Grossbritannien ernennt Ministerin für Einsamkeit

Nach Angaben des Roten Kreuzes fühlen sich mehr als neun Millionen Briten einsam. Dagegen will die britische Regierung etwas unternehmen.

Britische Regierung will Einsamkeit bekämpfen: Sportstaatssekretärin Tracey Crouch bekommt eine zusätzliche Aufgabe.

Britische Regierung will Einsamkeit bekämpfen: Sportstaatssekretärin Tracey Crouch bekommt eine zusätzliche Aufgabe. Bild: wikipedia/wikimedia Commons/Foreign and Commonwealth Office

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit dem Brexit steht es wohl nicht im Zusammenhang: Grossbritannien hat künftig eine «Ministerin für Einsamkeit». Premierministerin Theresa May gab am Mittwoch bekannt, dass die Staatssekretärin für Sport und Ziviles, Tracey Crouch, die Aufgabe übernehmen soll, der zunehmenden Vereinsamung von wachsenden Teilen der Bevölkerung entgegen zu wirken.

May sprach von einer «traurigen Realität des modernen Lebens», die Millionen Menschen betreffe. Nach Angaben des Roten Kreuzes sagen mehr als neun Millionen Briten, dass sie sich immer oder häufig einsam fühlen. Etwa 200'000 Senioren hätten höchstens einmal im Monat ein Gespräch mit einem Freund oder Verwandten. Einsamkeit kann Studien zufolge auch die Lebenserwartung reduzieren.

«Epidemie im Verborgenen»

Grossbritannien hat 65,6 Millionen Einwohner. May hat mit der Massnahme nach eigenen Worten vor allem Senioren, Pflegende und solche Menschen im Auge, die den Verlust eines ihnen nahe stehenden Menschen betrauern – «Menschen, die niemanden haben, mit dem sie reden oder ihre Gedanken und Erfahrungen teilen können», sagte die Regierungschefin.

Das Rote Kreuz spricht im Zusammenhang von Einsamkeit und Isolation von einer «Epidemie im Verborgenen», die Menschen aller Altersstufen und in den unterschiedlichsten Lebensphasen treffen könne – sei es nach dem Ausscheiden aus dem Job, nach Trennungen oder bei Trauerfällen.

Mit der Ernennung folgte May der Forderung eines Komitees, das die Erinnerung an die ermordete Labour-Politikerin Jo Cox wach hält. Die 41-jährige Unterhaus-Abgeordnete und Mutter zweier kleiner Kinder war Mitte Juni 2016 im nordenglischen Birstall auf offener Strasse getötet worden. Der Angreifer rief bei der Tat Slogans der EU-Gegner. Cox hatte sich vehement für einen Verbleib ihres Landes in der EU ausgesprochen.

Forderungen auch aus Deutschland

Auch deutsche Politiker fordern, stärker gegen das Problem vorzugehen. «Die Einsamkeit in der Lebensphase über 60 erhöht die Sterblichkeit so sehr wie starkes Rauchen», sagte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach der «Bild»-Zeitung vom Freitag. Einsame Menschen würden früher sterben und «viel häufiger an Demenz» erkranken.

«Es muss für das Thema Einsamkeit einen Verantwortlichen geben, bevorzugt im Gesundheitsministerium, der den Kampf gegen die Einsamkeit koordiniert», sagte Lauterbach weiter. Der CDU-Politiker Marcus Weinberg fordert «eine Enttabuisierung» des Themas Einsamkeit, «damit einsame Menschen eine Lobby haben und Einsamkeit nicht in einer Schmuddelecke bleibt», wie er der «Bild»-Zeitung sagte.

«Querschnittsproblem der Gesellschaft»

Auch die Diakonie forderte mehr Debatten und Engagement im Kampf gegen Einsamkeit. «Die britische Initiative ist vorbildlich», sagte Präsident Ulrich Lilie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

«Einsamkeit ist ein Querschnittsproblem in unserer Gesellschaft, über das zu wenig geredet wird». Politik, Vereine und Verbände müssten ein Bündnis schmieden, um gegen das Problem vorzugehen. (bee/SDA)

Erstellt: 19.01.2018, 11:07 Uhr

Artikel zum Thema

May lehnt Angebot zum Verbleib in der EU ab

Donald Tusk und Jean-Claude Juncker wollten, dass die Briten ihre Meinung überdenken. Doch Theresa May will kein zweites Referendum. Mehr...

Britisches Parlament erzwingt Vetorecht über Brexit-Abkommen

Das britische Parlament hat sich ein Vetorecht über das Brexit-Abkommen gesichert – gegen den Willen der Regierung. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Rioja fasziniert mit neuer Vielfalt

Die Winzer aus der Region Rioja glänzen mit stetig zunehmender Finesse und Vielfalt. Neben Weissweinen sind auch Einzellagen, Orts- und Gebietsweine auf dem Vormarsch.

Blogs

Mamablog Papas Alleswisserei nervt

Geldblog Warum auch Arbeitslose AHV-pflichtig sind

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Hochwasseralarm: Touristen im Gänsemarsch auf einem Laufweg auf dem Markusplatz in Venedig. (13. November 2019)
(Bild: Stefano Mazzola/Getty Images) Mehr...