Generation Greta protestiert für bessere Noten

Zehntausende Schüler in Deutschland beklagen sich online über eine zu schwere Maturaprüfung.

«Sie merken, wenn sie Zirkus machen, tanzt die Politik vielleicht nach ihrer Pfeife»: Der frühere oberste deutsche Lehrer sieht den Aufstand als Fortsetzung der Klimastreiks wie hier in Hamburg, März 2019.

«Sie merken, wenn sie Zirkus machen, tanzt die Politik vielleicht nach ihrer Pfeife»: Der frühere oberste deutsche Lehrer sieht den Aufstand als Fortsetzung der Klimastreiks wie hier in Hamburg, März 2019. Bild: Georg Wendt/Keystone

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Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was Gymnasiasten jetzt so erzählen, dann muss die diesjährige deutsche Maturaprüfung in Mathematik ein traumatisches Erlebnis gewesen sein: Schon in den Prüfungszimmern sollen Unmut und Verzweiflung um sich gegriffen haben, danach verwandelte sich der Frust in Aufregung, Tränen und Wut.

Dabei bleibt es heute in der Regel nicht, und kaum jemand war erstaunt, als schon zwei Tage danach eine gewaltige digitale Empörungswelle über Schulleitungen und Bildungsministerien schwappte. Wer genau mit den Online-Petitionen begonnen hat, die gegen die «zu schwere» Prüfung protestierten und präventiv eine Anhebung des Notenschnitts forderten, ist nicht bekannt, weil die Maturanden anonym auftreten. Offensichtlich aber ging der Aufstand von Bayern aus und griff dann innert Tagen auf fast alle anderen deutschen Bundesländer über.

«Es kann kein Hirngespinst sein»

76'000 Unterschriften gab es bis gestern allein in Bayern – obwohl nur halb so viele Schülerinnen und Schüler überhaupt zur Prüfung antraten. Für die Gymnasiasten beweist die Grösse des Protests seine Berechtigung. «Es kann kein Hirngespinst sein», heisst es etwa aus Nordrhein-Westfalen.

Die Vorwürfe lauten überall etwa gleich: Die Aufgaben seien zu umfangreich, zu fremd, zu abstrakt oder zu umständlich formuliert gewesen. In jedem Fall sei die Prüfung des letzten Jahres im Vergleich dazu ein «Witz» gewesen.

Verschiedene Bildungsministerien wollen die Prüfung überprüfen lassen.

Vereinzelt erhielten die Gymnasiasten Unterstützung von Lehrern, Schulleiterinnen und Verbänden. Der Präsident des Brandenburger Pädagogenverbandes etwa, ein Mathematiker, meinte, er habe 15 statt 5 Stunden für die Lösung aller Aufgaben gebraucht. Eine Nachhilfelehrerin an einer Privatschule in München beklagte sich, sie habe die Maturanden auf diese Prüfung gar nicht angemessen vorbereiten können.

Vom Protest alarmiert, haben verschiedene Bildungsministerien, insbesondere das bayerische, bereits angekündigt, dass sie die Prüfung überprüfen lassen werden. Andere Bundesländer wollen erst die Korrekturen abwarten, um über mögliche Massnahmen zu befinden. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sagte, die erste Tendenz aus Bayern zeige, dass sich die Noten im üblichen Durchschnitt bewegten: «Im Internet lässt sich Erregung schnell mobilisieren. Deshalb sollten wir abwarten.»

«Die Schüler sind heute nur verwöhnt»

Josef Kraus, während 30 Jahren Meidingers Vorgänger als oberster deutscher Lehrer, sagte, ihm komme der Onlineaufstand wie eine Fortsetzung der jugendlichen Klimademonstrationen vor. «Sie merken, wenn sie Zirkus machen, tanzt die Politik vielleicht nach ihrer Pfeife», sagte Kraus der «Bild»-Zeitung. «Die Schüler sind heute nur verwöhnt, weil die Matheaufgaben in den vergangenen Jahren vergleichsweise leicht waren.» Nachdem sich Universitäten immer häufiger beklagt hätten, Gymnasiasten brächten nicht mehr das nötige Grundwissen mit, halte er eine Anhebung des Niveaus für nötig.

Völlig unklar ist übrigens, ob sich die Schülerinnen und Schüler quer durch Deutschland überhaupt über dieselben Prüfungen beklagen. Seit 2017 stellt der Bund den zuständigen Ländern zwar einen einheitlichen Pool von Aufgaben zur Verfügung. Wie die einzelnen Bundesländer diesen Pool aber verwenden oder mit eigenen Fragen ergänzen, ist gänzlich ihnen überlassen. So sind weiterhin nicht nur die Prüfungsresultate deutschlandweit höchst eingeschränkt vergleichbar – sondern auch die Proteste dagegen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.05.2019, 07:42 Uhr

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