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Getrennt an einem Tisch

In Paris nahmen Staatschefs an der Gedenkfeier zum Ersten Weltkrieg teil. Donald Trump geht dabei eigene Wege.

Melania und Donald Trump, Angela Merkel, Brigitte Macron, Wladimir Putin und andere Würdenträger bei der gestrigen Zeremonie in Paris. Video: AP/SDA

Die Zeremonie begann wie eine Klassenfahrt zum Frieden. Präsidenten und Regierungschefs aus der ganzen Welt liessen ihre Limousinen stehen und kletterten stattdessen gemeinsam in Reisebusse. Die Köpfe von mehr als 70 Ländern waren am Sonntag nach Paris gereist, um des Endes des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren zu gedenken.

Zwei Stunden hätte es gedauert, jeden der Mächtigen im Extrakonvoi zum Triumphbogen zu fahren, teilte der Elysée-Palast mit. Die Lösung des Problems: so tun, als seien die Politiker der Welt eine grosse Fussballmannschaft. Es brauchte vier Busse, damit jeder einen Platz fand. Die Bilder, die dabei entstanden, waren auf die bestmögliche Art französisch. Egalité, Gleichheit. Egal, wie mächtig der Einzelne zu Hause ist, hier warten erst einmal alle auf den Bus.

Trump und Putin kniffen

Alle? Nicht ganz. Der US-Präsident Donald Trump und sein russischer Kollege Wladimir Putin verzichteten auf den republikanischen Moment, sie fuhren jeweils im gesonderten Konvoi vor. Auch Ungarns Premierminister Viktor Orbán fehlte, er legte auf eine Teilnahme an den Friedensfeiern in Paris so wenig Wert, dass er nicht einmal einen Vertreter schickte.

Als Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Mittag schliesslich ans Rednerpult trat, klang es einen kurzen Moment lang, als wende er sich direkt an diese drei Männer, die inzwischen exemplarisch für einen aggressiven Nationalismus stehen, der auf der ganzen Welt Anhänger gewinnt. «Der Patriotismus ist das genaue Gegenteil des Nationalismus», sagte Macron. «Wenn man sagt: Unsere Interessen zuerst, was scheren uns die anderen. Dann tilgt man das Wertvollste, das eine Nation zu bieten hat, das, was sie lebendig macht: ihre Werte.» Wie so oft in den vergangenen Wochen nutzte Macron das Gedenken an den Krieg, um für ein starkes Europa und für die internationale Zusammenarbeit der Staaten zu werben. Das Opfer der Soldaten im Ersten Weltkrieg verpflichte heute dazu, «sich derer würdig zu erweisen, die für unsere Freiheit gestorben sind», sagte Macron. Man müsse «den Frieden über alles stellen».

Kinder lesen die Vergangenheit vor

Die Feier am Triumphbogen war für Macron der Höhepunkt einer Gedenktournee. In der vergangenen Woche hatte er Gemeinden und Städte entlang des Frontverlaufs des Ersten Weltkriegs besucht. Dabei gelang es ihm nicht immer, die Erinnerung an das erlebte Leid sinnvoll mit der heutigen Politik zu verknüpfen. Manchmal schien es, als nutze er die Gräber des Krieges als Bühne für seinen Europawahlkampf. Doch so überehrgeizig er in der vergangenen Woche gewirkt hatte, so gekonnt nahm er sich nun zurück.

Die Mächtigen der Welt sassen schweigend dicht an dicht, als die Vergangenheit zu Wort kam. Französische Schüler lasen aus Feldpostbriefen vor. Am 7. November 1918 notiert ein französischer Soldat: «Stimmt es, dass der Waffenstillstand mit Deutschland unterzeichnet wurde? Ich bin so glücklich, dass es mir schwerfällt, zu glauben, dass die Neuigkeiten wirklich stimmen. Doch sobald ich begreife, wie glücklich ich bin, denke ich an meinen Bruder und an meine Schwester, die beide Opfer dieses Krieges wurden, und mein Blick verschwimmt.» Das Ende eines Krieg, in dem zehn Millionen Menschen das Leben liessen und der sechs Millionen Kinder zu Waisen machte, wird heute nicht mehr als Triumph der Sieger gefeiert.

Musik statt Militär

Und so standen im Mittelpunkt der Feierlichkeiten nicht die französischen Vertreter des Militärs, sondern die Musik. Für einen 11. November in Frankreich ist das aussergewöhnlich. Seit 2012 gedenkt das Land an diesem Tag all seiner gefallenen Soldaten. Doch Macron zeigte den geladenen Staatsgästen nicht die Stärke der Truppen, sondern die Verletzlichkeit des Einzelnen. Den Abschluss der Zeremonie bildete ein Konzert des Europäischen Jugendorchesters, das Maurice Ravels «Boléro» aufführte. Ravel erlebte den Ersten Weltkrieg nicht nur als Soldat, der Krieg fand auch den Weg in sein Werk: Er komponierte «Concerto pour la main gauche» für den österreichischen Pianisten Paul Wittgenstein, der im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verloren hatte.

Neben dem Europäischen Jugendorchester traten der Cellist Yo-Yo Ma und die Sängerin Angélique Kidjo auf. Kidjos Auftritt wurde mit entschiedenem Applaus bedacht, ihre Einladung würdigte die Soldaten aus den Kolonien, die für Frankreich, aber auch für Grossbritannien in den Krieg gezogen waren.

Doch die Gedenkfeier lieferte auch beklemmende Bilder. Die Champs-Elysées wirkten wie ausgestorben, kaum jemand war gekommen, um die Feierlichkeiten aus der Nähe zu betrachten. Wobei ein Näherkommen für Normalbürger ohnehin unmöglich war. Die wenigen, die hinter den Absperrungen standen, schauten sich die Zeremonie auf ihren Handys an. Sie standen unter demselben Regen wie die Vertreter des Militärs und die Staatschefs, doch dasselbe erleben konnten sie nicht. Aus Angst vor Anschlägen wurde Paris zu einer Art unfreiwilligem autofreiem Sonntag gezwungen.

Trump schwänzt den Sonntag

Nach dem Ende der Gedenkstunde am Triumphbogen nutzte Macron die Tatsache, dass ihm die Geschichte die Lenker der Welt ins Land gebracht hatte. Er lud zum Pariser Friedensforum. Wenn es nach dem Elysée geht, dann wird Paris für die Völkerverständigung, was heute Davos für die Wirtschaft ist: ein jährlicher Pflichttermin. Macron habe das Forum organisiert, um «einen nachhaltigen Frieden zu schaffen», heisst es im offiziellen Communiqué. Ein Ziel, so umfassend wie schwammig, dass es theoretisch von jedem Politiker mitgetragen werden kann.

Drei Tage lang sollen Zivilgesellschaft, Politiker und internationale Organisationen in einem ehemaligen Schlachthof im Nordosten von Paris darüber diskutieren, wie die heutigen Konflikte der Welt gelöst werden könnten. Wie rege die Beteiligung der angereisten Premierminister und Präsidenten tatsächlich ausfällt, wird sich Anfang der Woche zeigen. Einer, der bereits den Sonntag schwänzte, war der amerikanische Präsident Trump.

Er zog es am Nachmittag vor, zu einem Militärfriedhof zu fahren. Eigentlich hätte der US-Präsident den Gefallenen des Ersten Weltkriegs schon am Samstag gemeinsam mit Macron, der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und dem kanadischen Premier Justin Trudeau die Ehre erweisen sollen. Das Weisse Haus sagte den Termin jedoch kurzfristig wegen «Wetterschwierigkeiten» ab.

Kamera folgt Trump

Will man diesen Grund glauben, kommt man nicht umhin, sich zu wundern. Denn am Sonntag fiel der Regen in Paris auch deutlich heftiger als am Samstag aus. Trumps eigenmächtige Terminverschiebung überschattete den Beginn des Friedensforums. Während Macron und Merkel das Forum eröffneten, hielt Trump zeitgleich eine Rede auf dem amerikanischen Militärfriedhof in Suresnes.

Macron und Merkel sprachen über die wachsende Instabilität der Welt. Doch mehr Aufmerksamkeit bekam ein anderer: Trump scherzte mit Veteranen über sein Aussehen. Die Kameras folgten dem US-Präsidenten.

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