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Griechen heben an einem Tag mehr als eine Milliarde Euro ab

Die Geldabflüsse beschleunigen sich, es gibt erste Bargeldengpässe. Die EZB hat offenbar für heute Mittag eine Dringlichkeitssitzung einberufen.

Interview in Athen: Alexis Tsipras (r.) verbindet seine politische Zukunft mit dem Referendum vom 5. Juli. (29. Juni 2015)
Interview in Athen: Alexis Tsipras (r.) verbindet seine politische Zukunft mit dem Referendum vom 5. Juli. (29. Juni 2015)
Keystone
Chinas Regierungschef Li Keqiang (l.) und EU-Ratspräsident Donald Tusk treffen sich in Brüssel. Die Chinesen drängen darauf, dass sich die EU und Griechenland im Zwist bald einigen. (29. Juni 2015)
Chinas Regierungschef Li Keqiang (l.) und EU-Ratspräsident Donald Tusk treffen sich in Brüssel. Die Chinesen drängen darauf, dass sich die EU und Griechenland im Zwist bald einigen. (29. Juni 2015)
John Thys, Keystone
Hat schon viele «Ideen» vorgelegt, die Vertreter der Geldgeber fordern aber einen konkreten Massnahmenplan: Finanzminister Giannis Varoufakis.
Hat schon viele «Ideen» vorgelegt, die Vertreter der Geldgeber fordern aber einen konkreten Massnahmenplan: Finanzminister Giannis Varoufakis.
Virginia Mayo, Keystone
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Die Lage der griechischen Banken spitzt sich täglich zu. Die Abhebung von Bankguthaben in Griechenland soll sich in den vergangenen Tagen beschleunigt haben. Drei hochrangige Bankenvertreter sagten der Nachrichtenagentur Reuters heute, allein am Donnerstag hätten Kunden Guthaben von mehr als einer Milliarde Euro abgehoben. Von Montag bis Mittwoch waren nach Angaben von Insidern insgesamt zwei Milliarden Euro abgezogen worden.

Die allein in der laufenden Woche bereits abgeflossenen Kundengelder belaufen sich auf etwa 2,2 Prozent der von griechischen Banken Ende April gehaltenen Einlagen von Privatpersonen und Unternehmen. «Es gibt keine Schlangen oder Panik, es handelt sich um eine ruhige und schrittweise Phase von Abhebungen», sagte einer der Banker. Dies hänge mit den Sorgen zusammen, ob es noch zu einer Einigung der Regierung in Athen mit Gläubigern kommen wird.

EZB muss griechische Banken vor Run schützen

Wie die Nachrichtenagenturen AFP und Reuters aus mehreren Quellen erfuhren, will der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) dazu gegen Mittag eine Telefonkonferenz abhalten.

Man wolle über eine Ausweitung des überlebenswichtigen finanziellen Spielraums für die Banken beraten. Ein EZB-Sprecher wollte sich dazu nicht äussern. Die EZB hatte zuletzt am Mittwoch den Rahmen für die sogenannten ELA-Notkredite für die griechischen Banken um 1,1 Milliarden Euro auf 84,1 Milliarden Euro angehoben. Die Kredite wurden in den letzten Monaten fast wöchentlich erhöht.

Das ELA-Programm ist derzeit die zentrale Finanzierungsquelle für die Geldinstitute in Griechenland. Die ELA-Kredite werden zu deutlich schlechteren Konditionen vergeben als die üblichen EZB-Darlehen.

EZB dementiert Kapitalverkehrskontrollen

Die EZB werde die Kreditlinie heute erneut ausdehnen, damit Griechenland bis Montag über die Runden kommt, hiess es aus Notenbankreisen. Die Mitglieder der Eurozone haben für den Montag eine Krisensitzung einberufen, nachdem am gestrigen Gipfel der Finanzminister keine Einigung über Reformen und Finanzhilfen erzielt werden konnte.

Gemäss Informationen von Reuters wurde die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen am Gipfel diskutiert. Dabei habe der Vertreter der EZB gesagt, es sei nicht sicher, ob die griechischen Banken am Montag öffnen können. Das wurde von der EZB aber dementiert. Die schwerwiegende politische Entscheidung, Kapitalverkehrskontrollen einzuführen, würde der griechischen Regierung obliegen und müsste vom Parlament bestätigt werden.

Bargeldengpässe

Offenbar gibt es im Land die ersten Bargeldengpässe. Ein Banker bestätigte das gegenüber Spiegel.de. «Das aber liegt nicht daran, dass wir nicht genug Reserven hätten, sondern daran, dass wir so schnell nicht genug Bargeld zur Verfügung stellen können.» So wollte etwa ein Geschäftsmann 5000 Euro abheben. Die Bank habe ihm aber nur 1000 Euro gegeben und gesagt, er solle am Freitag wiederkommen.

Soll den Durchbruch bringen: Die Eurozone hat für den Montag einen Sondergipfel angesetzt. (Video: Reuters)

Griechenland verhandelt seit Monaten mit seinen internationalen Geldgebern über die Bedingungen für die Auszahlung ausstehender Finanzhilfen von 7,2 Milliarden Euro. Gibt es in den kommenden Tagen keine Einigung mit den Gläubigern, droht Griechenland die Pleite und womöglich ein Ausscheiden aus der Eurozone.

Tsipras: «Anfang vom Ende der Eurozone»

Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras hat ein mögliches Ausscheiden seines Landes aus dem Euro als «Anfang vom Ende der Eurozone» bezeichnet. Der Grexit könne «keine Option sein, weder für die Griechen noch für die Europäische Union», sagte Tsipras der österreichischen Tageszeitung «Kurier». Ein Euro-Austritt wäre ein «irreversibler Vorgang». Europa habe sich bislang «immer in Richtung Einheit bewegt. Ein Richtungswechsel «würde das Scheitern der europäischen Idee bedeuten».

Tsipras setzt jedoch auf einen Durchbruch in letzter Minute. Athen habe sich Verhandlungen «auf höchster politischer Ebene in Europa» gewünscht, hiess es heute in einer Erklärung des Regierungschefs. «Wir arbeiten jetzt daran, dass dieser Gipfel ein Erfolg wird.» Diejenigen, die «auf eine Krise und ein Szenario der Angst» setzten, würden eines Besseren belehrt werden.

EU-Finanzminister fordern Zusagen

Nach der Ankündigung eines Sondergipfels zur Griechenlandkrise haben eine Reihe von EU-Finanzministern im Vorfeld weiter verbindliche Reformzusagen Athens gefordert. Bevor das Treffen der Staats- und Regierungschefs am Montagabend stattfinden könne, müsse das vom Staatsbankrott bedrohte Griechenland «einen technischen Vorschlag» vorlegen, über den dann die Euro-Finanzminister vorab beraten müssten, sagte der finnische Finanzminister Alexander Stubb heute in Luxemburg. «Der Ball liegt klar im Feld der Griechen.»

Sein österreichischer Kollege Hans Jörg Schelling äusserte offen Kritik daran, dass EU-Ratspräsident Donald Tusk den Sondergipfel angesetzt hat. Einen Gipfel einzuberufen, der wegen fehlender Vorschläge Griechenlands womöglich nicht vorzubereiten sei, halte er «nicht für sehr zielführend», sagte er. Der Versuch Athens, «jetzt auf die politische Ebene zu spielen» sei «sehr zweischneidig». Denn am Ende müssten alle Entscheidungen doch in der Eurogruppe fallen, weil die Finanzminister diese verantworten müssten.

Die Euro-Finanzminister wollen sich am Montag treffen, um den selbentags geplanten Gipfel vorzubereiten. Das sagte der finnische Ressortchef Alexander Stubb. Aus EU-Kreisen wurde dies bestätigt. «Wir müssen irgendeinen Vorschlag auf dem Tisch haben für den Euro-Gipfel», sagte Stubb heute vor dem EU-Finanzministertreffen in Luxemburg weiter.

AFP/Reuters/rub

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