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Geschichten von Drogen

Der Prozess gegen den Menschenrechtsaktivisten Ojub Titijew ist voller Widersprüche und Ungereimtheiten. Dennoch gibt es kaum Hoffnung, dass ihn das Gericht freispricht.

Silke Bigalke, Moskau
Ojub Titijew an der Gerichtsverhandlung vom Montag: Seit Januar 2018 sitzt er in Untersuchungshaft. Foto: Said Tsarnayev (Reuters)
Ojub Titijew an der Gerichtsverhandlung vom Montag: Seit Januar 2018 sitzt er in Untersuchungshaft. Foto: Said Tsarnayev (Reuters)

Niemand, nicht mal die Verteidiger, hatten mit einem Freispruch gerechnet. Dabei glaubte gleichzeitig wohl niemand, vermutlich nicht mal die Richterin, an die Schuld des Verurteilten. Trotzdem las sie mehr als acht Stunden vor, fasste den Prozess zusammen. Ojub Titijew ist angeklagt, weil die Polizei Marihuana in seinem Auto gefunden hatte. Weil die Polizei es dort selbst platziert hat, sagt der Angeklagte. Der Prozess im tschetschenischen Schali hatte sich über mehrere Monate gezogen, und bei Redaktionsschluss lag immer noch kein Urteil vor. Vier Jahre hat der Staatsanwalt gefordert. Seit Januar 2018 sitzt Ojub Titijew in Untersuchungshaft.

Bis zu seiner Festnahme leitete der 61-jährige Ojub Titijew das Büro der Menschenrechtsorganisation Memorial in einem Land, in dem die politische Führung Menschenrechtsaktivisten mit unverhohlenem Hass be­gegnet. Seine Vorgängerin, Natalja Estemirowa, ist 2009 aus Grosny verschleppt und ermordet worden. Man fand ihre Leiche mit Schusswunden in der ­Nachbarrepublik Inguschetien, die Tat wurde nie ganz aufgeklärt. In Russland setzt sich Memorial für das Gedenken an die Opfer von Gewaltherrschaft ein und kämpft gegen heutige Unterdrückung.

USA setzte Kadyrow auf Sanktionsliste

In Tschetschenien übernahm Ojub Titijew ein Jahr nach dem Mord die Leitung des regionalen Büros. Ein Job, zu dem Mut gehört und Vorsicht. Titijew hat versucht, mit seiner Arbeit für möglichst wenig Aufsehen zu sorgen. Der Prozess gegen ihn hat das nun ins Gegenteil verkehrt. Um ihn zu unterstützen, kamen Politiker, Diplomaten und Menschenrechtler aus Europa in den kleinen Gerichtsraum in Schali. 30 Kilometer von Grosny entfernt. Während der Untersuchungshaft bekam Ojub Titijew mehrere Preise verliehen, vielleicht in der Hoffnung, dass ihm das helfen würde. Tatsächlich könnte ihn seine Bekanntheit nun schützen, sagte sein Anwalt. Und zwar davor, dass ihm im Gefängnis noch Schlimmeres zustösst. Auf einen Freispruch aber hoffe man vergeblich.

Menschenrechtsorganisationen sind Ramsan Kadyrow, Tschetscheniens Oberhaupt, ein besonderer Dorn im Auge. Ojub Titijew hatte sich zuletzt mit dem Schicksal von 27 Häftlingen befasst, die 2017 in Tschetschenien ohne Gerichtsverfahren hingerichtet worden waren. Ende 2017 wurde Kadyrow in den USA ­wegen Menschenrechtsverletzungen und Folter auf eine Sanktionsliste gesetzt, was Einreiseverbot und Kontosperre be­deu­tete. Besonders getroffen hat ihn, dass auch sein Facebook- und sein Instagram-Konto blockiert wurden, über die ihm mehrere Millionen Menschen folgten.

«Danke für sein Leben»

Vergangenen Sommer kündigte Kadyrow an, Menschenrechtler nach dem Gerichtsverfahren um Ojub Titijew überhaupt nicht mehr ins Land zu lassen, sie hätten «kein Recht, auf meinem Territorium herumzulaufen».

Nach dem Mord an Natalja Estemirowa verliess eine Organisation nach der anderen das Land. Um die Gefahr für einzelne Mitarbeiter zu verringern, tun sie sich manchmal in mobilen Gruppen zusammen, ein Beispiel ist die «Joint Mobile Group» des Komitees gegen Folter. Ende 2014 wurde das Büro des Komitees in Grosny angezündet. 2016 wurde ein Bus mit Journalisten und Aktivisten, die auf Einladung der Organisation ins Land gekommen waren, überfallen und abgefackelt.

Als man Ojub Titijew vor mehr als 14 Monaten verhaftete, schrieb die russische Journalistin Elena Milaschina einen Artikel mit dem Titel «Danke für sein Leben». Sie ist mit Titijew befreundet und schreibt, dass sie mit ihm darüber gesprochen habe, was alles passieren könne. Ein untergeschobener Drogenfund ist immerhin keine Kugel im Kopf. Wobei sie den Vorwurf, dass dieser Mann Marihuana rauchen könnte, schlicht «lächerlich» findet. Ojub Titijew ist gläubiger Muslim, auch im Gericht hat er häufig die Gebetsmütze auf dem Kopf. Er raucht nicht, trinkt nicht, treibt regelmässig Sport, geht joggen und in den Boxring. Der Vater von vier Kindern war früher Lehrer.

Die Dorfältesten sagten für ihn aus, beschrieben ihn als guten Muslim. Im Kaukasus wiegt ihr Wort schwer.

Es gibt viele Ungereimtheiten in dem Fall. Beispielsweise ist Ojub Titijew an jenem 9. Januar nach eigener Aussage zweimal von der Polizei angehalten worden. Das erste Mal nahm sie ihn fest, durchsuchte den Wagen, fand angeblich die Drogen. Sie verhörten ihn und drohten damit, seiner Familie zu schaden, sollte er nicht gestehen. Doch weil er das nicht tat und weil die Polizei offenbar keine Zeugen für den Drogenfund hatte, liessen sie ihn wieder laufen, um ihn kurz darauf erneut anzuhalten. Diesmal sorgten sie für Zeugen. Offiziell hat es nur diese eine ­Begegnung gegeben. Die etwa 15 Videokameras, die das Gegenteil beweisen könnten, funktionierten ausgerechnet an diesem Tag nicht.

Vielleicht hat man sich auch deswegen für die Drogenklage entschieden, um ihn als unehrlich und unehrenhaft darzustellen. Es hat nicht funktioniert. Die Dorfältesten sagten für ihn aus, beschrieben ihn als guten Muslim. Im Kaukasus wiegt ihr Wort schwer.

Ojub Titijew wandte sich bei seinem Schlusswort vergangene Woche an diejenigen, die ihn falsch beschuldigt hatten. Er habe zwei Gründe dafür gefunden, warum die Menschen lügen: «Profit oder Angst. Beides ist erniedrigend.»

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