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Georgien erinnert die Prager an 1968

Heute vor vierzig Jahren rangen russische Truppen den Prager Frühling nieder. Entsprechend scharf reagiert Tschechien auf Russlands Einmarsch in Georgien. Nur der Präsident schert aus.

Russische Panzer: Prager Frühling 1968.
Russische Panzer: Prager Frühling 1968.
Keystone

Über Wochen und Monate hatte man in Prag den Eindruck, als sollten die Geschehnisse vom 21. August 1968 fast dem Vergessen anheim fallen. Die grossen Debatten über den Prager Frühling 1968, über den letztlich zum Scheitern verurteilten Versuch, dem Sozialismus sowjetischer Prägung ein menschliches Antlitz zu verleihen, fanden in österreichischer oder deutscher Regie statt. Ein Politologe sprach von einem «weiteren Beispiel für den typisch tschechischen Umgang mit der eigenen Geschichte».

Panzer rollten durch Prag

Doch kurz vor dem Jahrestag des Überfalls der Warschauer-Pakt-Staaten auf die damalige Tschechoslowakei hat sich das geändert. Und einmal mehr lieferten die Russen dafür den Anlass - mit ihrem militärischen Einrücken im souveränen Georgien. Das gab dem Erinnern der Tschechen an ihr eigenes Schicksal neue Nahrung. Beim Betrachten der Fernsehbilder aus dem Kaukasus kamen den Tschechen wieder die Bilder aus ihrem eigenen Gedächtnis vor Augen: Panzer, verzweifelte, ohnmächtige Menschen, lange Schlangen vor noch leidlich funktionierenden Lebensmittelläden, aber auch kampfentschlossene, mutige Angegriffene, die sich zur Wehr setzen, mit blossen Fäusten oder behelfsmässigen Barrikaden.

Russland: die alten Denkmuster

«Moskau verfährt nach wie vor nach dem alten Breschnew-Muster», sagt der frühere tschechische Verteidigungsminister Lubos Dobrovsky. «Wenn es sich provoziert fühlt - zurecht oder zu Unrecht -, dann schlägt es zu.» Dobrovsky kennt die Russen besser als die meisten anderen Tschechen. Die Schicksalstage 1968 durchlitt er als tschechoslowakischer Hörfunk-Korrespondent in Moskau, bis ihn die Russen zur unerwünschten Person erklärten und aus dem Land warfen.

Nach der politischen «Wende» 1989 handelte er mühsam den Abzug der Russen aus der Tschechoslowakei aus. Als er als Verteidigungsminister wegen des bevorstehenden Nato-Beitritts Tschechiens auch Kontakte mit den zuständigen Stellen in Moskau zu unterhalten hatte, traf er auf die alten Denkmuster: «Sie warfen uns vor, sie, die Russen, schon wieder zu verraten», erinnert sich Dobrovsky.

Tschechien unterstützt Georgien

Es erstaunt nicht, dass die Prager Regierung zu denen in Europa gehört, die eine besonders scharfe Reaktion des Westens auf die Vorgänge im Kaukasus unterstützen. Der Aussenminister mit Schweizer Pass, Karl Fürst Schwarzenberg, brach wegen der Ereignisse seinen Urlaub ab, kehrte nach Prag zurück und wies umgehend Hilfslieferungen nach Georgien an. Premierminister Mirek Topolanek zog noch vor der amerikanischen Aussenamtschefin Condoleezza Rice den Vergleich zwischen Georgien 2008 und dem blutigen Ende des Prager Frühlings 1968.

Nur einer scherte in der Prager Führungsriege aus und konterkarierte die Politik der Regierung wie nahezu des gesamten Westens: Präsident Vaclav Klaus. Er sieht die Verantwortung für die Eskalation der Gewalt ausschliesslich bei Georgien. «Die Rolle des georgischen Präsidenten, der Regierung und des Parlaments ist nicht wegzudiskutieren und fatal», schrieb Klaus in einem Zeitungsbeitrag. Über die Rolle Russlands verlor das Staatsoberhaupt kein Wort.

Aussenamtschef Schwarzenberg war nicht eben begeistert. Es wäre besser gewesen, wenn sich die führenden Politiker vor Meinungsäusserungen abgesprochen hätten, sagte er und warf Klaus Einäugigkeit vor. Kommentatoren in den Prager Zeitungen stimmten dem Minister zu: Klaus habe beim Schreiben des Artikels zweifellos die Moskauer Brille aufgehabt.

Slowakei hinter Russland

Die von Präsident Medwedew und Ministerpräsident Putin gelenkten russischen Medien griffen die Argumentation von Klaus begierig auf. Kunststück: So viele Politiker von Rang gibt es nicht, die ausschliesslich der russischen Lesart des Kaukasuskonflikts folgen. Seltsamerweise gehört zu denen auch der slowakische Premier Robert Fico; die Okkupation der Sowjets und ihrer Satelliten 1968 erstreckte sich auch auf den slowakischen Landesteil der damaligen Tschechoslowakei.

Die prorussische Haltung von Klaus ist nicht neu. Als Putin zuletzt in Prag war, sprach Klaus freiwillig russisch mit dem Gast. Und auf die Frage eines Journalisten bei der gemeinsamen Pressekonferenz nach dem Prager Frühling wiegelte der Präsident ab: Dieses Thema betreffe die heutigen Politiker nicht mehr. Die meisten Tschechen sehen das anders. Als nach der Vereinbarung des Radarvertrages mit den USA plötzlich das Erdöl aus der russischen Ölleitung «Freundschaft» nur noch tröpfelte, vermuteten sie - wohl nicht ganz zu Unrecht -, dass sich Moskau auf diese Weise für die politische Unbotmässigkeit Prags rächen wollte. Auf solche Grossmachtdemonstrationen reagieren die Tschechen bis heute empfindlich. Auch wenn viele über den Prager Frühling nicht mehr reden wollen - im Hinterkopf ist das traumatische Ereignis immer noch präsent.

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