Griechenlands letzte Hoffnung

Maurice Obstfeld, der neue Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, soll die Eurokrise beheben.

Vorbildliche Karriere: US-Ökonom Obstfeld. Foto: AFP

Vorbildliche Karriere: US-Ökonom Obstfeld. Foto: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Maurice Obstfeld bewies fast prophetische Fähigkeiten. 1997, lange vor der Einführung des Euro, sagte er: Die Währungsunion sei ein gewagtes Spiel. Um es zu gewinnen, müssten die Staaten viel mehr von ihrer Souveränität abgeben.

Damals war Obstfeld «erst» Wirtschaftsprofessor im kalifornischen Berkeley. Nun hat er seine Karriere mit einem der angesehensten Posten gekrönt, die Ökonomen erreichen können. Letzte Woche wurde er zum Chefvolkswirt beim Internationalen Währungsfonds (IWF) ernannt.

Bis vor wenigen Jahren hätte das nur Insider interessiert. Heute lasten die Hoffnungen von ganz Europa auf dem Amerikaner: Er soll den volkswirtschaftlichen Zauberstab zücken und Griechenland zurück in den Aufschwung leiten. Nach seinem Amtsantritt Anfang September wird der 63-Jährige für den IWF über das dritte Hilfsprogramm für Griechenland verhandeln. Obstfelds Meinung zählt. Er gilt als herausragender Spezialist für Finanzmärkte, die Wechselkurspolitik und den Euro. Kollegen haben ihn als den besten Mann für den schwierigen Job gelobt.

Seine Berufung hat auch einen politischen Hintergrund – einen, der Griechenland hoffen lässt und Deutschland ärgert. Obstfeld ist kein Freund strenger Sparpolitik, wie sie Deutschland von Griechenland verlangt. Als Keynesianer glaubt er, dass öffentliche Ausgaben die Wirtschaft voranbringen – auch wenn sich ein Staat hoch verschuldet. Wie viele linksliberale US-Ökonomen promovierte er am MIT in Boston. Wie viele von ihnen hat er sich als Professor gern in die Politik eingemischt, nur tat er es diplomatischer und leiser als viele seiner Kollegen.

Die Aussagen aber waren deutlich: Obstfeld findet, dass man Griechenland einen Teil der Schulden streichen müsse. Diese seien so riesig, dass sie das Land niemals werde zurückzahlen können. Mit dieser Forderung, die er seit Jahren wiederholt, liegt Obstfeld auf der Linie von Olivier Blanchard, seinem Vorgänger beim IWF. Seit kurzem plädiert der Währungsfonds dafür, Griechenland in grossem Ausmass zu entlasten, die meisten Euroländer lehnen dies ab. Sie wird Obstfeld vom Gegenteil überzeugen müssen.

Vom gebürtigen New Yorker selber ist nicht viel mehr bekannt, als dass er eine vorbildliche Karriere hingelegt hat: Er hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, seine Publikationsliste umfasst weit über 100 Artikel. Obstfeld schrieb zwei Volkswirtschaftslehrbücher, die an vielen Universitäten zu den Standardwerken gehören. Im letzten Jahr berief ihn US-Präsident Barack Obama zu einem seiner drei Wirtschaftsberater. Auch dort soll er viel Gutes bewirkt haben.

Maurice Obstfeld sieht ein wenig aus wie ein verwirrter Ostküsten-Intellektueller in einem Woody-Allen-Film: grosse Hornbrille, farbige Krawatte, sanftes Lächeln. Nun warten alle darauf, wie weit er damit in den unsanften Griechenland-Verhandlungen kommt.

Erstellt: 26.07.2015, 19:50 Uhr

Artikel zum Thema

Griechenland beantragt offiziell neue IWF-Hilfen

Athen bittet den IWF um einen neuen Kredit. Das geht aus einem Schreiben von Finanzminister Euklid Tsakalotos hervor. Mehr...

Griechenland ist jetzt ein Protektorat der EU

Kolumne Die ökonomische Unvernunft der EU-Institutionen bedeutet einen wohl irreparablen Einschnitt in Europa. Mehr...

Kommt es im Herbst in Griechenland zu Neuwahlen?

Die Hilfe für Griechenland rollt an. Weil Schäuble allerdings weiter vom «Grexit» spricht, ist der Eurogruppenchef verärgert. Am Montag sollen endlich die Banken wieder öffnen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Hoher Blutdruck: Senken Sie das Risiko

Ein zu hoher Blutdruck kann gefährlich werden. Vor allem, wenn er lange nicht erkannt wird. Die jährliche Blutdruckmessung in der Rotpunkt Apotheke hilft mit, die Risiken zu senken.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...