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Greenpeace traf den wunden Punkt

Öl, Gas und die Zukunft der Schifffahrt: Die Arktis wird geostrategisch immer wichtiger. Russland markiert seinen Anspruch – das zeigt nicht nur der jüngste Vorfall um ein Greenpeace-Schiff.

Entsendet erstmals seit dem Ende der Sowjetunion wieder Kriegsschiffe in die Arktis: Russlands Präsident Wladimir Putin. (Archiv)
Entsendet erstmals seit dem Ende der Sowjetunion wieder Kriegsschiffe in die Arktis: Russlands Präsident Wladimir Putin. (Archiv)
Keystone

Warnschüsse, maskierte Bewaffnete, ein geentertes Schiff: Auf den aufgepeitschten Wellen des Eismeeres eskaliert die Jagd nach milliardenteuren Rohstoffen in der Arktis. Ein Video von Greenpeace zeigt spektakuläre Bilder: Aktivisten baumeln in grosser Höhe an einer Ölplattform des russischen Staatskonzerns Gazprom.

Grenzsoldaten beschiessen die Kletterer mit Wasserkanonen, eine finnische Aktivistin landet in der eiskalten Petschorasee, Sicherheitskräfte rammen die Schlauchboote der Umweltschützer. Mit aller Macht verteidigt Russland seinen Anspruch auf die gewaltigen Öl- und Gasvorkommen, die unter dem ewigen Eis vermutet werden.

«Es wird wieder klar, dass die russische Regierung mehr Interesse daran hat, ihre unverantwortlich handelnden Ölfirmen zu schützen als die Arktis», kritisiert Greenpeace-Sprecher Christoph von Lieven. Das Ökosystem der Arktis gilt als äusserst sensibel, weite Teile sind als Schutzgebiete ausgewiesen. Greenpeace wirft Gazprom vor, Sicherheitsstandards massiv zu missachten. Moskau widerspricht.

Die Unternehmen seien sich ihrer Verantwortung bewusst, betont Sonderbotschafter Anton Wassiljew. Und die Gazprom-Gruppe betont in ihrem Jahresbericht für 2012, mehr als 35 Milliarden Rubel (etwa 1 Milliarde Franken) für Umweltschutz ausgegeben zu haben.

«Letzte ungenutzte Vorratskammer»

Bis 2030 will allein der Energieriese in der Arktis 200 Milliarden Kubikmeter Gas fördern – das ist etwa das sechsfache dessen, was der wichtigste Kunde Deutschland jährlich aus Russland bezieht. Der Klimawandel lasse die gigantischen Eisflächen schmelzen und begünstige die Ausbeutung, meinen Experten. Insgesamt werden 25 Prozent der weltweiten Öl- und Gasvorräte, aber auch Diamanten und Kohle in gewaltigen Mengen unter dem Eismeer vermutet. «Die Arktis ist die letzte ungenutzte Vorratskammer der Welt», sagt Wassiljew. «Und der Löwenanteil gehört Russland», behauptet der Diplomat.

Auf einem internationalen Forum in der nordwestsibirischen Stadt Salechard will Präsident Wladimir Putin kommende Woche den russischen Standpunkt deutlich machen. «Die Arktis – Territorium des Dialogs» heisst die Konferenz. Doch von Dialog kann keine Rede sein.

Denn die anderen Arktis-Anrainer wie die USA, Kanada oder Norwegen widersprechen der Position, dass der Meeresboden eine natürliche Verlängerung des russischen Festlands sei. «Sie gestehen uns die Arktisregion nicht zu», warnt Leonid Iwaschow von der Akademie für Geopolitische Probleme in Moskau.

Moskau entsendet wieder Kriegsschiffe

Wirtschaftlich immer interessanter wird die Region auch deshalb, weil dank der schmelzenden Eismassen ein alter Schifffahrtstraum Gestalt annimmt: Die ganzjährige Durchquerung der Nordostpassage entlang der russischen Polarmeerküste von Europa nach Asien.

Mit der Route hoffen Reedereien auf deutlich kürzere Fahrtzeiten als über die bisherige und Tausende Kilometer längere Strecke durch den Suez-Kanal, den Indischen Ozean und die Strasse von Malakka, die noch dazu wegen Piratenangriffen als äusserst gefährlich gilt.

Die Kontrolle über diese strategisch wichtige Strecke aber hat Russland. Auch deshalb baut Moskau seine militärische Präsenz in der Region deutlich aus. Erstmals seit dem Zerfall der Sowjetunion vor mehr als 20 Jahren entsendet Oberbefehlshaber Putin wieder Kriegsschiffe, die künftig zwischen den Archipelen Franz-Josef-Land und Nowaja Semlja im Nordpolarmeer kreuzen sollen.

«Führungsnation» im ewigen Eis

Zudem ist geplant, einen Stützpunkt auf den Neusibirischen Inseln wieder in Betrieb zu nehmen. Damit lässt Putin seinen Worten Taten folgen: Russland sei die «Führungsnation» im ewigen Eis, hat der Präsident betont und wiederholt gedroht, Moskaus Ansprüche auf die Rohstoffvorkommen notfalls militärisch durchzusetzen.

Die Erkundungen in der schwer zugänglichen Region kommen hingegen nur langsam voran. Die Exploration des riesigen Gasfeldes Schtokman in der Barentssee ist wegen zu hoher Kosten noch auf Eis gelegt. Als einzige Ölplattform betreibt Gazprom bisher die Priraslomnaja – die deshalb nun Ziel des Greenpeace-Protests war.

SDA/ami

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