Gefangene Seelen

Ein Strassenstrich an der italienischen Adria erzählt die Geschichte des modernen Menschenhandels. Er endet mitten in Utopia.

Wo feuchte Matratzen liegen: Die Mafia versklavt junge Frauen, die nach ganz Europa zur Prostitution vermittelt werden. Foto: Ashley Gilbertson (VII, Redux, laif)

Wo feuchte Matratzen liegen: Die Mafia versklavt junge Frauen, die nach ganz Europa zur Prostitution vermittelt werden. Foto: Ashley Gilbertson (VII, Redux, laif)

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Alles an dieser Geschichte klingt fürchterlich und falsch, schon der Name der Strasse, an der sie spielt: «La Bonifica». So heisst sie tatsächlich. Bonifica ist das italienische Wort für die Trockenlegung eines Sumpfes. Die Provinzstrasse liegt genau auf der Grenzlinie zwischen den Marken und den Abruzzen, zwei Regionen in der Mitte Italiens, auch darum fühlt sich niemand wirklich zuständig. Im Osten die Adria, flach wie ein See. Im Westen die Berge des Gran Sasso, mit Schnee bedeckt. 15 Kilometer mit Schlaglöchern, vorbei an Fabriken, die auch schon mehr Arbeit hatten.

Sie wärmen sich an Feuern aus kleinen Stahlbehältern.

Fast auf der gesamten Länge ist die Strasse von Schilfwäldern gesäumt. Und von Mädchen aus Nigeria. Auch an diesem Wintermorgen, bei 2 Grad, stehen da alle paar Dutzend Meter junge Frauen in knappen Röcken, grellpinken Tops und hochhackigen Schuhen. Sie wärmen sich an Feuern aus kleinen Stahlbehältern. Das Holz haben sie auf dem Kopf hergetragen, kilometerweit. Der Rauch des Feuers mischt sich mit dem Hauch ihres warmen Atems. «Ciao!» Die Autofahrer passieren langsam und mustern die Frauen, als sässen die in einem Schaufenster. Im Volksmund wird die «Bonifica» auch «Strada dell’amore» genannt, Strasse der Liebe, und das klingt natürlich noch falscher.

Man kennt diesen Strich überall in Italien. Er ist zum Symbol eines Phänomens geworden, das im Schatten der Migrationsströme der letzten Jahre immer grösser geworden ist. 2016 kamen 11'009 Nigerianerinnen von Libyen über das Mittelmeer nach Italien. «Von ihnen», sagt der Soziologe Fabio Sorgoni, der seit vielen Jahren über Menschenhandel forscht, «enden 80 Prozent auf Strassen wie der ­Bonifica.» Sie arbeiten da für 8, 9 oder 10 Euro pro «Dienst». Hinten im Schilf, wo feuchte Matratzen liegen. Versklavt von der nigerianischen Mafia. Von Zuhälterinnen, den «Madames», die sie mit dem Versprechen auf eine Arbeit und auf ein besseres Leben nach Europa gelockt hatten und sie mit dem «Juju» an sich banden, einem Voodooschwur, den die Mädchen leisten. Manchmal müssen sie ein Tier mitbringen zum Ritual, es töten, vom Blut trinken, die Innereien essen, die Leber, das Herz. Und sie lassen da ein Büschel eigenes Haar, Fingernägel, eigenes Blut. Als Pfand. So wird die Verbindung zum Gefängnis, zur fatalen Verstrickung.

«Die Clans sind immer schneller»

«Italien», sagt Sorgoni, «ist zur Drehscheibe dieses Menschenhandels geworden.» Die nigerianische Mafia arbeite schon lange mit der lokalen Mafia zusammen, mit Cosa Nostra, der ’Ndrangheta und der Camorra also. Die haben mit der Prostitution sonst nicht viel zu schaffen. Mitverdienen wollen sie aber schon. Die Nigerianer bezahlen für die Bodennutzung, für jeden Meter Strassenstrich, und sie entrichten Steuern an das organisierte Verbrechen. «Der Staat versucht zu reagieren, doch die Clans sind immer viel schneller», sagt Sorgoni. Die Frauen werden verschoben, von einer Strasse zur anderen. Wenn eine gut ankommt am Markt, wird sie mal eine Weile nach Barcelona oder Paris geschickt. Unter ständiger Aufsicht. Es ist ein Kreislauf der Ausbeutung.

Wie viele Frauen wussten wohl, was sie in Europa erwartete? Wie viele glaubten tatsächlich, dass sie da als Kellnerinnen, Coiffeusen, Pflegerinnen arbeiten würden, wie man es ihnen versprochen hatte? Sorgoni erzählt von einem Fall, da hätten die Menschenhändler in Nigeria einen Coiffeurkurs für dreissig Frauen organisiert. Es war eine Maskerade, auch diese Frauen wurden dann gezwungen, sich zu prostituieren. Natürlich spricht sich das herum, daheim, in Nigeria. Wenigstens in Lagos oder Benin City, den grossen Städten des Landes. Die Zahlen sind dennoch angestiegen. Die Frauen kommen nun vor allem aus Dörfern in der Provinz, wo die bösen Geschichten vielleicht noch nicht bekannt sind. Und sie sind jünger als in den Jahren davor, viele sind minderjährig.

«Sie rekrutieren zwanzig Mädchen in Nigeria, und wenn dann sechs oder sieben von ihnen auf dem Weg durch die Wüste und über das Meer verloren gehen – ja dann arbeiten sie eben mit dem Dutzend, das ankommt.»

Früher kamen die Nigerianerinnen mit dem Flugzeug, mit falschen Ausweisen. Damals war Paris der Hub. Etwa 70'000 Euro verlangten die Händler für die Reise und das Fälschen der Pässe. Die Frauen brauchten viele Jahre, um ihre Schulden abzuzahlen. Kunde um Kunde. Seit sie nun über Libyen geschleust werden, über Land und See, ist die Reise billiger geworden, weil sie wahnsinnig gefährlich ist, weil es auf dieser Route keine Papiere braucht. 25'000, 35'000 Euro, je nachdem. Darum, sagt der Forscher Sorgoni, setzen die Händler nun auf Masse. «Sie rekrutieren zwanzig Mädchen in Nigeria, und wenn dann sechs oder sieben von ihnen auf dem Weg durch die Wüste und über das Meer verloren gehen, verdursten oder ertrinken – ja dann arbeiten sie eben mit dem Dutzend, das ankommt.»

Am östlichen Ende der Bonifica liegt Martinsicuro, eine kleine Stadt am Meer, ein Badeort ohne Charme, der sich im Sommer jeweils zur Grossstadt aufpumpt. Im Winter ist sie tot. Rumänische Arbeiter stutzen die Platanen und die Palmen an der Promenade. An vielen Häusern hängen Verkaufsschilder, der Putz an den Balkonen blättert ab. Etwas Klasse hat nur die Gedenkstätte für Padre Pio im Park bei der Via delle Lancette. Und On the Road, die Organisation, die sich für die Frauen auf der Bonifica einsetzt und hier ihren Sitz unterhält: vier grosse Büros, stapelweise Hilfsgüter. Sie wird vom Staat finanziert. Italien lagert seine Unfähigkeit, dem Phänomen beizukommen, an fünfzig engagierte Bürger aus, die die Frauen auf der Bonifica medizinisch versorgen, sie über die Gefahren unterrichten, ihnen Kondome bringen.

In einem geheimen Ort

On the Road versucht, möglichst viele junge Nigerianerinnen von der Strasse zu holen. Sehr oft gelingt das nicht, weil sich die Mädchen fürchten – vor ihren Madames und vor dem Fluch, der sich auf sie legen würde, wenn sie weglaufen, bevor sie ihre Schuld beglichen haben. Man sagt ihnen, sie würden sofort krank werden, wenn sie den Schwur brechen, und ihre Familien daheim gleich auch.

Hope, 18, und Blessing, 23 Jahre alt, liefen dennoch weg. Ihre Namen sind erfunden. Man soll sie nicht erkennen können. Hope und Blessing sind jetzt in der «Fluchtwohnung» der Organisation untergebracht. Das ist ein geheimer Ort, an dem sie keine Handys haben dürfen, keinen Zugang zu sozialen Medien, keine Kontakte zu anderen nigerianischen Mädchen. Damit ihre Madames sie nicht finden können. Sie sollen Italienisch lernen, sich irgendwann integrieren können. «Sie sind erst mit einem Fuss draussen», sagt Vincenza Castelli, die zuständig ist für die Aufnahme und die Betreuung der Frauen. Das Netz der nigerianischen Mafia sei so unglaublich engmaschig gestrickt, dass ihm nichts entgehe, keine Ankunft. «Es ist das beste Netz der Welt.»

Hope erzählt mit monotoner Stimme von ihrer Reise nach «Europe-a», wie sie es nennt. Es hört sich wie «Iuroopiia» an, ein bisschen wie Utopia. Die Reise führte sie aus dem Hinterland von Lagos nach Kano, weiter nach Agadez in Niger, auf Motorrädern, in Kofferräumen, auf überfüllten Pick-ups durch die Wüste nach Sebha in Libyen, wo man sie einen Monat festhielt, schlug und vergewaltigte. Im Mai war das. Sie braucht nie deftige Worte, auch wenn sie unerhörte Sachen erzählt, von Leuten etwa, die über ihren Köper verfügt hätten, als wäre er ihr Besitz. Oft sagt sie: «Das war nicht schön, gar nicht schön.» Oder: «Es war nicht einmal ‹safe›, es war hart.» Sie kaut an den Fingernägeln wie ein Kind, plötzlich lehnt sie sich so weit zurück im Bürostuhl, dass der beinahe kippt.

Die falsche Tante

Nach einem Monat in Sebha holte man sie nach Sabratha, einer Küstenstadt im Westen von Tripolis, für den «Push». So nennen die Schleuser den Moment, wenn sie die Flüchtlinge ins Meer «stossen». Sie bringen sie dann auf diese «Lampa Lampa», wie die Libyer den billigen Gummibooten aus China sagen. Ihr Boot, sagt Hope, sei vom Morgengrauen bis am Abend unterwegs gewesen, immer nahe am Kentern, dann seien sie gerettet worden. Von wem? «Von euch Leuten, von euch Europäern.» Sie wurde nach Sardinien gebracht, in ein Auffanglager. Von dort rief sie ihre Madame an, die ihr vom besseren Leben erzählt hatte, die lebte in Mailand. Den Italienern sagte sie, die Madame sei ihre Tante. «Sie sagten: Echt, deine Tante? Dann liessen sie mich gehen.» Die Auffanglager sind wie Siebe, da kommt jeder raus, der rauskommen will.

Sie fuhr mit dem Schiff nach Genua und von dort mit dem Zug weiter nach Mailand. Die «Tante» schloss sie in ihre Wohnung ein. Dann kamen die Männer – «to fuck». Sie sagt das Wort mechanisch, erwachsen. Mit 18. Als sie mal unbeobachtet war, floh sie aus der Wohnung der falschen Tante. Einfach weg, unterwegs in einem Land, das sie nicht kannte. Mit dem Bus in den Süden, irgendwo hin. Bis San Benedetto del Tronto, in den Marken, dort auf Rat eines Passanten zur Caritas. Und die brachten sie zur Hilfsorganisation On the Road, in die Fluchtwohnung.

«Ich dachte, Europa sei besser als Nigeria»

Auch Blessing kam über Niger und Libyen nach Italien, zuerst nach Sizilien. Den Namen der Stadt hat sie vergessen. Ihre Haare sind zu Zöpfen gebunden. Blessing ist Coiffeuse. «Ich dachte, Europa sei besser als Nigeria – wenigstens das, besser als Nigeria», sagt sie und lacht. «More okay.» Manchmal stottert Blessing beim Reden, immer nur kurz, zum Beispiel wenn sie über ihre kranke Mutter spricht, der sie die Reise verschwiegen habe, die sie einfach zurückliess. Oder wenn sie von ihren Ängsten auf dem Lampa Lampa spricht.

Für die Frauen, die ihren Peinigern davonliefen, sagt die Betreuerin Castelli, sei der schwierigste Moment der erste Anruf nach Hause, nach Nigeria. Es sitzen dann immer eine kulturelle Vermittlerin und eine Psychologin dabei. «Was man da hört, ist ein Skandal», sagt Castelli. Manchmal seien die Eltern dermassen enttäuscht, dass die Tochter weggelaufen sei, dass sie sie auffordern, sofort zurückzugehen. Und dies, obschon die Töchter erzählen, was man ihnen alles antut. Oft heisse es dann am anderen Ende, sie habe keine Wahl, die Mutter sei nämlich plötzlich krank geworden, der Vater liege im Sterben, man werde bedroht von den Leuten, die die Reise organisiert hatten. Und von den Geistern.

Erstellt: 10.01.2018, 20:07 Uhr

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