Gesucht wird: Ein Hoffnungsträger für die Labour-Partei

Nach den verheerenden Niederlagen soll eine neue Führung der Arbeitspartei Stolz und Stärke zurückgeben.

Kandidieren fürs Labour-Präsidium: Lisa Nandy, Keir Starmer, Rebecca Long-­Bailey und Emily Thornberry in der BBC (von links). Foto: Reuters

Kandidieren fürs Labour-Präsidium: Lisa Nandy, Keir Starmer, Rebecca Long-­Bailey und Emily Thornberry in der BBC (von links). Foto: Reuters

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Die Urwahl in der britischen ­Labour-Partei kommt einem ein wenig vor wie die US-Vorwahlen: Mehrere Kandidaten, die sich zwar persönlich profilieren, aber nicht gegenseitig massiv beschädigen dürfen. Eine ewig lange Auswahl- und Aufwärmphase ohne Entscheidung. Und mit ­Boris Johnson ein Angstgegner auf der anderen Seite.

Die Partei ist nach der schweren Wahlniederlage vom Dezember im Schockzustand, hat noch immer keine klare Haltung zum Brexit und ist in Altlinke und ­Sozialliberale gespalten. Labour-Chef Jeremy Corbyn führt die Partei zudem nur noch kommissarisch, weil er das schlechteste Ergebnis der Nachkriegszeit eingefahren hat. Der scheidende Chef wird kaum noch wahr- und nicht mehr ernst genommen.

Um nach vier verlorenen Wahlen wieder an die Macht zu kommen, müsste Labour 142 Sitze zulegen.

Seit Anfang Januar laufen sich daher die Kandidaten für seine Nachfolge warm. Sie werden aber erst Anfang April wissen, wer von ihnen die grösste sozialdemokratische Partei Europas künftig führen darf. Oder führen muss – wenn man bedenkt, wie ge­waltig die Aufgabe ist. Um nach vier verlorenen Wahlen aus der Dauer­opposition endlich wieder an die Macht zu kommen, müsste ­Labour bei der nächsten Wahl 142 Sitze zulegen. Aber so weit und so optimistisch wagt in der Führung kaum jemand zu denken. Wichtiger sei, so ist immer wieder zu hören, die Fehler aufzuarbeiten, die zu Boris Johnsons Erdrutschsieg geführt hätten. Und jemanden zu bestimmen, der oder die es besser macht.

Eine Frau aus dem Norden

Heute Freitag wird die Kandidatenliste geschlossen. Dann stimmen Mitglieder und Sympathisanten ab, die sich für die Teilnahme an der Urwahl registrieren mussten. Vier Namen werden auf dem Wahlzettel stehen, sofern es die Aussenpolitik-Expertin Emily Thornberry, mit 60 Jahren die Älteste unter den Bewerbern, auf den letzten ­Metern noch schafft, genügend Parteifreunde davon zu überzeugen, sie zu nominieren.

Jurist Starmer hat doppelt so viele ­Parteibezirke als Unterstützer gewinnen können wie die anderen drei zusammen – allein das gilt als Überraschung in dieser zersplitterten Partei.

Neben Thornberry wären das die 40-jährige Lisa Nandy aus Manchester, eine Aussenseiterin im Rennen um den Topjob und schärfste Kritikerin von Corbyn in diesem Quartett. Ausserdem Keir Starmer (58), Londoner, ehemaliger Generalstaatsanwalt und an vorderster Stelle in allen Umfragen. Und Rebecca Long-­Bailey (40), Corbyn-Vertraute, Wunschkandidatin der Parteispitze.

Die Parteiführung hat deutlich gemacht, man wolle diesmal eine Frau, am liebsten eine aus dem Norden des Landes – und eine Kandidatin, die das Erbe von Corbyn nicht mit Füssen tritt. Derzeit aber sieht es so aus, als wolle die Mehrheit bei Labour genau das nicht mehr. Jurist Starmer, der Kandidat der Mitte, hat doppelt so viele ­Parteibezirke als Unterstützer gewinnen können wie die anderen drei zusammen – allein das gilt als Über­raschung in dieser zersplitterten Partei. Was daraus für den künftigen Kurs der Partei zu lesen ist, weiss derzeit niemand.

Verstaatlichungen gefordert

Noch spielt sich der Machtkampf vor allem hinter den Kulissen ab. Die Lager von Long-Bailey und Starmer beschuldigen sich gegenseitig, Mitgliederdateien gehackt zu haben, um an Daten zu kommen. Neben dem Streit gibt es aber auch viel – vielleicht zu viel – Übereinstimmung. Starmer veröffentlichte am Mittwoch einen Zehnpunkteplan, in dem er Steuererhöhungen für Reiche, das Aus für die Sozialhilfereform der Tories, die Reduktion von Waffenverkäufen, das Wahlrecht für EU-Bürger und offene Grenzen fordert. Sein sozialdemokratisches Programm wird viele Befürworter finden – nur: Rebecca Long-Bailey, die Favoritin der Linken, hat auch einen Forderungskatalog vorgelegt. Darin fordert sie wie Starmer, die Verstaatlichung von Bahn, Post und Energieversorgern, mehr Steuern für Reiche, weniger Waffenverkäufe. Beide wollen das Oberhaus abschaffen und verlangen mehr Umweltschutz.

Sie gilt als politisches Talent, aber nicht als Sympathieträgerin. Er gilt als netter, seriöser Mensch, aber nicht als charismatisch. Vieles wird davon abhängen, wer ins andere Lager vorstossen kann. Die Chancen sind gut; die Basis sehnt sich nach Konsens und Gemeinschaftssinn.

Für und gegen Fussball

Derzeit reisen die Bewerber quer durchs Land. Fragen und Antworten ähneln sich, Spässe sind erlaubt. Für welchen Fussballclub sie seien? Starmer hat eine Dauerkarte bei Arsenal, das kommt an. Thornberry sagt: «Ich kann Fussball nicht leiden.» Punktsieg für Offenheit. Ansonsten viele Allgemeinplätze: Wie wollt ihr Wähler zurückgewinnen? «Mehr zuhören.» Wie wollt ihr mit dem Brexit umgehen? «Akzeptieren und mitgestalten.» Lisa Nandy sagt, dass sie den Corbyn-Kurs falsch fand: zu linksalternativ, zu abgehoben, zu radikal. Long-Bailey muss den Eindruck erwecken, dass sie ihren eigenen Kopf hat. Starmer muss zeigen, dass er als ­Remainer die Brexit-Fans in der Partei nicht für Dummköpfe hält.

Die vier massen sich auch in einer TV-Debatte. Vor allem ein kurzer Schlagabtausch wird in Erinnerung bleiben. Es ging um den Antisemitismus in der Labour Party und darum, wer dagegen aufgestanden sei. Thornberry stellte schnippisch fest, Starmer und sie hätten sich immer wieder für eine schärfere Gangart ausgesprochen. Long-Bailey warf ein: «Ich auch, wenn du dich erinnern möchtest», woraufhin Thornberry konterte: «Ich kann mich nicht erinnern.» Damit hat der Kampf nun auch vor den Kulissen begonnen.

Erstellt: 13.02.2020, 17:26 Uhr

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