Geld gegen Ehre

Der Fall Kachelmann produziert nur Verlierer, bis zuletzt.

Ist das nun viel oder wenig? Jörg Kachelmann beim Prozess im Oberlandesgericht Köln (25. Februar 2015). Foto: Oliver Berg (EPA, Keystone)

Ist das nun viel oder wenig? Jörg Kachelmann beim Prozess im Oberlandesgericht Köln (25. Februar 2015). Foto: Oliver Berg (EPA, Keystone)

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Das Kölner Oberlandesgericht hat den Herausgeber der «Bild»-Zeitung zu einer Entschädigung von 395'000 Euro verurteilt. «Bild» und Bild.de hätten die Persönlichkeitsrechte des Wettermoderators Jörg Kachelmann schwer verletzt, indem sie private SMS, intime Details aus seinem Privatleben und voyeuristische Fotos aus dem Gefängnis publiziert hätten, die mit den verhandelten Vergewaltigungsvorwürfen nichts zu tun gehabt hätten. Mit Zins und Zinseszinsen beträgt die Entschädigung etwas mehr als eine halbe Million. Wie immer in solchen Fällen interessierte die Öffentlichkeit danach vor allem eines: Ist das nun viel oder wenig? Ist damit Gerechtigkeit wiederhergestellt?

Das hängt davon ab, aus welcher Sicht man es betrachtet. Historisch gesehen, liegt die Summe auf derselben Höhe wie die bislang grösste in Deutschland von einem Gericht wegen einer Persönlichkeitsverletzung gesprochene Entschädigung: 2009 hatte die schwedische Prinzessin Madeleine für Geschichten über frei erfundene Hochzeiten, Schwanger- und Liebschaften durch zwei Boulevardblätter vor Gericht 400'000 Euro zuerkannt erhalten. Damals errechnete sich die Summe aus 86 als «verletzend» erachteten Fällen, bei Kachelmann ergaben nun 26 Fälle das gleiche Resultat. Stellt man zudem in Rechnung, dass die Geschichten über Madeleine vom Gericht als erfunden, die über Kachelmann aber nur als privat beurteilt worden waren, ist das Strafmass seit 2009 unter dem Strich erheblich gestiegen.

Aus Sicht eines grossen Verlages ist die Strafe empfindlich ausgefallen, ohne bedrohlich zu sein. Eine Rolle spielte dabei, dass das Gericht der Auffassung des Klägers widersprach, die «Bild» habe mit ihren über 800 Artikeln in den Jahren 2010 und 2011 eine «vorsätzliche Kampagne» gegen Kachelmann geführt, um diesem gezielt zu schaden. Experten glauben gleichwohl, dass hohe Entschädigungszahlungen Medien auf Dauer abschrecken. Seit vor allem Prominente mithilfe von spezialisierten Anwälten systematisch gegen Verletzungen ihrer Privatsphäre vorgingen, seien die Verlage bereits deutlich vorsichtiger geworden.

Sieht man das Urteil aus Sicht von Jörg Kachelmann an, bleibt die Einsicht, dass auch viel Geld die verlorene Ehre nicht wiederbringt. Der Vergewaltigungsvorwurf, von dem er 2011 vor Gericht freigesprochen worden war, hat seine Existenz vernichtet. Diese Ungerechtigkeit hätten auch die 2,25 Millionen Euro, die er ursprünglich als Entschädigung gefordert hatte, nicht ungeschehen gemacht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2016, 23:16 Uhr

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