Mitten in Europa geht ein Zaun hoch

Ein Grenzzaun soll Dänemark vor kranken Wildschweinen aus Deutschland schützen. Das Motiv für den Bau wird angezweifelt.

Intelligentes Wildtier – und immer wieder auch Träger einer hoch ansteckenden Krankheit: Das Wildschwein. Foto: Harald Lange (Getty)

Intelligentes Wildtier – und immer wieder auch Träger einer hoch ansteckenden Krankheit: Das Wildschwein. Foto: Harald Lange (Getty)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf dem Hof von Henrik Hansen könnten sich die Wildschweine zwischen Deutschland und Dänemark verlaufen. «Hier sind wir in Dänemark», sagt der Bauer; der nasse Kies seiner Auffahrt knirscht unter seinen Sohlen. Dann geht er ein paar Schritte weiter, auf den dunklen Asphalt der Strasse. «Das ist Deutschland.» Familie Hansen wohnt auf der Grenze, mitten drauf.

Eigentlich war das ein Glücksfall von einer Grenze: Jahrzehntelang haben die Nachbarn im Norden und im Süden daran gearbeitet, sie unsichtbar zu machen. Und auf einmal sind da rote und gelbe Markierungen, auch neben dem Hof von Henrik Hansen. «Jetzt kommt der Zaun, und plötzlich ist die Geschichte wieder da. Gar nicht schön.» Und dann: «Ein bisschen Scheisse.»

Mitten in Europa geht ein Zaun hoch zwischen zwei Ländern. Macht Dänemark dicht? Vildsvinehegn nennen sie das Ding, Wildschweinzaun.

«Es ist eine Tragödie, dass dieses wunderschöne Tier von Schweinepest befallen ist.»Bent Rasmussen, Dänischer Forstamtleiter

Bent Rasmussen ist Forstamtsleiter, er wird den Zaun im Auftrag der dänischen Regierung bauen. «Wildschweine sind so klug und so charmant», sagt er. «Es ist eine Tragödie, dass dieses wunderschöne Tier von der Afrikanischen Schweinepest befallen ist.» Rasmussen ist ein freundlicher, nachdenklicher Mann, der sein Bestes tut, den Zaun zu begründen. «Ich habe noch keinen Politiker sagen gehört, dass er darüber froh ist, dass diese Massnahme notwendig wurde. Aber es ist unsere Versicherungspolice.»

In Dänemark leben fünf Millionen Menschen, jedes Jahr werden 30 Millionen Schweine geboren. Die Schweinezüchter sind eine Macht. Die Engländer holen sich hier ihren Bacon, Japan und China sind grosse Abnehmer. Würde die Schweinepest das Land erreichen, wäre dieser Markt über Nacht ausgelöscht. Man habe also gute Gründe, den Zaun zu bauen, sagt der Minister für Umwelt und Lebensmittel.

Das sehen nicht alle so. Henrik Hansen ist ein stämmiger, bedächtiger Mann mit rosigen Wangen; der Dauerregen plätschert auf seine Jacke. Er spricht Deutsch mit dänischem Akzent, manchmal sucht er nach einem Wort, aber für den Zaun hat er gleich mehrere. «Schwachsinn» nennt er ihn, «Blödsinn», «Witz».

Die offene Grenze

Mit seiner Frau hat Hansen den Hof der Eltern übernommen. Sie überlegen, ob sie wie früher Schweine halten sollen, Kühe, Hühner. Sie freuten sich auf Land und Freiheit. Und nun wurden die Fähnchen für die Bautrupps hinter seinem Holzzaun in Stellung gebracht. Hansen sagt, er fühle sich «wie eingeschlossen».

Hansen erinnert sich, wie sein Vater immer mal wieder festgenommen und auch er als Kind von Wächtern mit Maschinenpistole gestoppt wurde. Dann fiel die Mauer, dann kam Schengen, März 2001, der Schlagbaum verschwand. Vor allem die jüngeren Leute hatten die Grenze fast vergessen. Bis im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise wieder Stichpunktkontrollen gemacht wurden. Und nun der Zaun? Wegen der Schweine? «Wir können das alles nicht verstehen», sagt Henrik Hansen.

Ende Januar liess die dänische Regierung vor vielen Kameras die ersten Pfosten in den Boden rammen und Gitter anschrauben, die Szenen gingen um die Welt. «Trump wäre stolz», sagt Henrik Hansen, jetzt lacht er. «Aber wir brauchen so was nicht.»


Video: Der Zivilschutz bei der Seuchenübung

Die afrikanische Schweinepest könnte es bis in die Schweiz schaffen. Video: Kathrin Schuler


Der Zaun ist ein gemeinsames Projekt der konservativ-liberalen Regierung in Kopenhagen mit der rechtspopulis­tischen Dänischen Volkspartei, sie drückten ihn im vergangenen Jahr in Rekordzeit durchs Parlament. «Hurra, wir bekommen einen Zaun an der deutsch-dänischen Grenze», schrieb danach Kenneth Kristensen Berth, Sprecher für EU-Angelegenheiten bei der Volkspartei. Man solle den Zaun doch bitte ein paar Meter höher machen, «damit er nicht nur die deutschen Wildschweine, sondern auch illegale Immigranten» abhält.

Kein ernst zu nehmender Politiker in Dänemark hat derzeit vor, einen Zaun zur Abwehr von Menschen an die Grenze zu stellen. Aber ein Zaun bleibt ein Zaun. Oder? Forstamtsleiter Bent Rasmussen, dessen Arbeitgeber das Staatliche Amt für Naturverwaltung ist, hat keine leichte Aufgabe: Er soll einen Zaun bauen, der die Wildschweine draussen hält, um so die heimische Schweineindustrie zu schützen, der aber gleichzeitig alles andere Leben (Rothirsche, Rehe, Otter, auch die Bauern) so wenig wie möglich stört.

«Wir versuchen, uns in den Kopf eines Wildschweins hineinzuversetzen», sagt Rasmussen. Am Grenzflecken zwischen dem deutschen Süderlügum und dem dänischen Tondern steht ein Ergebnis seiner Bemühungen: ein grüner Maschendrahtzaun zwischen Acker und Grenzbach. Im Bach spiegeln sich Wolken und Windräder, der Zaun läuft hinter dem Uferdamm. 1,50 Meter ist er hoch. «Es ist wichtig, dass er die Menschen nicht überragt, dass er ihnen nicht den Eindruck vermittelt, eingesperrt zu sein», sagt Rasmussen.

«Wenn das Rotwild Abitur gemacht hat, hat das Wildschwein die Universität absolviert.»Hans Kristensen

Auch sollen die Hirsche drüberspringen können. Alle 1000 Meter soll es eine Pforte geben und alle 300 Meter einen kleinen Überstieg, für Bauern und Grenzgänger, alle 100 Meter eine Öffnung für kleine Tiere. Die 15 bestehenden Grenzübergänge sind ohnehin offen, dazu kommen fünf Wasserläufe. «Alle Grenzwege, die in der Vergangenheit zugänglich waren, werden auch in Zukunft zugänglich sein», sagt Forstamtsleiter Rasmussen.

Er weiss, dass hier im Grenzland, egal auf welcher Seite der Grenze, fast alle gegen den Zaun sind. «Ich stamme von hier, ich verstehe die Emotionen. Ein Zaun sendet Signale, die keiner senden möchte», sagt Rasmussen: «Aber ich glaube, die Menschen werden merken, dass der Zaun nicht so schlimm ist, wie viele ihn sich ausgemalt haben, und dass sie das Leben, das sie geführt haben, auch in Zukunft führen können.»

«Wenn das Rotwild Abitur gemacht hat, hat das Wildschwein die Universität absolviert», zitiert ein paar Kilometer weiter im dänischen Weiler Lydersholm Hans Kristensen einen Jägerspruch und schüttelt den Kopf: «Was für ein Irrsinn!» Hans Kristensen ist auch Förster und Jäger. Er hat die Facebookseite «Vildsvinehegn – nej tak», «Wildschweinzaun – nein danke», gegründet.

Schweinepest reist auch in der Wurst

Die Afrikanische Schweinepest sei «eine Katastrophe für die Schweinezucht», sagt Kristensen, alle verstünden die Sorgen der Züchter: «Aber Tatsache ist, dass ihnen mit einem Zaun kein bisschen geholfen wird. Das Ding ist völlig sinnlos.» Kristensen sagt, er wisse nicht nur die Menschen in der Gegend, sondern auch die Fakten hinter sich. Da sind ja nicht nur die Löcher im Zaun. Kristensen zählt auf: dass die Schweinepest auch in Lebensmitteln reist, etwa in einer infizierten Wurst, die ein aus Osteuropa kommender Lastwagenfahrer achtlos aus dem Fenster wirft. Dass Wissenschaftler nachgewiesen haben, dass auch Fliegen das Virus übertragen.

Zaunbauer Bent Rasmussen kennt die Argumente. Er kontert mit elf Initiativen der Regierung; ergänzend zum Zaun bringe man zum Beispiel Wildkameras an den Öffnungen an, die Alarm schlagen sollen bei eindringenden Wildschweinen. Vor allem aber haben die dänischen Jäger den Auftrag, jedes Wildschwein zu erlegen, das es über die Grenze schaffen sollte. Die Gegner halten das für Augenwischerei. Experten der Agentur für Lebensmittelsicherheit sagen, es gebe «derzeit keinerlei Belege dafür, dass grosse Zäune effektiven Schutz gegen die Ausbreitung von Wildschweinen bieten».

«All das Geld», sagt Kristensen. «Ein Grossteil der Mittel für die Bekämpfung der Schweinepest wird für diesen nutzlosen Zaun ausgegeben. Für nichts.» Er seufzt. «Es ist für mich als Jäger, aber auch als Staatsbürger ein grosses Irritationsmoment, dass die Politik die Fakten ignoriert und allein aus parteipolitischen Gründen Natur und Landschaft verwüstet.»

Ein Zaun mit vielen Löchern

Der Zaun wurde auch in Dänemark verspottet. Ein Kommentar in der konservativen «Jyllandsposten» sprach vom «Zaun, über den die Deutschen und die Jäger lachen». «Weekendavisen», ein Kopenhagener Wochenblatt, nannte ihn «den Zaun, der eigentlich ein Nicht-Zaun ist»: Man habe während einer Recherche keine Belege dafür gefunden, «dass nicht ein Totempfahl mit einem Schwein oder aber eine Reihe von Ballons mit den Gesichtern von Asterix und Obelix nicht mindestens genauso effektiv wären».

Die Zeitung befragte den Archäologen Palle Eriksen, was Archäologen der Zukunft in das Bauwerk hinein­interpretieren würden, wenn sie in Jahrhunderten Überreste des Wildschweinzauns ausgraben. Der Zaun mit den vielen Löchern, antwortete Eriksen, werde den Kollegen einiges an Rätseln aufgeben. Vielleicht würden sie in ihm ein «kultisches Bauwerk» erkennen, das «Zeugnis ablegt von einer einst reichen und vielleicht humorvollen Gesellschaft, deren Überfluss sie in die Lage versetzte, sich solche nutzlosen Zäune zu leisten».

Die Macht der Schweinebauern

«Die Regierung braucht die Stimmen der Schweinebauern», sagt Hans Kristensen. «Allein deshalb diese Symbolpolitik.» Ähnlich sehen das viele auf der deutschen Seite. In Harrislee bei Flensburg wohnt Anke Spoorendonk. Die Regierung in Kopenhagen wolle «Kunden in Japan beruhigen», sagt sie. Die Politikerin Spoorendonk war bis 2017 Schleswig-Holsteins Ministerin für Justiz, Kultur und Europa.

Auch sie ist zweisprachig und pendelt seit jeher hin und her. Sie vertritt die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein, den Südschleswigschen Wählerverband, setzt sich seit Jahrzehnten für grenzüberschreitende Zusammenarbeit ein, wurde von Dänemarks Königin Margrethe zur «Ritterin des Dannebrogordens» ernannt. 2020 steht das deutsch-dänische Freundschaftsjahr an, 100 Jahre nach der Grenzziehung. Das Verhältnis sei hervorragend, gemeinsame Projekte, ständiger Austausch. «Aber dieser blöde Zaun macht eine ganz andere Aussage. Das Signal ist katastrophal. Das Timing ist katastrophal. Und die Bilder sind katastrophal.»

Dass der dänischen Regierung der Sinn für die dunkle Seite der Symbolik und wohl auch der für Ironie eher abgeht, zeigte sich, als Kulturministerin Mette Bock wenige Tage nach Baubeginn an die Öffentlichkeit ging mit dem Vorschlag, das deutsch-dänische Grenzgebiet von der Unesco zum Weltkulturerbe erklären zu lassen: Die Region sei eine «riesige Inspiration» und biete «wertvolle Lehren» für das Zusammenleben von Völkern «in einer Welt mit grossen Grenzkonflikten».

Bauer Henrik Hansen steht derweil vor seinem Grenzhof, ein Fuss in Dänemark, einer in Deutschland. Er sagt, er habe hier noch nie ein Wildschwein gesehen. «Keinen Syrer. Und kein Wildschwein.» Aber jede Menge Rehe und andere Tiere, denen der Wildschweinzaun im Weg wäre. Hansen sagt, er überlege, selbst Wildschweine zu züchten, kleiner Scherz. «Dann könnte man ja sehen, ob der Wildschweinzaun hält.»

Erstellt: 12.04.2019, 15:23 Uhr

Artikel zum Thema

Schweinezüchter fordern vorsorglich den Massenabschuss von Wildschweinen

SonntagsZeitung Der Verband Suisseporcs will das Übergreifen der Afrikanischen Schweinepest auf die Schweiz verhindern. Mehr...

Saul, der Samenspender

Reportage Ohne künstliche Befruchtung läuft in Schweineställen nichts mehr. Doch die Branche ist in der Krise. Die Preise sinken, und die Schweizer essen weniger Fleisch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Mamablog Mama, bleib doch mal stehen!
Never Mind the Markets Polen und Ungarn sind keine Schwellenländer

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...