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Geteiltes Königreich

Die Tories holen mit ihrem Brexit-Kurs die absolute Mehrheit – in Schottland und Nordirland zeigt sich aber ein völlig anderer Trend. Eine Datenanalyse.

In England machte Johnson das Rennen klar, in Schottland gewannen die Nationalisten: Projektion der Wahlresultate an ein Gebäude der BBC in London. Foto: Getty
In England machte Johnson das Rennen klar, in Schottland gewannen die Nationalisten: Projektion der Wahlresultate an ein Gebäude der BBC in London. Foto: Getty

England für Johnson

Die Entscheidung zugunsten der Konservativen (Tories) fällt im Norden Englands und im Nordwesten von Wales. Dort also, wo schon das Brexit-Referendum zugunsten der Austritt-Befürworter entschieden wurde. Dort gewinnen die Tories Wahlkreise, die seit Jahrzehnten fest in der Hand von Labour waren. Sedgefield zum Beispiel seit 1935 oder Blyth in Northumberland seit 1950 – Gegenden, die vom Bergbau und der Arbeiterklasse geprägt sind. Jetzt übernehmen dort die Tories.

Dabei holt die Partei von Premierminister Boris Johnson in Grossbritannien nur 1,2 Prozentpunkte mehr Wählerstimmen als in der vorigen Wahl 2017. Das Mehrheitswahlrecht, nach dem nur der Gewinner eines Wahlkreises einen Sitz im Parlament erhält, hat den Konservativen allerdings einen Erdrutschsieg verschafft. Die Mehrheit im Unterhaus ist so komfortabel wie seit den 1980ern nicht mehr (zum Wahl-Ticker).

Desaster für Labour

Fast acht Prozentpunkte an Wählerstimmen verliert die Labour-Partei mit ihrem Anführer Jeremy Corbyn. Mit nur 203 Abgeordneten im künftigen Parlament holt die Arbeiterpartei das schlechteste Ergebnis seit 1935. Corbyn erklärt: «Das ist offensichtlich eine sehr enttäuschende Nacht.» Der Parteivorsitzende sagt, er werde sich bei der nächsten Wahl nicht mehr um den Posten des Premierministers bewerben.

Labour verlor 47 Sitze in England, sechs in Wales und sechs von sieben Wahlkreisen in Schottland. Fast nur noch in städtischen Gegenden kann Labour weiterhin die Mehrheit der Menschen für sich gewinnen. Caroline Flint etwa verliert ihren Unterhaus-Sitz für den Wahlkreis Don Valley in South Yorkshire, sie sagt: Die einflussreichen Labour-Politiker, die alle im Norden Londons leben, sollten akzeptieren, dass Labour nicht einfach eine Partei von Grossstädten und Universitätsstädten sowie nur eine Partei der Jugend sein könne.

Mehrheit für den Brexit?

Boris Johnson ist der Triumphator der Wahlnacht. Dieser Wahlausgang sei eine «unwiderlegbare, unbestreitbare» Entscheidung für seinen Wahlslogan «Get Brexit done». Johnson will nun am 31. Januar Grossbritannien aus der Europäischen Union führen.

Trotzdem stimmt, genau betrachtet, keine Mehrheit der Wähler für den Brexit. Die BBC stellt erstaunt fest: Die Mehrheit der Menschen im Land hat Parteien gewählt, die ein zweites EU-Referendum befürworten oder den Brexit ganz abblasen wollen. Labour, Liberaldemokraten, Schottische Nationalpartei und Grüne kommen auf 50,3 Prozent. Konservative und Brexit Partei nur auf 45,6 Prozent.

Schottland stimmt für die Nationalisten

Premierminister Boris Johnson sagt in seinem ersten Auftritt am Morgen vor Parteifreunden: Er wird das Land als ein Vereinigtes Königreich aus der Europäischen Union führen. Das dürfte er Ende Januar schaffen, doch aus Schottland regt sich immer stärkerer Widerstand gegen diesen Kurs.

Schottland hatte sich im Referendum 2016 deutlich für einen EU-Verbleib ausgesprochen, jetzt gelingt der Nationalpartei in Schottland (SNP) ein unerwartet hoher Zugewinn an Parlamentssitzen. 48 von 55 Wahlkreisen gehen an die SNP. 13 mehr als bei der vorigen Wahl 2017. Die SNP will Schottland in die Unabhängigkeit führen und gleichzeitig in der Europäischen Union halten. Das dürfte für die neue britische Regierung zum Problem werden.

Parteivorsitzende Nicola Sturgeon erklärt, nach diesem Ergebnis «muss der Premierminister akzeptieren, dass ich ein Mandat habe, Schottland eine alternative Zukunft anzubieten». Die SNP strebt ein neuerliches Unabhängigkeits-Referendum an, nachdem 2014 eine knappe Mehrheit der Schotten für einen Verbleib in Grossbritannien gestimmt habe. Die Regierung in Westminster müsste allerdings zustimmen und Boris Johnson hat das mehrfach ausgeschlossen. Sturgeon setzt Johnson nun erneut unter Druck: «Es liegt an den Tories zu entscheiden, was ihr Plan B ist, wenn mein Plan A gerade eine Bestätigung erhalten hat.» Allerdings profitiert auch die SNP vom Mehrheitswahlrecht, proportional verfehlt sie mit 45 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit.

Nordirland schwingt weiter ins Anti-Brexit-Lager

Die Provinz auf der irischen Insel ist nach wie vor geteilt. Labour oder Konservative spielen hier keine Rolle, hier stehen Republikaner gegen Unionisten. Die einen wollen eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland, die anderen bei Grossbritannien bleiben. Sieger der Wahl ist überraschend die Alliance Party, die sich als einzige hier neutral verhält. Sie gewinnt einen Wahlkreis und kehrt damit ins Londoner Unterhaus zurück. Die Alliance Party spricht sich gegen den Brexit aus. Ein weiterer Trend: Die Nationalisten aus Sinn Feín und SDLP holen zum ersten Mal mehr Sitze als die Unionisten.

Insofern schwingt das Pendel in Nordirland weiter in Richtung eines EU-Verbleibs. Die DUP, bisher Koalitionspartner der Konservativen in London, verliert zwei von zehn Sitzen. Während die EU- und Irland-freundlichen Sozialdemokraten zwei gewinnen. Die Stimmen, die ein Referendum für die Wiedervereinigung mit Irland fordern, werden lauter.

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Kommentar: Der gewaltige Tory-Wahlsieg gibt Boris Johnson freie Bahn

Seit der Ära Thatcher waren die Konservativen nicht mehr so stark. Die Schlappe Labours hingegen ist vernichtend. Den Briten könnte das grundlegende Kursänderungen bringen.

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