaubwürdig wirkt der Präsident des Kroatischen Fussballverbandes nicht. Auch Suker gilt als Marionette des höchst umstrittenen Clans um Zdravko Mamic.

Erstellt: 21.06.2016, 16:23 Uhr

Polizisten vor den Rängen der Kroatien-Fans in St. Etienne. Foto: Pavel Golovkin (AP)

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